Öko-konforme Fütterung von weiblichen Mastputen: Leistung und Tierwohl in der Balance halten!
Eine zentrale Herausforderung in der ökologischen Putenfütterung stellt die bedarfsgerechte Versorgung mit essentiellen Aminosäuren (EAS) – insbesondere Methionin und Lysin – dar. Der Einsatz freier Aminosäuren, welcher in der konventionellen Geflügelfütterung inzwischen Stand der Technik ist und eine präzise Optimierung der Mischungen ermöglicht, ist in der ökologischen Fütterung nicht erlaubt. Um die Tiere dennoch möglichst bedarfsgerecht – ohne merkliche Leistungseinbußen bei gleichbleibend hohem Tierwohl – versorgen zu können, müssen im Vergleich zur konventionellen Fütterung meist höhere Rohproteingehalte in den Rationen in Kauf genommen werden. Das erhöht jedoch die Stickstoffausscheidungen und ist weder ökologisch noch ökonomisch optimal.
Ein weiterer möglicher Lösungsansatz ist das Konzept des kompensatorischen Wachstums. Dabei handelt es sich um eine Phase beschleunigten Wachstums, die nach einer Phase eingeschränkter Fütterung auftritt, während der das normale Wachstum aufgrund begrenzter Nährstoffaufnahme vorübergehend gehemmt war. Bei verbesserter Fütterung steigt die Wachstumsrate über das altersübliche Niveau hinaus, um frühere Wachstumsdefizite auszugleichen.
Im Rahmen des Forschungsprojekts „AminoVit“ wurde das Prinzip des kompensatorischen Wachstums gezielt bei männlichen Auburn- und B.U.T. 6-Puten angewendet. Dazu wurden die Gehalte an EAS in der Aufzuchtphase – einer Periode mit besonders hohem Aminosäurenbedarf – um bis zu 30 % unter die Züchterempfehlungen abgesenkt und im weiteren Mastverlauf schrittweise wieder auf 90–100 % der Empfehlungen angehoben. Gleichzeitig wurden die AMEN-Gehalte in der gesamten Mastphase konstant um 10 % reduziert. Da Geflügel seine Futteraufnahme in Abhängigkeit vom Energiegehalt der Ration regulieren kann, sollte die geringere Energiedichte zu einer erhöhten Futteraufnahme und damit zu einer gesteigerten täglichen Aminosäurenaufnahme führen. Die Tiere reagierten in der Untersuchung mit erhöhter Futteraufnahme sowie kompensatorischem Wachstum und konnten ihre Endgewichte bis zum Mastende in der 20. Lebenswoche vollständig ausgleichen (Kirn et al., 2024).
Bislang wurde dieser Ansatz überwiegend unter dem Aspekt der Leistung bewertet. Weniger untersucht ist, wie sich eine zeitweise deutliche Reduktion der Aminosäurenversorgung auf Tierwohlmerkmale auswirkt. Speziell von Legehennen ist bekannt, dass ein Mangel an bestimmten Aminosäuren (v. a. Methionin) das Auftreten von Verhaltensstörungen forcieren und den Gefiederzustand negativ beeinflussen kann. Somit stellt sich die Frage, ob die Strategie des kompensatorischen Wachstums auch aus Tierwohlsicht tragfähig ist.
Vor diesem Hintergrund wurde in der vorliegenden Studie bei weiblichen Auburn- und B.U.T. 6-Puten untersucht, wie sich eine Reduktion der EAS-Konzentrationen um bis zu 30 % – bei gleichzeitig 10 % reduzierter Energiekonzentration in den ökokonformen Futtermischungen – sowohl auf die Mast- und Schlachtleistung als auch auf indirekte Tierwohlindikatoren, Federstruktur und -pigmentierung auswirkt.
Versuchsaufbau und -durchführung
Von August bis Dezember 2023 wurde am Versuchs- und Bildungszentrum Geflügel, Staatsgut Kitzingen, eine Fütterungsstudie mit 216 weiblichen Puten der Herkünfte Auburn und B.U.T. 6 des Zuchtunternehmens Aviagen Turkeys in 24 Abteilen (Abbildung 1) durchgeführt. Hierbei wurde auf eine Auslaufhaltung verzichtet, um eine exakte Erfassung der Futter- bzw. Nährstoffaufnahme zu ermöglichen. Beide Herkünfte unterscheiden sich im Wachstumsverlauf, wobei Auburn-Tiere geringere Tageszunahmen und Mastendgewichte als B.U.T. 6-Puten erzielen.
Abbildung 1: Junge Putenhennen in einem Abteil im Putenstall des Staatsgutes Kitzingen. Zu erkennen ist bei den bis dahin knapp mit essentiellen Aminosäuren versorgten Tieren das struppige Federkleid.

Die Tiere wurden über vier Fütterungsphasen zu je 4 Wochen mit Alleinfuttermischungen gemästet (Tabelle 1). In allen drei Fütterungsvarianten (F1, F2, F3) wurden die EAS stufenweise und der Energiegehalt um 10 % im Vergleich zu den Empfehlungen von Aviagen (2015) reduziert.
Sämtliche Rationen wurden pelletiert und ohne Zusatz von Enzymen nach den vorgegebenen Testspezifikationen hergestellt, um die Vorgaben des ökologischen Landbaus einzuhalten. Die Rezepturen basierten auf Sojakuchen, Sonnenblumenkuchen, Erbsenproteinkonzentrat (in F1 und F3), Erbsen, Rapskernkuchen sowie Mais, Weizen, Triticale, Rispenhirse und Hafer. Ergänzt wurden die Mischungen durch Weizenkleie, Melasse, Grünmehl, Sojaöl und Mineralfutter. Der Futterverbrauch und die Lebendgewichte wurden jeweils zum Ende der Fütterungsphasen erhoben. Die Tiere wurden an Lebenstag 113 geschlachtet, um ausgewählte Schlachtleistungsmerkmale zu erheben.
Zur Erhebung von Tierwohlindikatoren und zur indirekten Quantifizierung von Feder- und Beschädigungspicken wurden alle Tiere in den Lebenswochen 4, 8, 12 und 16 visuell beurteilt. Erfasst wurden Gefiederverluste an Hals, Rücken, Flügeldecken sowie an Schwingen und Stoßfedern. Außerdem wurden Hautverletzungen im Kopfbereich (inkl. Stirnzapfen), an Hals, Rücken und Flügeln anhand mehrstufiger Boniturschemata erhoben. Zusätzlich wurden die Struktur der Schwungfedern sowie – bei den farbigen Auburn-Puten – Veränderungen der Federpigmentierung mithilfe eines eigenen vierstufigen Bewertungssystems beurteilt. Hintergrund hierfür war, dass in vorhergehenden Studien bei der Herdeninspektion augenscheinliche Unterschiede in Schwingenstruktur und -pigmentierung zwischen den Tieren feststellbar waren. Ferner wurden die Verschmutzung des Gefieders und das Auftreten von Fußballenveränderungen (FPD) bewertet.
Ergebnisse und Diskussion
Zwischen den Genotypen zeigten sich die erwarteten Unterschiede in den Tageszunahmen und den Gewichten. Auffällig war jedoch, dass sich der Brustfleischanteil nicht unterschied – ein Ergebnis, das auch in anderen Untersuchungen mit weiblichen Mastputen beschrieben wurde.
Die Sterblichkeit der Tiere lag insgesamt auf einem niedrigen Niveau. Zwischen den verschiedenen Herkünften und Fütterungsgruppen zeigten sich dabei keine nachweislichen Unterschiede. Die Mortalitätsraten betrugen 0,9 % für B.U.T. 6, 1,9 % bei Auburn, 1,4 % in der F1-Gruppe sowie 2,8 % in der F2-Gruppe. In der F3-Gruppe traten keine Verluste auf (0,0 %).
Bei der Mastleistung zeigte sich ein differenziertes Bild: Eine moderate Reduktion der EAS um 20 % in der Aufzucht (F2) hatte keinen Einfluss auf Endgewicht, Futteraufnahme oder Futteraufwand. Beide Herkünfte konnten diese Phase gut kompensieren (Tabelle 2).
Tabelle 2: Effekte einer reduzierten Fütterung an Energie und essentiellen Aminosäuren (F) auf die Mast- (Futterverbrauch: kg/Tier, Lebendgewicht: kg/Tier, Futteraufwand: kg Futter/kg Zuwachs) und Schlachtleistung (am Lebenstag (d) 113: Schlachtgewicht kg/Tier; Brust-, Oberkeule-, Unterkeulenanteil mit Haut: % vom Schlachtgewicht) von weiblichen, langsam wachsenden Auburn- und schnell wachsenden B.U.T. 6 (G) Puten (kleinste Abweichungsquadrat-Mittelwerte ± Standardfehler (SE))
Anders bei einer stärkeren Absenkung um 30 % (F3): Hier wiesen die Tiere beider Herkünfte die niedrigsten Lebendgewichte auf. Zwar glichen sich die Futterverbräuche in der Endmast an, dennoch reichte die Mastdauer von 16 Wochen nicht aus, um die Wachstumsrückstände vollständig aufzuholen. Dieser Befund deckt sich mit früheren Ergebnissen bei männlichen Puten, bei denen ein vollständiger Ausgleich bis zur 16. Lebenswoche ebenfalls ausblieb und erst am Ende der 20. Lebenswoche erreicht wurde (Kirn et al., 2024).
Die geringeren Lebendgewichte spiegelten sich auch am Schlachtkörper wider: Tiere der F3-Gruppe erzielten das niedrigste Schlachtgewicht sowie die geringste Brustfleischmenge und Ausschlachtung. Dagegen blieben der Gesamtfutteraufwand über die gesamte Mast sowie die relativen Anteile der wertvollen Teilstücke (Brust, Ober- und Unterkeule) unbeeinflusst.
Zwischen den beiden untersuchten Herkünften zeigten sich Unterschiede im Gefieder- und Hautzustand, wobei die Prävalenz an Veränderungen bei den B.U.T. 6-Puten höher als bei Auburn-Tieren war. Unabhängig von der Fütterung nahmen sowohl Gefiederverluste als auch Hautverletzungen mit steigendem Alter der Tiere zu.
Der Einfluss der Fütterung war im Tierzustand klar erkennbar. Tiere der Fütterungsvarianten F1 und F2 (moderate Aminosäurenreduktion) zeigten insgesamt weniger Gefiederschäden und Hautverletzungen als Tiere der nährstoffdünneren Variante F3 (Abbildung 2). Besonders im Kopf- und Halsbereich als Zielort für Beschädigungspicken sowie an Rücken und Flügeln traten bei F3 häufiger Verletzungen auf. Dies spricht dafür, dass eine stärkere Absenkung der EAS das Risiko für Gefieder- und Hautveränderungen infolge von Feder- und Beschädigungspicken erhöht.
Ein spezielles Interesse der Untersuchung lag auch in den Merkmalen der Federqualität der Schwingen, da für die Federbildung bestimmte Aminosäuren benötigt werden. Veränderungen der Federstruktur („struppig“ wirkende Federn) an den Schwungfedern traten vor allem in der F3-Gruppe auf. Auffällig war jedoch, dass sich diese Federveränderungen mit zunehmendem Alter deutlich zurückbildeten (Abbildung 3). Ein Zusammenhang zwischen der Federstruktur der Schwingen und der Körpermasse der Tiere bestand dabei nicht. Bei den farbigen Auburn-Puten zeigte sich zusätzlich ein Einfluss der Fütterung auf die Pigmentierung der Schwungfedern. Tiere der Varianten F1 und F2 wiesen eine gleichmäßigere Braunfärbung auf, während bei F3 häufiger weiße Aufhellungen beobachtet wurden (Abbildung 2). Diese Depigmentierungen traten vor allem in der frühen Aufzucht auf und waren in späteren Mastabschnitten kaum noch sichtbar.
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass eine stärkere Aminosäurenreduktion in der Aufzuchtphase zu vorübergehenden Defizitsituationen führen kann, die sich im Befiederungsstatus widerspiegeln. Gleichzeitig zeigen die Rückbildungen im weiteren Mastverlauf, dass Veränderungen von Federstruktur und -pigmentierung grundsätzlich reversibel sind, sobald die Nährstoffversorgung verbessert wird. Dieser Zusammenhang ist physiologisch gut erklärbar: Federn bestehen überwiegend aus Keratin, dessen Aufbau insbesondere eine ausreichende Versorgung mit schwefelhaltigen Aminosäuren (Cystein, Methionin) erfordert. Zudem sind bestimmte Aminosäuren (Tyrosin, Phenylalanin) an der Bildung der Federpigmente beteiligt. Kommt es in Phasen hohen Bedarfs zu einer Unterversorgung, können sich diese Defizite frühzeitig in einer veränderten Federstruktur oder einer verminderten Pigmentierung äußern. Vor diesem Hintergrund eignen sich insbesondere die Schwingen als sensibles Frühwarnsignal für die Aminosäurenversorgung im Bestand.
Bei den Gefiederverschmutzungen gab es keinen Effekt der Fütterung. Die Prävalenz an Fußballenveränderungen dagegen war durch die Futtervariante beeinflusst, wobei F3-Tiere hier niedrigere Prävalenzen aufwiesen als mit F1/F2-Futter versorgte Tiere. Mögliche Erklärungsansätze hierfür könnten eine geringere Wasseraufnahme infolge der Proteinabsenkung, die zu einer weniger feuchten Einstreu führt, sowie ein geringerer mechanischer Druck auf die Fußballen infolge des geringeren Körpergewichts der F3-Tiere sein.
Abbildung 3: Veränderungen der Schwingen-Federstruktur bei Putenhennen in Abhängigkeit von Fütterung (F1–F3), Herkunft (BUT, Au) und Alter (4 LW–16 LW)

FAZIT
Die Ergebnisse zeigen, dass eine moderate Reduktion der EAS um etwa 20 % in der Aufzuchtphase von weiblichen Auburn- und B.U.T. 6-Puten sowohl aus leistungs- als auch aus tierwohlbezogener Sicht in der ökologischen Putenhaltung erfolgreich umgesetzt werden kann. Weder Mast- und Schlachtleistung noch Gefieder- oder Hautzustand wurden unter diesen Bedingungen negativ beeinflusst.
Eine noch stärkere Absenkung der Aminosäurenkonzentration um 30 % führte dagegen zu geringeren End- und Schlachtgewichten sowie zu vermehrten Veränderungen des Gefieders und der Haut, insbesondere in der frühen Aufzucht. Auch wenn ein Teil der leistungsbezogenen Effekte durch kompensatorische Futteraufnahme abgeschwächt wurde, erwiesen sich tierwohlrelevante Merkmale als sensibler gegenüber einer Unterversorgung.
Die Ergebnisse unterstreichen, dass der Erfolg einer Aminosäurenreduktion entscheidend vom Ausmaß der Absenkung und der verfügbaren Mastdauer abhängt. Zudem zeigen Federstruktur und Pigmentierung der Schwingen ein hohes Potenzial als praxisnahe Frühindikatoren für die Aminosäurenversorgung im Bestand. Für die ökologische Putenhaltung bedeutet dies, dass abgesenkte Aminosäurengehalte in den Alleinfuttermischungen stets eng begleitet und am Tier kontrolliert werden sollten, um Leistungseinbußen und Tierwohlrisiken zu vermeiden.
Insgesamt verdeutlichen die Ergebnisse, dass kompensatorische Fütterungsstrategien – also moderat dosierte und zeitlich begrenzte Reduktionen von Energie- und Aminosäurengehalten, gefolgt von einer gezielten Re-Alimentationsphase – in der Praxis ein wirksames Instrument darstellen können, um trotz der Einschränkungen im ökologischen Landbau durch die EU-Verordnung 2018/848 eine an die Herkunft und Leistung angepasste, ressourcenschonende Fütterung sicherzustellen. Entgegen bestehenden Vorbehalten zeigen die Ergebnisse, dass solche Modelle bei sorgfältigem Management Flexibilität im Fütterungsregime ermöglichen, ohne die Produktionsziele oder das Tierwohl zu gefährden. Diese flexiblen Fütterungsstrategien können durch regelmäßige Bonituren – ergänzt um die Merkmale der Gefiederstruktur und Schwingenpigmentierung – effektiv unterstützt werden, um potentielle Nährstoffmängel frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.
DER DIREKTE DRAHT
Autoren:
A.I. Kirn, P.A. Weindl und G. Bellof,
Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme
P. Hofmann,
Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Institut für Tierhaltung, Tierernährung und Futter-wirtschaft
C. Lambertz,
Forschungsinstitut für biologischen Landbau
R. Schreiter,
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften
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Dr. Isabella Kirn
Isabella.Kirn@lfl.bayern.de
Prof. Dr. Gerhard Bellof
gerhard.bellof@hswt.de


