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Riboflavinversorgung von Legehennen unter ökologischen Haltungs- und Fütterungsbedingungen
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Einleitung und Zielsetzung

Für eine bedarfsgerechte Versorgung mit B-Vitaminen ist eine zusätzliche Supplementierung auch im Bereich der ökologischen Monogastrierfütterung meist unerlässlich, da die in den eingesetzten Rohstoffen enthaltenen Konzentrationen entweder zu gering sind oder eine hohe Schwankungsbreite aufweisen.

Hinsichtlich Riboflavin (Vitamin B2) ergeben sich seit 2019 Versorgungsengpässe, weil der letzte große Anbieter von Riboflavin als Futterzusatzstoff von einer nicht gentechnisch modifizierten mikrobiellen Herstellung auf ein gentechnisch modifiziertes Verfahren umgestellt hat (FiBL 2019). Riboflavin, das auf diesem Wege als Futterzusatzstoff produziert wird, ist aber in der ökologischen Fütterung nicht zugelassen (VO (EG) Nr. 889/2008).

Riboflavin agiert im Stoffwechsel als eine Vorstufe für die Flavin-Coenzyme Flavin-Adenin-Dinukleotid (FAD) und Flavinmononucleotid (FMN), welche eine wichtige Rolle als Elektronenüberträger in einer Vielzahl von Stoffwechselreaktionen übernehmen, insbesondere hinsichtlich der Energiebereitstellung innerhalb der Zelle. Ein Mangel an Vitamin B2 führt somit zu einer schlechteren Futter- bzw. Energieverwertung in Verbindung mit einem verzögerten Wachstum, dem vermehrten Auftreten von Kümmerern im Bestand, entzündliche Hautveränderungen und neurologische Störungen (Jeroch et al. 2012). Besonders bei jungem Geflügel werden in der Literatur als typische Mangelsymptome nach innen eingekrümmte Zehen und das Wegstrecken der Beine nach hinten genannt, was durch eine Schädigung der Nervenbahnen (Fehlentwicklungen im Bereich des Ischias-Nervs) bedingt ist (Göppel et al. 2020). Bei Zucht- und Legehennen sind neuronale Ausfallerscheinungen seltener zu beobachten. Hier zeigen sich Mangelsymptome eher durch Hautveränderungen oder schlechtere biologische Leistungen (reduzierte Legeleistung, verschlechterte Schlupfraten) (Squires und Naber 1993). 

Die Empfehlungen zur Riboflavin-Konzentration je kg Legehennen-Alleinfutter werden je nach Quelle in einer Größenordnung von 2,5 mg/kg (GfE 1999) bis 4,0 mg/kg (Lohmann 2017) angegeben. Getreidekomponenten erreichen i.d.R. Riboflavingehalte um 1,0 mg/kg; Ölkuchen, Körnerleguminosen und Maiskleber um 2,5 mg/kg (Witten und Aulrich 2018). Werte jenseits von 10 mg Riboflavin/kg erreichen nur wenige, derzeit in der Ökogeflügelfütterung eingesetzte Rohstoffe, wie Grünmehl, Bierhefe, Milch- und Eiprodukte (DLG 2019, eigene Erhebungen). Ein Supplementierungsbedarf ist somit vor allem bei Anwendung der Versorgungsempfehlungen von Lohmann (2017) erforderlich.

Inzwischen steht ein ökokonformes, riboflavinreiches Produkt der Fa. Agrano, 79359 Riegel am Kaiserstuhl, unter dem Markennamen „EcoVit R“ zur Verfügung (VLOG 2019). Eine Anreicherung mit Vitamin B2 in diesem Produkt wird dabei über natürliche Zuchtstämme des filamentösen Pilzes Ashbya gossypii erreicht. Die Riboflavin-Konzentration im trockenen Produkt wird mit > 8.000 mg/kg angegeben. Eine effektive Anhebung der Riboflavingehalte im Legehennenfutter wäre damit auch bei sehr geringen Supplementierungsraten gegeben.

In dem nachfolgend dargestellten Versuch sollten folgende Fragestellungen beantwortet werden:

  • Ist die GfE-Empfehlung (1999) hinsichtlich Riboflavin-Konzentration im Legehennen-Alleinfutter auch unter Bedingungen des ökologischen Landbaus bei Legehybriden noch ausreichend?
  • Welchen Effekt hat eine zusätzliche Riboflavin-Anreicherung auf die biologischen Leistungsparameter und die Riboflavin-Gehalte in den Eiern?
  • Welchen Beitrag kann der Grünauslauf zur Deckung des Vitamin B2-Bedarfs leisten?

Abbildung 1: Anordnung der Stallanlagen mit Grünauslauf

Durchführung eines Fütterungsversuchs mit Legehennen

Für den Fütterungsversuch wurden insgesamt 144 Legehennen der Herkunft „Lohmann brown-plus“ von einem ökologisch wirtschaftenden Legehennenbetrieb aus Bayern zugekauft. Die Tiere waren zum Zeitpunkt der Einstallung in der 33. Lebenswoche. Die Versuchsdauer war auf acht Wochen ausgelegt. Nach der Einzeltierwiegung und Kennzeichnung mittels nummerierter Fußringe wurden die Tiere gruppenweise einer der zwölf Versuchsboxen zugeteilt, die sich wiederum auf drei Rundbogenhallen (Fa. agricultura modular, 8 x 8 m Außenmaß) verteilten (Abbildung 1). Alle Boxen verfügten über einen Zugang zu einem Grünauslauf mit einer Größe von 48 m² (4 m² pro Henne x 12 Hennen pro Box) (Abbildung 2).

Getestet wurden insgesamt drei Futtermischungen mit jeweils vier Wiederholungen (Legemehl-Kontrolle „LM 2,0“ ohne EcoVit R-Zulage, „LM 3,0“ mit 0,0125 % EcoVit R und „LM 4,0“ mit 0,025 % EcoVit R, Anmerkung: Die Zahl nach „LM“ steht jeweils für die angestrebte Riboflavin-Konzentration in mg/kg Futtermischung). Die Basismischung in allen drei Varianten war wie folgt zusammengesetzt:

U-Weizen27,0 %
A-Mais23,0 %
A-Sonnenblumenkuchen (geschält)23,0 %
A-Sojakuchen           12,0 %
Calciumcarbonat7,5 %
A-Grünmehl5,0 %
Sojaöl1,0 %
Vormischung1,5 %

Die in allen Varianten eingesetzte mineralisierte und vitaminisierte Vormischung war ohne Riboflavin-Zusatz, so dass in der Gruppe „LM 2,0“ nur der native Riboflavingehalt der verwendeten Rohstoffe in der Mischung enthalten war. Die Vorlage erfolgte ad libitum mittels runder Futterautomaten mit ca. 17 kg Fassungsvermögen. Zudem stand in jeder Box eine Plasson-Tränke für die Wasserversorgung zur Verfügung.

Da die Tiere sowohl in ihrer körperlichen Entwicklung als auch in der Legeleistung noch Defizite aufwiesen, wurde entschieden, vor dem eigentlichen Versuchsstart eine zweiwöchige Eingewöhnungsphase durchzuführen. Leider reichte dadurch das Futter nicht in allen Varianten für die geplante achtwöchige Hauptversuchsdauer aus. Der Versuch musste dadurch bereits nach der 7. Woche beendet werden.

Folgende Parameter wurden im Versuch täglich erfasst: Anzahl Eier und produzierte Eimasse je Box, durchschnittliches Eigewicht und Legeleistung (errechnet), Tiergesundheit, Verluste. Wöchentliche Erhebung von: Futter- und Gritverbrauch je Box, Eigewichte, Tiergewichte, zudem in den ersten Wochen nach Versuchsstart auch Aufwuchsproben aus den Ausläufe als Sammelprobe über alle Varianten hinweg zur Analyse auf Rohnährstoffe und Riboflavin. Zwei Mal während des Versuchs: Auswahl von zwei mittelwertsnahen Eiern pro Box zur Bestimmung der Riboflavin-Konzentration. Die statistische Auswertung erfolgte als Varianzanalyse mit dem Programmpaket SAS 9.4 (Prozedur GLM). Signifikante Unterschiede wurden ab einer Irrtumswahrscheinlichkeit von p<0,05 mit unterschiedlichen Hochbuchstaben kenntlich gemacht.

Ergebnisse und Diskussion

In Tab. 1 sind die analysierten Inhaltsstoffe der drei im Versuch eingesetzten Futtermischungen aufgeführt. Die Werte entsprechen überwiegend den Ergebnissen der Rationskalkulation (auf Basis 88 % TS). Die höheren Energiekonzentrationen sind in erster Linie den höheren TS-Gehalten geschuldet. Lysin stellt – wie zu erwarten – keinen limitierenden Faktor dar. Der Methioningehalt entspricht exakt den Empfehlungen von Lohmann (2017). Lediglich bei Riboflavin ergibt sich eine etwas größere Abweichung um durchschnittlich 15 % gegenüber den kalkulierten Werten (bezogen auf 88 % TS). Dennoch liegt die Konzentration in der Kontrollgruppe LM 2,0 noch knapp unterhalb der Empfehlung der GfE (1999). LM 3,0 und LM 4,0 entsprechen in etwa den Lohmann-Vorgaben.

Tabelle 1: Analysierte Inhaltsstoffe sowie Energiegehalte (jeweils bezogen auf die Originalsubstanz) der im Legehennen-Fütterungsversuchs eingesetzten Futtermischungen

Die Leistungsdaten aus dem Versuch sind in Tab. 2 dokumentiert. Auffallend ist der hohe Futterverbrauch während des Versuchs, der zum einen auf den Kompensationsbedarf der Tiere (Soll-Lebendgewicht in der 33. Lebenswoche liegt nach Lohmann bei 1.981 g), dem generell sehr hohen Leistungsniveau aber auch Futterverschwendung geschuldet sein dürfte.

Grundsätzlich kann aus den biologischen Leistungsdaten abgeleitet werden, dass keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen in Abhängigkeit der Riboflavingehalte zu beobachten waren. Teilweise zeigte sogar die Gruppe mit der höchsten Versorgungsstufe die schlechtesten Werte. Ebenso konnte kein gerichteter oder gar signifikanter Zusammenhang zwischen der Riboflavin-Konzentration im Legemehl und der Konzentration je kg Vollei ermittelt werden. Hier lagen die Durchschnittswerte bei 4,13 mg/kg (LM 2,0), 4,35 mg/kg (LM 3,0) bzw. 4,20 mg/kg (LM 4,0), jeweils bezogen auf die Frischmasse.

Tabelle 2: Futterverbrauch, Gewichtsentwicklung und Legeleistungsdaten im siebenwöchigen Hauptversuch (LS-Mittelwerte, Standardfehler (± SE))

Bei der Interpretation der Ergebnisse müssen allerdings zwei wesentliche Punkte berücksichtigt werden:

  1. Der Versuch wurde während der Vegetationszeit auf einer bis dato nicht von Legehennen genutzten Grünlandfläche durchgeführt. Es war somit – zumindest für die erste Hälfte des Versuchszeitraums – reichlich hochwertiger Aufwuchs vorhanden, der zusätzlich von den Tieren aufgenommen werden konnte. Die Riboflavin-Gehalte in der Trockenmasse der Aufwuchsproben erreichten dabei Werte von bis zu 20 mg/kg TM. Die tägliche Aufnahme von 5 % dieses hochwertigen Materials erhöht rein rechnerisch die Riboflavin-Konzentration im Legemehl um ca. 1 mg/kg!
  2. Riboflavin kann aufgrund der relativ schlechten Löslichkeit in Wasser relativ gut in der Leber eingelagert werden. Zwar wurde der Aufwuchs im Auslauf aller Varianten nach der 4. Versuchswoche mit einem Rasenmäher zurück gemäht, um das Angebot für die Tiere zu verknappen und „Schwarzauslauf-Bedingungen“ zu simulieren. Möglicherweise reichte der restliche Versuchszeitraum von drei Wochen aber nicht aus, um die Speicher der Tiere vollständig zu entleeren und zumindest bei der LM 2,0-Gruppe einen Leistungsrückgang zu provozieren. 

Abbildungen 2: Legehennen im Auslauf

Schlussfolgerung und Ausblick

In dem vorliegenden Versuch konnten keine leistungssteigernden Effekte durch eine zusätzliche Vitamin B2-Zulage in Form des riboflavinreichen Produktes „EcoVit R“ der Fa. Agrano nachgewiesen werden. Die nativen Gehalte an Riboflavin in den eingesetzten Rohstoffen schienen – in Verbindung mit der teils intensiven Nutzung des Auslaufs – ausreichend gewesen zu sein. Weitergehende Untersuchungen zur Versorgungssituation unter „Schwarzauslauf-Bedingungen“ bzw. über einen längeren Zeitraum, vorzugsweise in den Wintermonaten November bis März, wären für eine abschließende Bewertung hilfreich.

Zusammenfassung

In einem Fütterungsversuch sollte überprüft werden, ob eine Riboflavin-Supplementierung über der von der GfE (1999) angegebenen Empfehlung von 2,5 mg Riboflavin pro kg Legehennen-Alleinfutter positive Effekte auf das Leistungsvermögen der Tiere erwarten lässt. Zur Erhöhung der Riboflavingehalte in den Mischungen wurde dazu in zwei Steigerungsstufen das neue, riboflavinreiche Produkt „EcoVit R“ der Fa. Agrano im Vergleich zu einer nicht supplementierten Gruppe eingesetzt. Der Versuch wurde mit insgesamt 144 Lohmann Brown-plus Legehybriden gemäß den Vorgaben der EU-Ökoverordnung durchgeführt. Unter den gegebenen Versuchsbedingungen konnten zwischen den drei Gruppen keine signifikanten Unterschiede in den relevanten biologischen Leistungsparametern festgestellt werden. 

DER DIREKTE DRAHT

Kontakt
gerhard.bellof@hswt.de

Förderhinweis
Der Versuch wurde im Rahmen des Verbundprojektes „Neue Quellen für Riboflavin“ (FKZ: 2811OE099, BÖLN)
von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gefördert.

Ein Literaturverzeichnis kann bei den Autoren angefordert werden.