Mykotoxin-Belastung von Weizenkleie: Ergebnisse aus Bayern (2016-2024)
Einleitung
Weizenkleie ist ein Nebenprodukt der Mehlherstellung und kann als Futtermittel für Schweine, Wiederkäuer und Geflügel eingesetzt werden. Gerne wird es als klassisches Faserfuttermittel eingesetzt, aber auch die hohe Lysin-Konzentration im Rohprotein macht dieses Futtermittel für die Ernährung von Monogastriern interessant. In der bayerischen Praxis wird Weizenkleie bislang jedoch nur in begrenztem Umfang eingesetzt – insbesondere in der Schweinefütterung – was vor allem auf die Sorge vor einer möglichen Belastung mit Mykotoxinen zurückzuführen ist.
Besonders relevant für die Schweinegesundheit sind dabei die Mykotoxine Deoxynivalenol (DON) und Zearalenon (ZEA), welche als Stoffwechselprodukte von Pilzen der Gattung Fusarium gebildet werden. Eine erhöhte DON-Aufnahme über das Futter kann bei Schweinen zu Erbrechen (sog. „Vomitoxin“), verminderter Nahrungsaufnahme, Wachstumsdepression, Veränderung von Blutwerten und negativer Beeinflussung des Immunsystems. ZEA zeigt östrogene Wirkungen und kann zu pathologischen Veränderungen des Genitaltrakts sowie Reproduktionsstörungen führen. Auch das von den Pilzgattungen Aspergillus und Penicillium gebildete Mykotoxin Ochratoxin A (OTA) kann für Schweine aufgrund seiner Nierentoxizität zum gesundheitlichen Risiko werden.
In Bayern fielen im Getreidewirtschaftsjahr 2024/2025 rund 320.923 Tonnen Mühlennebenprodukte an – davon entfallen 250.000 Tonnen auf Weizenkleie. Jedoch wird nur ein Bruchteil davon für die menschliche Ernährung nachgefragt. Die übrige Weizenkleie stellt ein potenzielles Futtermittel – insbesondere für schweinehaltende Betriebe – dar. Neben dem ernährungsphysiologischen Potential bietet Weizenkleie zusätzlich ökologische Vorteile: Sie kann zur Reduktion des CO2-Fußabdrucks, zur Verringerung der Nahrungskonkurrenz zwischen Mensch und Tier (Teller vs. Trog) sowie zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft beitragen.
Vor diesem Hintergrund stellen sich die Fragen, wie hoch die tatsächliche Belastung von Weizenkleie mit Mykotoxinen ist und ob eine Verfütterung an Schweine mit einem erhöhten Risiko verbunden ist.
Material und Methoden
Zur Beantwortung dieser Frage wurden im Rahmen des Projektes „Sustainable Meat“ insgesamt 154 Mykotoxinanalyse-Befunde von Weizenkleie aus den Jahren 2016 bis 2024 ausgewertet. Die Proben stammten aus verschiedenen bayerischen Mühlen und wurden im Zuge der Qualitätssicherung durch die Gesellschaft für Qualitätssicherung in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft (QAL) entnommen und untersucht.
In den Proben wurden die Gehalte an DON, ZEA und/oder OTA bestimmt. Für die Bestimmung der DON- und ZEA-Gehalte wurden kommerziell erhältliche ELISA-Kits verwendet. Die OTA-Konzentration wurde mittels Hochleistungsflüssigkeitschromatographie (HPLC) ermittelt. Insgesamt liegen für den Auswertungszeitraum von neun Jahren 74 Ergebnisse für DON, 68 Ergebnisse für ZEA und 43 Ergebnisse für OTA vor. Analyseergebnisse unterhalb der Nachweisgrenze wurden für die Auswertung mit dem halben Wert der jeweiligen Nachweisgrenze berücksichtigt.
Ergebnisse
Die Auswertung der Belastung der Weizenkleie-Proben mit DON, ZEA bzw. OTA lässt sich den Tabellen 1, 2 bzw. 3 entnehmen.
Tabelle 1: Auswertung der Gehalte an Deoxynivalenol in Weizenkleie-Proben aus den Jahren 2016 bis 2024. Angabe von Mittelwert, Maximum (Max) und Minimum (Min) in mg/kg (88 % TM).

Im Mittel lagen alle DON-Ergebnisse unter den Richtwerten der Europäischen Kommission. Bei genauerer Betrachtung überschritten 7 von 74 Proben der DON-Untersuchung den Grenzwert von 0,9 mg DON/kg Mischfuttermittel (88 % TM). Jedoch lag selbst der höchste gemessene Wert von 1,3 mg DON/kg Weizenkleie (88 % TM) deutlich unter dem Richtwert für das Einzelfuttermittel Weizenkleie.
Tabelle 2: Auswertung der Gehalte an Zearalenon in Weizenkleie-Proben aus den Jahren 2016 bis 2024. Angabe von Mittelwert, Maximum (Max) und Minimum (Min) in mg/kg (88 % TM).

Die mittleren Gehalte an ZEA unterschritten durchgehend die von der Europäischen Kommission festgelegten Richtwerte für Mischfuttermittel, welche an Sauen und Mastschweine verfüttert werden. Lediglich bei zwei Proben wurde ein Wert oberhalb des Richtwerts von 0,1 mg/ kg Mischfuttermittel für Ferkel und Jungsauen (TM 88 %) festgestellt. Der Richtwert für das Einzelfuttermittel wurde von keiner Probe überschritten.
Tabelle 3: Auswertung der Gehalte an Ochratoxin A in Weizenkleie-Proben aus den Jahren 2018 bis 2024. Angabe von Mittelwert, Maximum (Max) und Minimum (Min) in mg/kg (88 % TM).

In allen untersuchten Proben wurden nur sehr geringe OTA-Gehalte analysiert. Keine Probe überschritt die Richtwerte für OTA in Einzel- und Mischfuttermitteln gemäß Europäischer Kommission (EU-Kommission, 2006).
Diskussion
Weizenkleie überzeugt als Futtermittel in puncto Nachhaltigkeit auf mehreren Ebenen. Da die Fütterung maßgeblich zum CO₂-Fußabdruck der Nutztierhaltung beiträgt, rücken „klimafreundlichere“ Futtermittel zunehmend in den Fokus. Als Nebenprodukt der Mehlherstellung verursacht Weizenkleie vergleichsweise geringe Emissionen, da der Großteil der CO₂-Belastung bereits bei der Produktion des Hauptprodukts – dem Mehl – anfällt. Das konkrete Reduktionspotenzial hängt allerdings von der jeweiligen Methodik zur CO₂-Bilanzierung ab
Nachhaltigkeit umfasst jedoch mehr als nur Klimafreundlichkeit. Auch die Frage der Nahrungskonkurrenz gewinnt – insbesondere in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Krisen – immer wieder an Bedeutung. Hier stellt sich die grundlegende Überlegung, ob Ackerflächen primär für die Erzeugung von Lebens- oder Futtermitteln genutzt werden sollten. Weizenkleie bietet in diesem Kontext Vorteile, da sie als Nebenprodukt keine zusätzliche Fläche beansprucht und derzeit nur in geringem Umfang für die Humanernährung verwendet wird. Nutztiere übernehmen im Sinne einer Kreislaufwirtschaft eine wichtige Funktion, indem sie solche ungenutzten Reststoffe in hochwertige Lebensmittel umwandeln
Allerdings steht dem Nachhaltigkeitspotenzial ein möglicher Risikofaktor gegenüber: Die Belastung mit Mykotoxinen – insbesondere für Schweine, die als besonders empfindliche Tierart gelten. Die Auswertung bayerischer Weizenkleie-Proben im Zeitraum von 2016 bis 2024 zeigt jedoch insgesamt keine Überschreitungen der EU-Richtwerte für Einzelfuttermittel. Auch bei Anwendung der „strengeren“ Grenzwerte für Mischfuttermittel für Schweine wurden nur sehr vereinzelte Überschreitungen festgestellt. Erhöhte Gehalte an Mykotoxinen in Futtermitteln sind vor allem auf ungünstige Witterungsverhältnisse beim Anbau (z.B. niedrige Temperaturen und hohe Feuchtigkeit im Sommer) oder ungünstige Lagerbedingungen (z.B. hohe Feuchtigkeit mit Bildung von Schimmelnestern) zurückzuführen. Eine vollständige Vermeidung von Mykotoxinen ist daher kaum möglich.
Jedoch hat sich in der Vergangenheit auch die Mehlmüllerei stetig weiterentwickelt. Vor dem Hintergrund der Produktion von Lebensmitteln werden zunehmend höhere Qualitätsanforderungen an den zu vermahlenen Weizen gestellt. Strengere Grenzwerte für Mykotoxine in Mahlgetreide und Lebensmitteln führen zu einer gezielteren Auswahl von Getreidepartien. Die Mühlen kontrollieren nicht nur im QS-Nachprodukte-Monitoring in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Qualitätssicherung in der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft auf Mykotoxine, sondern schon bei der Getreideannahme wird mittels Bonitur, Schnelltests und dem Europäischen Getreidemonitoring gezielt auf mögliche Belastungen von Mykotoxinen geachtet. Für die menschliche Ernährung nicht geeignete Partien werden von den Mühlen abgelehnt, sodass sich dies auch in den Mühlennachprodukten positiv widerspiegelt. Zudem wird in enger Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft seit Jahren ein DON-Vorerntemonitoring durchgeführt. Dieses spezielle Monitoring hilft bereits im Vorfeld die DON-Belastung der kommenden Weizenernte realistisch einzuschätzen und damit die Warenströme zu lenken. Zudem wird damit erfolgreich eine Sensibilisierung der Mühlen und Landwirtschaft für dieses Thema erreicht. Mit Broschüren, Plakaten und regelmäßigen Vorträgen werden Mühlen und Landwirte über Risikofaktoren und geeigneten Maßnahmen zur Reduktion von Mykotoxinen aufgeklärt.
Weizenkleie ist nicht nur Faserfuttermittel, sondern reduziert auch den CO2-Fußabdruck und die Nahrungskonkurrenz zur menschlichen Nahrung im Schweinefutter

Nichtsdestotrotz sollte das Risiko einer Mykotoxinbelastung vor dem Einsatz eines Futtermittels stets geprüft werden. Eine regelmäßige Analyse auf die Leittoxine DON, ZEA und OTA ist daher auch bei Weizenkleie empfohlen. Für die Bewertung der Ergebnisse bieten sich die Richtwerte der Europäischen Kommission an, ergänzt durch die in Deutschland veröffentlichten – etwas strengeren – Orientierungswerte des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, die jedoch als vorläufig einzustufen sind. Obwohl Weizenkleie formal als Einzelfuttermittel gilt, erfolgt die Risikobewertung in der Praxis oft auf Basis der Grenzwerte für Mischfuttermittel für Schweine. Diese konservativere Herangehensweise berücksichtigt mögliche additive Effekte mehrerer belasteter Komponenten in der Ration und dient dem vorbeugenden Gesundheitsschutz sensibler Tiergruppen sowie der Vermeidung wirtschaftlicher Schäden. Bei der Beurteilung von Mykotoxinanalysen sollte der jeweils angewendete Bewertungsmaßstab daher stets bewusst und kontextabhängig gewählt werden.
FAZIT
Weizenkleie stellt ein vielversprechendes Futtermittel dar, um die Fütterung von Nutztieren – insbesondere Schweinen – nachhaltiger zu gestalten. Sie punktet mit einem geringen CO₂-Fußabdruck, geringer Nahrungskonkurrenz und sinnvoller Verwertung im Sinne der Kreislaufwirtschaft. Die Auswertung bayerischer Weizenkleie-Proben von 2016 bis 2024 zeigt insgesamt niedrige Gehalte an DON, ZEA und OTA, sodass ein Einsatz in der Schweinefütterung grundsätzlich ohne erhöhtes Risiko möglich erscheint. Dennoch ist eine regelmäßige Mykotoxin-Analyse empfehlenswert, um Schwankungen durch Anbau- und Lagerbedingungen frühzeitig zu erkennen und Tiergesundheit sowie Wirtschaftlichkeit abzusichern.

