Wiederholte Grippeimpfung bei Kälbern – Effekte auf Tiergesundheit und Entwicklung in der Gruppenhaltung
Atemwegserkrankungen bei Rindern, vor allem bei Kälbern und Jungrindern, gewinnen anhaltend Bedeutung. Die ersten Lebenswochen stellen dabei eine besonders kritische Phase in der Kälberaufzucht dar. In diesem Zeitraum ist das Risiko für Erkrankungen deutlich erhöht und geht gleichzeitig mit einer gesteigerten Mortalität einher. Klinisch treten diese Erkrankungen meist etwas verzögert auf und häufen sich insbesondere ab der vierten Lebenswoche. Die Folgen für die betroffenen Tiere sind erheblich: Erkrankte Kälber zeigen geringere tägliche Zunahmen und eine insgesamt verzögerte Entwicklung. Dies hat einen nachgewiesenen Einfluss auf die Produktivität, Langlebigkeit und Milchleistung als spätere Kuh.
Routinemäßige intranasale Impfungen gegen Erreger der Rindergrippe gelten nicht zuletzt aus diesen Gründen in vielen Betrieben mit Kälberaufzucht als bewährte Standardmaßnahme zur Stabilisierung der Tiergesundheit. Dennoch kommt es vor, dass trotz konsequenter Impfung, regelmäßig respiratorische Erkrankungen bei Kälbern in der Gruppenhaltung auftreten. Vor diesem Hintergrund wurde an der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) in Iden (Sachsen-Anhalt) geprüft, ob ein angepasstes Impfschema die Widerstandsfähigkeit der Tiere zusätzlich verbessern kann.
Ausgangssituation in der Kälberaufzucht
Die Kälber werden in den ersten beiden Lebenswochen in Einzelhaltung in Iglus mit Auslauf gehalten und routinemäßig intranasal gegen wichtige virale Erreger der Rindergrippe geimpft. Zum Einsatz kommt ein intranasaler Impfstoff, der über die Nasenschleimhaut aufgenommen wird und einen lokalen Immunschutz gegen das Bovine Parainfluenza‑3‑Virus (PI3V) sowie das Bovine Respiratorische Synzytialvirus (BRSV) aufbaut. Ab dem 14. Lebenstag werden die Kälber in Kleingruppen mit jeweils bis zu 12 Tieren in einen Offenfrontstall umgestallt. In dieser Phase erhalten die Tiere am Tränkeautomaten in der Hochtränkephase bis zu 10 Liter Milchaustauscher täglich und werden nach 91 Tagen abgesetzt. Trotz dieser etablierten Impf- und Aufzuchtstrategie kam es in der Gruppenhaltung immer wieder zu Erkrankungen einzelner Tiere oder des gesamten Stallabteils in unterschiedlicher Ausprägung. Die Tiere zeigten typische Symptome der Rindergrippe wie Nasenausfluss und Husten.
Optimierung der Haltungsbedingungen
Als erster Schritt wurden bauliche Veränderungen in den Kälberbuchten vorgenommen. Die Rückwände der Kleingruppenbuchten wurden vollständig geschlossen und bestehende Strukturen erneuert beziehungsweise umgebaut, um Zugluft konsequent zu vermeiden und ein ruhigeres Stallklima zu schaffen. Ziel war es, den Infektionsdruck durch klimatische Faktoren zu reduzieren. Diese Maßnahmen führten bereits zu einer sichtbaren Verbesserung der Situation. Dennoch blieb die Fragestellung bestehen, ob auch immunologisch weiteres Potenzial ausgeschöpft werden kann.
Anpassung des Impfschemas
Im Austausch mit dem betreuenden Bestandstierärzten entstand die Idee, die bestehende intranasale Lebendimpfung (Prime-Impfung) durch eine inaktivierte Injektionsimpfung mit denselben Virusstämmen (Boost-Impfung) zu ergänzen. Ansatz war das Prime-Boost Impfschema, um die systemische Immunantwort zu verstärken und den Schutz gegen bakterielle Sekundärerreger zu erweitern. Zusätzlich zur intranasalen Impfung erhielten die Kälber der Versuchsgruppen im Abstand von ca. 10 Tagen eine Injektionsimpfung mit einem Kombinationsimpfstoff desselben Herstellers. Diese Injektionsimpfung schützt neben PI3V und BRSV mit denselben Stämmen wie in intranasale Impfung, auch gegen Mannheimia haemolytica, einen bedeutenden bakteriellen Erreger des Rindergrippekomplexes. Drei Wochen später wurde diese Impfung erneut verabreicht, um die Grundimmunisierung abzuschließen.
Datenerhebung
Um den Effekt der Maßnahme bewerten zu können, wurden insgesamt 49 Kälber in Kontroll- und Versuchsgruppen aufgeteilt. Die Kontrollgruppen (KG) wurden weiterhin ausschließlich nach dem bisherigen Schema intranasal geimpft. Die Versuchsgruppen (VG) erhielten zusätzlich die beschriebene wiederholte Injektionsimpfung nach dem Prime-Boost Impfschema. Die Kälber wurden bis zu einem Alter von ca. fünf Monaten jeden Mittwoch gewogen. Zusätzlich wurden unter anderem die Futteraufnahme, klinische Auffälligkeiten sowie Gesundheitsparameter anhand eines standardisierten Scoring-Systems dokumentiert. Dieses Punktesystem erfasst Merkmale wie Augen- und Nasenausfluss, Husten oder Verschmutzungen im Analbereich. Je höher der Punktwert, desto stärker ausgeprägt sind die Symptome.
Ergebnisse der Tiergesundheit und Gewichtsentwicklung
Subjektiv ergab sich während der Aufzucht kein augenscheinlicher Unterschied zwischen den Gruppen. Alle Kälber wirkten ähnlich vital, zeigten gute Futteraufnahme und insgesamt stabile Gesundheitsverläufe. Die bisherige Auswertung der Scoring-Daten zeigt, dass die KG im Mittel 1,5‑fach höhere Punktwerte aufwiesen als die VG. Deutliche Unterschiede zeigten sich in der Gewichtsentwicklung. Mit einem Alter von fünf Monaten betrug der Gewichtsvorteil im Schnitt 7,9 kg in der VG. Umgerechnet entspricht dies einer durchschnittlich um 50 g höheren täglichen Lebendmassezunahme. Während die KG Tageszunahmen von durchschnittlich 977 g erreichten, lagen die VG bei 1.037 g pro Tag. Auch wenn sich die Unterschiede im klinischen Erscheinungsbild bisher nicht eindeutig statistisch absichern ließen, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Impfung nach dem Prime-Boost Ansatz einen positiven Einfluss auf die Leistungsentwicklung der Kälber hat. Die Ergebnisse legen nahe, dass sich dies auch in der Gewichtsentwicklung widerspiegeln kann.
FAZIT
Die Untersuchungen zeigen, dass ein erweitertes Grippeimpfschema nach dem Prime-Boost Ansatz über das übliche intranasale Schema hinaus positive Effekte auf die Entwicklung von Kälbern in der Gruppenhaltung haben kann. Für Betriebe mit wiederkehrenden Problemen durch Rindergrippe in der Kälberaufzucht kann es sinnvoll sein, neben Optimierungen im Stallklima auch das bestehende Impfschema zu intensivieren und zu optimieren. Dabei wird deutlich, dass die Rindergrippe ein multifaktorielles Geschehen ist und Impfmaßnahmen auch im Zusammenhang mit Haltungsbedingungen betrachtet werden müssen. Das Zusammenspiel aus baulicher Optimierung, konsequentem Management und angepasster Immunprophylaxe führte in Iden zu stabileren Verhältnissen in der Kälbergruppe.



