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Verlängerte Zwischenkalbezeiten – Eine Alternative für Hochleistungskühe?
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Milchkühe möglichst früh tragend zu bekommen, war in der Vergangenheit das Hauptziel der Milchkuhhalter, wenn es um das Thema Fruchtbarkeit ging. Wer seine Tiere nicht vor dem 100. Laktationstag tragend bekam oder eine Zwischenkalbezeit von über 400 Tagen erreichte, hatte in Bezug auf seine Fruchtbarkeit etwas falsch gemacht, so hieß es. Trotz dieser Ziele erhöhten sich die Zwischenkalbezeit und der Besamungsaufwand pro Tier mit steigender Milchleistung kontinuierlich. Doch spricht diese Entwicklung gegen die Managementkompetenzen der Landwirte oder sind unsere Fruchtbarkeitsziele für die Hochleistungskühe von heute einfach nicht mehr aktuell?

 

Vorteile früher Trächtigkeiten

Die Vorteile von frühen Trächtigkeiten sind offensichtlich: Kurze Zwischenkalbezeiten sorgen für mehr Kälber und eine höhere Milchleistung, da eine Kuh mehr Milchspitzen im selben Zeitraum erreicht, als bei einer verlängerten Zwischenkalbezeit. Diese steigenden Leistungen erhöhen den Deckungsbeitrag pro Kuh und veranlassten Landwirte dazu, ihre Kühe immer früher zu besamen.

Probleme früher Trächtigkeiten

Trotzdem haben Milchkuhhalter mit größeren Fruchtbarkeitsproblemen zu kämpfen, da Hochleistungstiere aufgrund ihrer negativen Energiebilanz am Anfang der Laktation nur schwer wieder früh tragend werden. Der Besamungsaufwand pro Tier steigt immer weiter und der Einsatz von Hormonprogrammen wird zum Standard in vielen Betrieben.

Neben den Fruchtbarkeitsproblemen sorgt das Abkalben in immer kürzeren Abständen für mehr Stoffwechselkrankheiten, da sich die Risikoperiode Abkalbung im selben Zeitintervall öfter wiederholt. Zudem ist der Stoffwechsel bei Hochleistungskühen stärker beansprucht, da dies eine längere, vor allem aber stärker ausgelenkte negative Energiebilanz aufweisen. Dies sorgt wiederum für mehr Stoffwechselstörungen, einen höheren Medikamenteneinsatz und steigende Tierarztkosten.
Ein weiteres Problem sind sehr hohe Milchleistungen von über 20 Liter pro Tag zum Zeitpunkt des Trockenstellens. Die Folge dieser hohen Leistungen ist die Erhöhung des Antibiotikaaufwandes, da viele Kühe ohne prophylaktisch verabreichte antibiotische Trockensteller ein zu hohes Risiko für Euterentzündungen hätten.

Die Verkaufserlöse von HF-Kälbern sind schon seit längerer Zeit unter 100 € und schwache Kälber verlassen den Betrieb nicht selten ohne einen Verkaufserlös. Für Landwirte ist die Aufzucht von Kälbern eher ein Verlustgeschäft als eine Einnahmequelle, denn die Kosten für Milchaustauscher, den Tierarzt und die eigene Arbeit übersteigen den Verkaufserlös der Kälber. Milchkühe in sehr kurzen Abständen kalben zu lassen, sorgt für einen weiter steigenden Preisdruck am Kälbermarkt, da mehr Kälber geboren als nachgefragt werden. Dies lässt den Wert und somit die Wertschätzung der Kälber sinken. Zwar lassen sich durch den Einsatz von Fleischbullensperma höhere Verkaufserlöse erzielen, jedoch sind die hohen Geburtsgewichte für einige Kühe ein gesundheitliches Risiko. Außerdem ist anzunehmen, dass der Markt für Kreuzungskälber zukünftig gesättigt sein wird.

Eine weitere Folge von frühen Besamungen ist eine verringerte Nutzungsdauer, da die Milchkühe den Betrieb aufgrund von Unfruchtbarkeit oder Stoffwechselkrankheiten eher verlassen müssen. Die Ursache dafür könnte sein, dass Kühe bereits ab dem 42. Laktationstag besamt werden, jedoch aufgrund der hohen Milchleistung eine stark negative Energiebilanz haben. Folgerichtig ist die Hormonproduktion nicht ausreichend und es besteht für eine Hochleistungskuh nur eine geringe Möglichkeit, vor dem 100. Laktationstag wieder tragend zu werden.

So verstreichen bei einigen Hochleistungskühen nicht selten 2 bis 3 Besamungen, ohne dass die Kuh physiologisch eine Chance auf eine Trächtigkeit hat. Die Folge ist, dass diese Kuh aufgrund ihrer „Unfruchtbarkeit“ den Betrieb als Schlachtkuh verlässt, obwohl sie eigentlich gar nicht unfruchtbar ist. Auch die höhere Wahrscheinlichkeit einer Stoffwechselerkrankung oder einer Mastitis aufgrund des kurzen Abstandes zwischen den Abkalbungen, lässt die Lebenserwartung der Kuh sinken. Neben dem Risiko des Ausscheidens der Kuh aus der Herde, selektiert der Landwirt krankheitsanfällige Tiere schneller, da die Tierarztkosten zu hoch sind.

Wesentlichen Einfluss auf die Remontierungsraten und somit auf die Nutzungsdauer der Kuh hat außerdem der Nachschub an Kälbern und Färsen. Stehen dem Landwirt aufgrund einer kurzen Zwischenkalbezeit mehr weibliche Kälber und somit auch Färsen zur Verfügung, fällt es dem Landwirt leichter, eine Altkuh zu ersetzen, obwohl dieses den Betrieb noch nicht verlassen müsste.

Sicht des Verbrauchers

Einen immer wichtigeren Stellenwert neben den ökonomischen und ökologischen Betrachtungen nimmt die Sichtweise der Bevölkerung ein. Diese hat einen zunehmenden Einfluss darauf, wie Lebensmittel produziert werden. Dem Verbraucher ist heutzutage wichtiger, dass neben dem Preis und der Qualität der landwirtschaftlichen Produkte auch die Produktionsbedingungen für die Nutztiere stimmen. In der Milchproduktion ist für den Verbraucher die vergleichsweise geringe Nutzungsdauer problematisch, da diese weit unter der natürlichen Lebenserwartung der Kühe liegt. Ebenso wird kritisiert, dass der Wert eines Kalbes teilweise geringer ist, als der Preis für ein gewöhnliches Paar Sportschuhe. Des Weiteren ist ein zu hoher Antibiotika- und Hormonverbrauch ein ständiges Thema in Medien und Gesellschaft.

Aufgrund des steigenden Wohlstands unserer Gesellschaft und eines zunehmend kritischen Verbrauchers, könnten diese Baustellen der Milchbranche dazu führen, dass sich einiges ändern muss, damit weiterhin Milchprodukte vermarktet werden können.

Die Verlängerung der Zwischenkalbezeit bietet einen Lösungsansatz, um einige Probleme in der Milchkuhhaltung zu reduzieren und darüber hinaus auch mehr auf die Bedürfnisse des Verbrauchers einzugehen.

Sicht des Landwirts

Für den Landwirt ist hierbei entscheidend, wie bei den meisten Veränderungen auch, ob sich dieses für ihn lohnt. Die Umsetzung einer verlängerten Zwischenkalbezeit bringt auch Herausforderungen mit sich, die der Landwirt finanziell abfangen muss.

Es hat sich bereits gezeigt, dass verlängerte Wartezeiten dazu führen können, dass sich die Tierarzt- und Besamungskosten verringern. Eine niedrige Remontierung sorgt zusätzlich für geringere Kosten bei der Bestandsergänzung. Dem stehen deutlich höhere Altkuh- und Kälbererlöse entgegen, da die Remontierungsrate und die Anzahl der Geburten bei kürzeren Zwischenkalbezeiten höher sind. Jedoch sind diese Positionen in einer Deckungsbeitragsrechnung für eine Milchkuh eher sekundär, da vor allem die Milchleistung entscheidend für die Wirtschaftlichkeit der Milchkuhhaltung ist.

Laktationsverlauf

Erfahrungsgemäß ist der Milchertrag bei einer längeren Zwischenkalbezeit pro Laktation höher, pro Zeitintervall (z. B. pro Jahr) jedoch möglicherweise geringer. Letzteres bestätigt sich aber nur, wenn davon ausgegangen wird, dass die täglichen Milchleistungen in der Laktationskurve durch eine Besamung unbeeinflusst bleiben. Es wäre somit unbedeutend, wann der Zeitpunkt der Besamung ist, da sich die Laktationskurve nicht ändert.

Jedoch sendet nach einer erfolgreichen Besamung der Embryo eine Art Feedback an die Kuh, was zu einer Reduktion der Milchleistung führt. Somit ist die Milchleistung nach einer erfolgreichen Besamung geringer, als ohne diese. Dieses Phänomen ist deutlich bei Tieren zu erkennen, die als zuchtuntauglich eingestuft wurden und keine Frucht in sich tragen. Diese Tiere halten sehr häufig noch über einen sehr langen Zeitraum ihre Milchleistung auf einem hohen Niveau, bevor sie z. B. nach dem 500. oder auch 600. Laktationstag verkauft werden. Zahlreiche Kühe können auch fast 2 Jahre ununterbrochen Milch geben, und das selbst in den letzten Monaten noch in betriebswirtschaftlich relevanter Menge. Ihre Laktationskurve würde sich anders verhalten, nämlich früher abflachen, wenn sie trächtig wären. Kühe mit hoher Milchleistung bestätigen dieses eher, da deren Leistung sehr persistent (langanhaltend) ist.

Dadurch, dass frühe Trächtigkeiten den Verlauf der Laktationsfunktion negativ beeinflussen, ist die durchschnittliche Milchleistung pro Tag, an dem die Kuh gemolken wird, bei langen und kurzen Zwischenkalbezeiten in etwa gleich groß (Abbildung 1).

Je später eine Kuh mit einer sehr hohen Leistung besamt wird, desto geringer ist sozusagen die „Bremswirkung“ der Trächtigkeit.

Diese Zusammenhänge wurden bereits 2012 von Rudolphi (Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern) und 2016 von Kaske (Vetsuisse Fakultät Zürich) anhand von Studien über die Auswirkungen unterschiedlicher Zwischenkalbezeiten bei Kühen mit hoher und sehr hoher Milchleistung belegt. Die in die Studien aufgenommenen Milchkuhherden hatten ein Leistungsniveau von 10.000 kg und mehr/Kuh und Jahr.

Deckungsbeitrag

Obwohl beide Untersuchungen unterschiedliche Herangehensweisen hatten, sind die Ergebnisse ähnlich. So war die Milchleistung pro Melktag (an dem die Kuh auch wirklich gemolken wird) trotz variierender Zwischenkalbezeit gleich groß. Entsprechend wurden bei längeren Zwischenkalbezeiten über 400 Tage nicht nur mehr Milch pro Laktation ermolken, auch die jährliche Milchleistung ist bei längerer Laktation höher als bei kurzer. Dies liegt an der verhältnismäßig kürzeren Trockenstehzeit pro Jahr bei längerer Zwischenkalbezeit (Tabelle 1).

Aufgrund dieser Erkenntnisse zu Milcherlös, Remontierungskosten und allen übrigen Kosten und Leistungen, lässt sich anhand einer Deckungsbeitragsrechnung erkennen, bei welcher Zwischenkalbezeit der finanziell größte Vorteil liegt (Tabelle 2). Hierzu wurden fünf unterschiedliche Zwischenkalbezeitgruppen gebildet, welche zwischen einem Jahr (365 Tage) und 470 Tagen Zwischenkalbezeit liegen. Hierbei wird sich an der Auswertung von Rudolphi (2012) orientiert. Um die unterschiedlichen Positionen der Deckungsbeitragsrechnung zu füllen, wurden die in Tabelle 1 errechneten Milchmengen mit einem Nettomilchpreis von 34 Cent verrechnet. Aufgrund der höheren Geburten- und Remontierungsrate stehen bei kürzeren Zwischenkalbezeiten zwar höhere Kälber- und Altkuherlöse zu Buche, jedoch sind die Remontierungs-, Besamungs- und Tierarztkosten um ein Vielfaches höher als bei der letzten Zwischenkalbezeitgruppe.

Aufgrund des höheren Milcherlöses und der geringeren Remontierungs-, Besamungs- und Tierarztkosten zeigt sich, dass, je länger die Zwischenkalbezeit einer Hochleistungskuh ist, desto höher ist der Deckungsbeitrag pro Kuh und Jahr. Da die übrigen Festkosten unabhängig von der Zwischenkalbezeit konstant bleiben, ergibt sich für den Landwirt durch die Verlängerung dieser ein maximaler Gewinn.

Praktische Umsetzung

Wenn eine verlängerte Zwischenkalbezeit so viele Vorteile bringt, wie kann diese dann letztlich umgesetzt werden? Mit Sicherheit kann eine Verlängerung der Zwischenkalbezeit um ein festes Zeitintervall nicht bei allen Tieren funktionieren, denn eine wesentliche Vorrausetzung hierfür ist, dass die Kuh eine ausreichende Milchleistung und Persistenz (Milchhaltevermögen) besitzt.

Da aber mit steigender Milchleistung auch die Persistenz genetisch korreliert, können die optimale Zwischenkalbezeit und somit der Besamungsbeginn je nach Milchleistung der Kuh festgelegt werden. Je höher die Milchleistung der Kuh nach der Kalbung ist, desto später kann mit dem Besamen begonnen werden. Die Untersuchungen der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern (Römer, 2013) ergaben ähnliche Deckungsbeitragsergebnisse und führten ebenso zur Erkenntnis, dass ein späteres Besamen mit höherer Milchleistung den Gewinn maximiert.

Unter Zugrundelegung eines entsprechend unterstellten Besamungsindexes lässt sich von der Zwischenkalbezeit in etwa auf die freiwillige Wartezeit schließen, die angibt, ab wann welche Kuh mit welcher Leistung besamt werden sollte.

Andersherum ist auch festzulegen, wann mit dem Besamen aufgehört wird, damit Kühe zur Geburt nicht zu stark verfetten oder aufgrund von geringen Milchleistungen unnötiges Geld kosten. Tabelle 3 zeigt, welcher Bereich der Laktation zum Besamen rechnerisch optimal wäre. Ist neben der täglichen Milchleistung, der aktuelle Laktationstag der Kuh und der Besamungsbeginn bekannt, kann der Besamungszeitraum eingegrenzt werden, an dem mit dem Besamen begonnen werden sollte, um die maximale Milchleistung zu erreichen. Außerdem wird der Zeitpunkt angegeben, ab wann ein Besamen der Kuh sollte nicht mehr sinnvoll und zweckmäßig ist, da zu geringe Milchleistungen und möglicherweise eine Verfettung drohen. Zusätzlich ist der Laktationstag für den Start eines Hormonprogramms angegeben, um die Chance einer Trächtigkeit für noch nicht belegte Tiere zu erhöhen.

Fazit

Schlussendlich lässt sich sagen, dass die Verlängerung der Zwischenkalbezeit eine Maßnahme zur Verbesserung der Fruchtbarkeitsergebnisse sein kann und viele Chancen bietet. Das angepasste Besamungsmanagement muss aber in das Betriebskonzept passen und setzt neben einer grundsätzlich hohen Herdenmilchleistung immer auch die tierindividuellen Kenntnisse voraus.

Auf keinen Fall darf ein bewusst verzögerter Besamungsbeginn als „Freifahrtschein“ für Nachlässigkeiten im Fruchtbarkeitsmanagement angesehen werden.

DER DIREKTE DRAHT

Sebastian Peters
Tel: 0175/2325022
spsebastianpeters(at)gmail(dot)com

und

Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Agrarwirtschaft
Tel.: 04331/845138
Email: katrin.mahlkow-nerge(at)fh-kiel(dot)de

Fotos: Sebastian Peters
Stand: 6/2020