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Welche Potentiale weisen Luzerneprodukte für die ökologische Geflügelfütterung auf?
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Der Hintergrund – Was ist das Problem?

Derzeit kann die Eiweißlücke in der ökologischen Geflügel- und Schweinefütterung noch nicht ausreichend durch heimische Proteinquellen gedeckt werden. Da ökologisch wirtschaftende Betriebe häufig Luzerne fest in ihrer Fruchtfolge integriert haben und die Luzerne auch auf Standorten mit geringem Niederschlag ertragsstabil ist, erscheint es interessant, Luzerneprodukte als Eiweißfuttermittel für Geflügel und Schweine einzusetzen. Neben der Frage nach geeigneter technologischer Aufbereitung und Konservierung ist auch die Einsatzmenge von Interesse.

Diese Fragen werden unter anderem im derzeit laufenden Verbundprojekt GRUENLEGUM, welches im Rahmen des Programms „BÖLN“ von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gefördert wird, erforscht.

Erntereifer Luzernebestand

Das Potential als Eiweißfuttermittel

Luzerne hat im Vergleich zu anderen im Ökolandbau genutzten Körnerleguminosen (Erbsen, Sojabohne, Ackerbohne) ein 2,5 bis 3-fach höheres Ertragspotential (Bellof et al., 2014). Hinsichtlich des Nährstoffpotentials liefert die Luzerneganzpflanze dreimal mehr Rohprotein (in kg/ha) im Vergleich zu Erbsen und knapp das doppelte an Rohprotein im Vergleich zu Acker- und Sojabohnen. Für die Geflügelfütterung ist die Luzernepflanze insbesondere in Form von Ganzpflanzengrünmehl und als Trockenblatt Futtermittel denkbar. Eigene Ergebnisse zeigen, dass Luzernegrünmehl (geerntet vor dem Knospenstadium) einen Rohproteingehalt von 243 g/kg TM aufweist. Das von gleichem Ausgangsmaterial gewonnene Luzernetrockenblatt liegt sogar bei einem noch höheren Wert von bis zu 325 g RP/kg TM (Tabelle 1). Auch die Lysin- und Methioningehalte sind im Luzernetrockenblatt gegenüber dem Luzernegrünmehl etwa um ein Drittel höher und liegen auf dem Niveau von Sojabohnen.

Ähnlich wie die Ackerbohne enthält die Luzernepflanze jedoch auch sekundäre Inhaltsstoffe (Saponine), welche den Einsatz der Luzerneprodukte, insbesondere des Trockenblatts limitieren können.

Tabelle 1: Protein und Aminosäurengehalte verschiedener Luzerneprodukte (g/kg TM)

Luzerneprodukte aus früher Nutzung weisen somit ein hohes Potential als Eiweißfuttermittel in der ökologischen Monogastrierfütterung auf. In Fütterungsversuchen mit Masthühnern und Leghennen wurde der Einsatz von steigenden Anteilen an getrockneten Luzerneblättern (LB) in Alleinfuttermischungen geprüft. Wesentliche Ergebnisse werden nachstehend vorgestellt.

Fütterungsversuch mit Masthühnern

Vorgehensweise

Ziel des Versuches war es, mittels eines Dosis-Wirkungs-Verfahrens herauszufinden, welche Anteile Luzernetrockenblatt von Masthühnern ohne Leistungseinbußen vertragen werden. Eine Partie der geernteten Luzerneblätter (LB) wurde heißluftgetrocknet (zwischen 200-600°C (Trommeleingang) und 100°C (Trommelausgang)) und diente als Grundlage für die Fütterungsvarianten LB 2, LB 3 und LB 4. Eine weitere, kleinere Partie (Luzerneblätter niedriger Temperatur (LBnT)) wurde mittels der Abwärme einer Biogasanlage (ca. 45°C) getrocknet und für die Futtermischungen der Variante LBnT 5 verwendet. Nährstoffgehalte, Proteinlöslichkeit und Lysin-Verfügbarkeit wurden analytisch ermittelt. Für den Fütterungsversuch wurden 600 männliche Eintagsküken des Genotyps Hubbard JA-757 auf fünf Fütterungsvarianten (Kontrolle (K), LB 2, LB 3, LB 4, LBnT 5) mit je fünf Wiederholungen (= Abteile) verteilt. Die durchschnittlichen Gruppengewichte zu Versuchsbeginn waren einheitlich. Die Mast wurde in drei Fütterungsphasen unterteilt (Phase 1 (P1): 1. – 14. Lebenstag; Phase 2 (P2): 15. – 28. Lebenstag; Phase 3 (P3): 29. – 56. Lebenstag).

Eingestallte Eintagsküken des Mastversuchs in einem Abteil

Die Futtermischungen der Varianten LB 4 und LBnT 5 unterschieden sich nur in der Trocknungstemperatur des Luzerneblattmehls. Die Anteile an Luzerneblattmehl wurden je Phase um 5% gesteigert (K: 0 %-0 %-0 %; LB 2: 0 %-5 %-10 %; LB 3: 5 %-10 %-15 %; LB 4: 10 %-15 %-20 %; LBnT 5: 10 %-15 %-20 %), wodurch die anderen Proteinträger - Sojakuchen, Sonnenblumenkuchen und Erbsen – entsprechend reduziert wurden. Alle Futtermischungen bestanden zu 100% aus ökologisch erzeugten Rohstoffen und waren isoenergetisch und isonitrogen konzipiert. Die angestrebten Energiegehalte (AMEN) betrugen 11,6 MJ/kg (P1), 11,7 MJ/kg (P2) bzw. 11,9 MJ/kg (P3). Die Futtermischungen wurden in pelletierter Form vorgelegt. Die Futter- und Wasseraufnahme erfolgte zur freien Aufnahme. Tierverluste, Futterverbrauch sowie Mastleistungsmerkmale wurden erfasst. Am 58. Lebenstag wurden pro Abteil jeweils vier Broiler (Lebendmasse entsprach der durchschnittlichen Lebendmasse aller Tiere des jeweiligen Abteils) geschlachtet und relevante Schlachtkörpermerkmale erhoben.

Masthühner am 51. Lebenstag in einem Abteil

Ergebnisse

Die eingesetzten Luzerneblätter (LB) wiesen pro kg Trockenmasse folgende Nährstoff- und Aminosäurengehalte auf: 219 g Rohprotein, 13,1 g Lysin und 3,6 g Methionin. Das Luzerneblattmaterial LBnT unterschied sich geringfügig von diesen Werten: 228 g Rohprotein, 14,1 g Lysin und 3,7 g Methionin. LBnT zeigte eine höhere Proteinlöslichkeit und Lysin-Verfügbarkeit als LB. Die Analysenergebnisse der Futtermischungen zeigten eine insgesamt gute Übereinstimmung mit den geplanten Nährstoff- und damit auch AMEN-Gehalten. Über den ganzen Fütterungsversuch hinweg lag die Verlustrate – bezogen auf den gesamten Tierbestand – bei 2,7 %. Gegenüber der Kontrollgruppe sank der Futterverbrauch der Luzerneblattgruppen signifikant mit dem Anstieg des Luzerneblattanteils (Tabelle 2). Am Ende der Phase 1 wiesen Tiere der Gruppen ohne Luzerneblattanteil (K und LB2) signifikant höhere Gewichte im Vergleich zu Tieren mit einem Mischungsanteil von 5 % und 10 % auf. Am Ende der Phase 2 zeigte sich bei einem erstmaligen Anteil von 5 % Luzerneblättern auch in Gruppe LB 2 ein signifikant niedrigeres Gewicht im Vergleich zu K. Ähnlich wie in den oben beschriebenen Verdauungsversuchen wird auch in diesem Versuch angenommen, dass die Saponine, welche insbesondere im Blattmaterial in konzentrierter Form vorkommen, hier antinutrititv gewirkt haben. Die Kontrollgruppe erreichte das höchste Mastendgewicht. Die geringsten Schlussgewichte zeigten die Gruppen LB 3, LB 4 und LBnT 5.

Bei gleichem Luzerneblattanteil wies LBnT 5 ein tendenziell höheres Endgewicht auf als LB 4. Der Futteraufwand war entsprechend des geringeren Futterverbrauchs und der deutlich geringeren Gewichtsentwicklung der Luzerneblattgruppen mit steigenden Blattanteilen höher. Allerdings zeigte LBnT 5 einen geringeren Futteraufwand als LB 4. Dies kann auf die höhere Proteinlöslichkeit und Lysin-Verfügbarkeit und die dadurch bessere Verwertbarkeit des auf niedrigerer Temperatur getrockneten Materials LBnT zurückgeführt werden. Entsprechend den Mastendgewichten ergaben sich mit steigenden Luzerneblattanteilen auch signifikant niedrigere Schlacht­körpergewichte zwischen den Luzerneblattgruppen. Dies war ebenfalls für die Schlachtausbeute und den Brustanteil festzustellen (Tabelle 2).

Tabelle 2: Ausgewählte Mast- und Schlachtleistungsparameter des Broilermastversuchs mit steigenden Anteilen an getrockneten Luzerneblättern

Insgesamt wurden ab der erstmaligen Einmischung von Luzerneblättern über alle drei Phasen des Versuchs hinweg signifikant niedrigere Mast- und Schlachtleistungen verzeichnet, die mit steigenden Anteilen von Luzerneblättern weiter abnahmen. Hohe Trocknungstemperaturen scheinen die Proteinlöslichkeit und Lysin-Verfügbarkeit des Luzerneblattmehls und somit die Verwertbarkeit durch Broiler negativ zu beeinflussen.

Schlachtkörper aus dem Mastversuch

Fütterungsversuch mit Legehennen

Vorgehensweise

Es wurden 24 Legehennen der Herkunft Lohmann Brown Plus in einen Feststall eingestallt und auf vier Fütterungsvarianten (Kontrolle (K)) mit 0 % LB; 1 0% LB; 15 % LB; 20 % LB) verteilt. Die pelletierten Alleinfuttermischungen stammten aus dem o.g. Broilerfütterungsversuch. Durch den Einsatz der identischen Futtermischungen konnte verglichen werden, ob die eingemischten Luzerneblätter auch auf die Legehenne vergleichbare Auswirkungen haben. Die Futtermischungen bestanden aus 100 % ökologischen Rohstoffen und waren isoenergetisch und isonitrogen konzipiert. Zur bedarfsgerechten Calciumversorgung erfolgte eine zusätzliche Vorlage von Muschelgrit.

Die Tiere wurden zu Versuchsbeginn (6 Tiere pro Variante) so zugeordnet, dass die Gruppengewichte einheitlich waren. Die Tiere stammten von einem ökologisch wirtschaftenden Legehennenbetrieb und zeigten zum Zeitpunkt der Einstallung (23. Lebenswoche) eine Legeleistung von 95%. Futter und Wasser wurde den Tieren zur freien Aufnahme bereitgestellt. Während des Versuchs wurden der Futterverbrauch und die Entwicklung der Tiergewichte wöchentlich ermittelt. Außerdem wurden Legeleistung, Eigewicht und die produzierte Eimasse erfasst. Die Versuchsdauer umfasste 42 Tage.
 

Ergebnisse und Diskussion

Die steigenden Anteile von Luzerneblättern in den Alleinfuttermischungen führten dosisabhängig zu signifikanten Leistungsdepressionen bei den Legehennen (Tabelle 3). Der Futterverbrauch war in der Kontrollgruppe am höchsten und sank mit den steigenden Anteilen an Luzerneblättern stark ab. In der Folge nahm Gruppe K zu, während es zu Gewichtsverlusten in den LB-Gruppen kam. Diese waren vor allem in den Gruppen 15 % LB und 20 % LB hoch. Auch die Parameter Legeleistung, Eigewicht und Eimasse nahmen dosisabhängig ab.

Tabelle 3: Ausgewählte Leistungsparameter im Fütterungsversuch mit Legehennen

Aufgrund ihrer stark verringerten Leistung wurden die Gruppen 15 % LB und 20 % LB nach 14 Tagen aus dem Versuch genommen. Auch Gruppe 10 % LB zeigte eine niedrigere Futteraufnahme und verlor zunächst deutlich an Gewicht, was bis zum Ende des Versuchs aber wieder etwas kompensiert wurde (Tag 42). Die Legeleistung war im Vergleich zu K ebenfalls verringert.

Auch Mouraõ et al. (2006) berichten von Gewichtsabnahmen, einer reduzierten Legeleistung, verringerten Eigewichten und Eimassen bei der Fütterung von Legehennen mit 15 % Luzernemehl. Diese Leistungsdepressionen sind vermutlich auf das Vorkommen von antinutritiv wirksamen Saponinen in der Luzerne zurückzuführen, die vor allem in Blättern und Wurzeln auftreten (Sen et al. 1998). Antinutritive Effekte von Saponinen sind u.a. ein bitterer Geschmack, eine dadurch bedingte verringerte Futteraufnahme und Wachstums­depressionen. Laudadio et al. (2014) prüften ebenfalls einen Mischungsanteil von 15 % Luzernemehl aus Ganzpflanzen in Rationen von Legehennen, fanden allerdings im Vergleich zur luzernefrei versorgten Kontrollgruppe keine Leistungsunterschiede.

Fazit und Ausblick

Für den Mastversuch ist festzuhalten, dass der Einsatz von Luzernetrockenblatt, besonders der frühe Einsatz (5 % ab Phase 1) und die Einmischung höherer Anteile (15 – 20 %), zu Leistungsdepressionen bei wachsenden Broilern führen.

Bereits niedrige Mischungsanteile von 10% Luzerneblättern, vor allem aber höhere Anteile (15 %, 20 %), führen zu stark verminderten Leistungen von Legehennen. Ursache für die beobachteten Leistungsminderungen sind vermutlich auf antinutritiv wirksame Saponine zurückzuführen. Aufgrund des relativ hohen Proteingehaltes, des hohen Flächenertrags und der regionalen Erzeugung wird dennoch weiterhin Potential in Luzerneblättern als Aminosäurenquelle für Geflügel gesehen. Für einen erfolgreichen Einsatz in der Geflügelfütterung bedarf es aber der weiteren Erforschung der Luzernesaponine (biologische Aktivität individueller Saponine, Sortenunterschiede, Erntezeitpunkt, Konservierung, Einsatzmenge).

DER DIREKTE DRAHT

Kontakt
gerhard.bellof@hswt.de

Förderhinweis
Das Projekt GRUENLEGUM wird vom BMEL gefördert (FKZ 2815OE039).

Das Literaturverzeichnis kann von den Autoren angefordert werden.