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Schweinehaltung in Schweden – was machen sie anders (Teil 1)
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Immer wenn man in Deutschland über Tierwohl und das Halten von Schweinen mit langen Schwänzen spricht, läuft die Diskussion unweigerlich auf die schwedische Schweinehaltung als Beispiel hinaus. Was machen die Schweden anders und was können wir von den schwedischen Schweinhaltern lernen? Diesen Fragen geht Dr. Manfred Weber, Klein Schwechten, im aktuellen Fachartikel anhand einer Exkursion auf einige schwedische Schweinebetriebe nach. Zunächst sollen im ersten Teil des Berichtes die grundsätzlichen Unterschiede der schwedischen zur deutschen Schweinehaltung dargestellt werden und die Punkte, die das Schwanzbeißrisiko ausmachen, näher dargestellt werden.

Teil 1: Grundsätzliche Unterschiede zur deutschen Schweinehaltung

Zunächst sollen im ersten Teil des Berichtes die grundsätzlichen Unterschiede der schwedischen zur deutschen Schweinehaltung dargestellt werden und die Punkte, die das Schwanzbeißrisiko ausmachen, näher dargestellt werden.

Immer wenn man in Deutschland über Tierwohl und das Halten von Schweinen mit langen Schwänzen spricht, läuft die Diskussion unweigerlich auf die schwedische Schweinehaltung als Beispiel hinaus. Was machen die Schweden anders und was können wir von den schwedischen Schweinhaltern lernen? Diese Frage sollte durch eine Exkursion auf einige schwedische Schweinebetriebe beantwortet werden.

Vorab aber eine kurze Übersicht über die aktuelle Situation der schwedischen Schweineproduktion. 

Die Zahlen in Tabelle 1 zeigen, dass die schwedische Produktion in etwa 10 % der deutschen Produktion beträgt. Da der Norden Schwedens hauptsächlich durch Wälder bedeckt ist, konzentriert sich die Schweinehaltung in erster Linie auf den südwestlichen und südöstlichen Teil Schwedens. Dennoch sind so starke Agglomerationen von Schweineställen, wie in Teilen von Deutschland, nicht zu finden. Dies ist schon einmal ein entscheidender Vorteil zur Gesunderhaltung der Herden.

Die schwedische Schweinebranche hatte mit dem Eintritt in die EU im Jahr 1995 schwere Einbußen hinnehmen müssen. Da die Produktionskosten deutlich höher waren als in den übrigen europäischen Ländern, brach die Produktion in wenigen Jahren stark ein. Von einem Selbstversorgungsgrad von annähernd 100 % fiel er über 15 Jahre auf nur noch 70 % ab. Statt 330.000 t wurde nur noch 230.000 t Schweinefleisch produziert. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Import um 100.000 t. Im Jahr 2014 erreichte der Niedergang der Produktion einen Höhepunkt. Resultat war dann eine konzertierte Aktion aller Beteiligten an der Schweineproduktion in Schweden. Neben den schweinehaltenden Betrieben waren das auch die Behörden und Verbände, die ihre Kräfte bündelten.

Seit dieser Zeit steigen die Schweinezahlen in Schweden wieder. Ein zentraler Punkt ist die Bewerbung von Fleisch aus schwedischer Herkunft. Das Verbraucherinteresse wurde zunehmend geweckt und das etwas teurere Fleisch findet wieder den Weg zum Konsumenten.

Ein weiterer Punkt ist die Umstellung der Genetik in den Betrieben. Seit 2017 setzen fast alle schwedischen Betriebe nun auf Tiere des Zuchtunternehmens TopigsNorsvin und auf Sauen aus Dänemark. Die schwedische Genetik, die bis dahin genutzt wurde, hatte erhebliche Defizite in der Fruchtbarkeit. Von der Umstellung versprechen sich die Betriebe eine erhebliche Verbesserung der Kostenseite. Bei den angepaarten Ebern handelt man allerdings noch deutlich konservativer.

Pietraineber kommen so gut wie nicht zum Einsatz. 75 % der schwedischen Sauen werden zur Zeit mit einem Hampshire-Eber angepaart. Für die restlichen 25 % wird der Duroc-Eber genutzt. Durch diese Endrasseneber verspricht man sich in Schweden etwas ruhigere und weniger aggressive Ferkel und Mastschweine. Gerade für den Hampshire-Eber scheint sich das auch in den besuchten Betrieben zu bestätigen.

Welche Tierwohl-Standards unterscheiden nun die deutsche und die schwedische Schweinehaltung?

Die tierschutzrechtlichen Vorgaben, wie sie in Tabelle 2 zu sehen sind, zeigen gegenüber den deutschen Vorschriften einen deutlich weitergehenden Charakter. Zentrale Punkte sind sicher das absolute Kupierverbot, das Verbot von Vollspaltenböden und das Gebot der Nutzung von Einstreumaterial. Aber ebenfalls die übrigen Vorschriften verteuern die Produktion erheblich. Allerdings tragen viele der Vorschriften auch zum Gelingen der Haltung unkupierter Ferkel bei.

Häufig wird in den Diskussionen darüber dem Platzanspruch bzw. der tatsächlich zugeteilten Buchtenfläche pro Tier einen zu großen Stellenwert zugemessen. Sicherlich ist 10 % mehr Platz nicht schädlich, aber nicht unbedingt entscheidend. Viel wichtiger ist z. B. der Gesundheitsstatus der Schweine. Hierbei steht vor allem die PRRS-Freiheit der schwedischen Schweinebestände im Vordergrund. PRRS ist eine der Krankheiten, die dem tierischen Immunsystem am stärksten zusetzen und somit anderen Krankheiten Vorschub leisten. Fehlt diese Belastung ist der Organismus eher in der Lage, andere negativen Einflüsse abzupuffern und nicht mit Stressreaktionen, wie dem Schwanzbeißen, zu reagieren. Alle anderen uns bekannten Krankheiten sind in Schweden aber auch zu finden, die Impfdichte scheint aber viel intensiver zu sein, als in Deutschland.

Dies zeigen die extrem niedrigen Antibiotikamengen, die 2015 bei etwa 20 % des deutschen Verbrauchs pro kg Schlachtgewicht gelegen haben. Da der Gesundheitsstatus des Tieres eine entscheidende Rolle, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle, bei der Haltung von Tieren mit unkupierten Schwänzen darstellt, haben die Schweden deutliche Vorteile gegenüber unseren deutschen Tieren.

Des Weiteren trägt die Pflicht, Einstreumaterial zu verwenden, zur Reduktion von Schwanzbeißen bei. Es ist den Tieren nicht nur laufend möglich, in diesem Material zu wühlen, was dem angeborenen Verhalten sehr entgegen kommt, sondern es hat gleichermaßen die Möglichkeit damit faserhaltige Futtermittel aufzunehmen. Hauptsächlich wird in Schweden mit Stroh eingestreut. Auch wenn häufig eine nur geringe Einstreu (Minimaleinstreu) vorhanden ist besteht die Möglichkeit, in Verbindung mit den großen Anteilen plangeschlossenen Bodens das Einstreumaterial als Wühlmaterial zu nutzen.

Trotz dieser hohen Anteile an plangeschlossenen Fußböden waren die Buchten erstaunlich sauber. Überwiegend wurden kleine Gruppen (um die 10 bis 15 Tiere) in der Aufzucht und Mast je Bucht gehalten. Dennoch wurde immer versucht, eine Strukturierung durch die Anordnung des perforierten Teiles zu schaffen und ihn attraktiv als Toilette erscheinen zu lassen.  Dabei wurden die Toiletten zweier benachbarter Buchten immer nebeneinander und mit einem Gitter als Abtrennung angelegt. Zudem ist ein Teil der Toilette auch mit einer Buchtenwand zum Liege- und Aktivitätsbereich abgetrennt. Ein Gussrost in diesem Bereich rundet die Attraktivität ab.

Dies galt im Übrigen ebenfalls für die Abferkelbuchten, in denen keine Ferkelschutzkörbe vorhanden sind. Der Schutz der Ferkel wird in dieser Bucht durch Abweise an der Wand gewährleistet. Die bei Versuchen in Deutschland bei diesen Systemen immer wieder angeprangerten hohen Ferkelverluste von häufig deutlich über 25 % sind hier nicht zu finden. Landesweit liegen die Verluste zwischen 16 und 18 %. Gründe hierfür könnten die in den Ställen beobachteten deutlich ruhigeren Sauen sein.

Es war tatsächlich auffällig, wie ruhig die Sauen auf unsere Anwesenheit im Abteil reagiert haben. Der Mensch scheint von ihnen nicht mehr als Gefahr angesehen zu werden. Dazu trägt sicher auch der tägliche direkte Kontakt mit dem Stallmitarbeiter bei. Zum Ausschieben der Abferkelbuchten gehen die Mitarbeiter mindestens einmal täglich in die Buchten, nehmen Kontakt auf und befassen sich kurz mit den Sauen und reinigen dabei die verschmutzten Bereiche. Dabei verlieren die Sauen die Angst und agieren sehr ruhig. Ob sich das epigenetisch auf die Ferkel überträgt und sie daher auch ruhiger und weniger aggressiv handeln, bleibt spekulativ.

Die Fütterungssysteme entsprachen weitestgehend unseren Empfehlungen beim Halten von Langschwanztieren. Hauptsächlich wurden Flüssigfütterungssysteme mit Langtrog, an dem es ein Tier-Fressplätzverhältnis von 1:1 gab, genutzt, so dass alle Tiere gleichzeitig fressen können. Das erleichtert die Tierkontrolle während der Fresszeiten, bietet aber gleichzeitig keinem der Tiere die Möglichkeit, beim Fressen von hinten an den Schwänzen zu knabbern, da auch die potenziellen Schwanzbeißer Hunger haben und am Trog stehen.

In der Ferkelaufzucht stellt sicher das höhere Absetzalter eine stabilisierende Maßnahme dar. Zudem nach Angaben von Ana Brandhill, einer praktizierenden Tierärztin, auch zumeist die Würfe zusammen in den Aufzuchtabteilen bleiben. Allerdings bereiten hier jetzt schon die größeren Würfe Probleme. Ein Mischen von Würfen ist nicht mehr zu vermeiden. Ein weiterer Risikofaktor in diesem Bereich wird in Zukunft die Fütterung darstellen. Ab nächstem Jahr ist nämlich ebenfalls in Schweden Schluss mit der Verwendung von hohen Zinkzulagen, die üblicherweise flächendeckend heute noch 2 kg/t betragen. Den Übergang ohne Zink in Zukunft zu schaffen ist aber für die Haltung von Langschwanztieren für mich entscheidend.

Im Teil 2, der in der nächsten Ausgabe erscheint, soll in kurzen Betriebsbeschreibungen gezeigt werden, wie die Haltung in praxis aussieht und mit welchen Vor- und Nachteilen schwedische Schweinehalter leben müssen.

DER DIREKTE DRAHT

Dr. Manfred Weber
Klein Schwechten
Tel.: 039388/28423
E-Mail: Manfred.H.Weber(at)gmx.de

Stand: Januar 2020