Klimaplattform Milch – Klimabilanzierung als Managementinstrument für die Praxis
Die Diskussion um Klimaschutz in der Nutztierhaltung ist längst keine rein politische oder gesellschaftliche Debatte mehr und spielt somit auf den Betrieben und in der Beratung eine zunehmende Rolle. Molkereien sehen Marktchancen in der transparenten Darstellung ihrer Treibhausgasemissionen gegenüber ihren Handelspartnern. 80 – 90 % dieser Emissionen entstehen auf den Milcherzeugerbetrieben. Dadurch sehen sich diese über kurz oder lang mit der Aufgabe konfrontiert, ihre Treibhausgasemissionen systematisch zu erfassen und streben an, diese zu reduzieren.
Mit der Klimaplattform Milch hat die Fokus Milch GmbH, ein privatrechtlicher Zusammenschluss von Molkereien unter dem Dach der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. (LVN), ein Instrument für die deutsche Milchwirtschaft geschaffen, das hier ansetzt: Eine einheitliche Methodik zur Berechnung des CO2-Fußabdrucks von Rohmilch macht Klimaleistungen messbar und vergleichbar.
Einheitliche Methodik als Grundlage
Ein zentrales Anliegen der Klimaplattform Milch ist die Standardisierung der Bilanzierung. In der Vergangenheit wurden Emissionen teils mit unterschiedlichen Systemgrenzen und Berechnungsansätzen erfasst. Das erschwerte die Vergleichbarkeit, sowohl zwischen den Betrieben als auch entlang der Wertschöpfungskette.
Die Klimaplattform Milch nutzt seit 2025 den deutschen Berechnungsstandard für einzelbetriebliche Klimabilanzierung (BEK). Dieser definiert klare Bilanzierungsregeln für die Milchproduktion auf Betriebszweigebene und findet breite Anwendung und Akzeptanz auf nationaler Ebene. Berücksichtigt werden unter anderem:
- Vorkettenemissionen aus der Färsen- und Kälberaufzucht
- Methanemissionen aus der enterischen Fermentation
- Emissionen aus der Wirtschaftsdüngerlagerung
- Emissionen aus Futtermittelanbau und -zukauf
- Emissionen aus dem Wasser- und Energieeinsatz im Betrieb
- Emissionen aus dem Dieseleinsatz
Das Ergebnis wird in Kilogramm CO2-Äquivalent je Kilogramm fett- und proteinkorrigierter Milch (FPCM) ausgewiesen. Für landwirtschaftliche Betriebe bedeutet das: Klimaschutz wird in eine greifbare Kennzahl übersetzt.
Vom Bilanzwert zur Managementgröße
Entscheidend ist jedoch nicht der reine CO2-Fußabdruck, sondern seine Interpretation. Die Klimaplattform Milch versteht sich als Monitoring-Instrument und Managementwerkzeug.
Lisa Oehlert von der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen betont in diesem Zusammenhang, dass die Klimabilanz „besonders dann einen Mehrwert stiftet, wenn sie in die bestehende Betriebsanalyse integriert wird und die Ergebnisse im Kontext der ökonomischen und arbeitswirtschaftlichen Aspekte betrachtet wird“. Dank der Klimaplattform Milch wird der Betrieb in die Lage versetzt, seine eigenen Emissionswerte zu überblicken, sich mit anderen Betrieben zu vergleichen und individuelle Stellschrauben zur Minderung zu identifizieren.
Fütterung als zentraler Hebel
Ein Großteil der Treibhausgasemissionen in der Milchviehhaltung entsteht durch Methan aus der Pansenfermentation. Entsprechend groß ist die Bedeutung der Fütterung.
Die Grundfutterqualität spielt eine zentrale Rolle: Die Optimierung der Ernte- und Silierbedingungen reduziert Nährstoffverluste und verbessert die Silagequalität, was sowohl ökologisch als auch ökonomisch relevant ist. Gut verdauliche Silagen mit hohen Energiegehalten verbessern die Grundfutterleistung und reduzieren die Methanemissionen je Einheit erzeugter Milch. Bei der Rationsgestaltung geht es jedoch nicht zwangsläufig um maximale Leistung, sondern um eine präzise, bedarfsgerechte Ration.
Dies zeigt sich auch bei der Stickstoffeffizienz. So senkt eine bedarfsgerechte Rohproteinversorgung die Stickstoffausscheidungen über Exkremente und damit potenzielle Emissionen aus dem Wirtschaftsdünger. Klimaschutz und N-Effizienz verfolgen hier dasselbe Ziel: Verluste vermeiden und Ressourcen optimal nutzen.
Tiergesundheit und Nutzungsdauer
Neben der Fütterung beeinflusst die Tiergesundheit die Klimabilanz maßgeblich. Die Emissionen aus der Aufzucht verteilen sich umso günstiger auf die erzeugte Milchmenge, je länger eine Kuh produktiv im Bestand bleibt. Verbesserungen in Fruchtbarkeit, Stoffwechselstabilität und Klauengesundheit haben sowohl eine ökonomische als auch eine klimatische Wirkung. Die Klimaplattform Milch macht diesen Zusammenhang sichtbar und schafft damit eine zusätzliche Argumentationsgrundlage für Investitionen in Tiergesundheit und Management.
Außerdem stellen Emissionen aus Bestandsergänzung, Kälberaufzucht, Energieeinsatz und Wirtschaftsdüngern weitere relevante Bereiche dar. Maßnahmen wie die gasdichte Abdeckung von Güllelagerstätten, ein geringes Erstkalbealter und die Nutzung von selbsterzeugtem oder Ökostrom sind nur einige Beispiele, die Emissionsminderungen bewirken.
Transparenz entlang der Wertschöpfungskette
Ein weiterer Aspekt ist die Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette. Molkereien erhalten durch die standardisierte Bilanzierung belastbare Daten und erzielen Wettbewerbsvorteile in der Vermarktung. Gleichzeitig behalten die Betriebe die Hoheit über ihre Daten und können Verbesserungen gezielt nachweisen. Auch gegenüber Verbraucherinnen und Verbrauchern ist das Signal: Die Milchwirtschaft arbeitet am Klimaschutz aktiv mit!
FAZIT
Klimakompetenz wird Teil der Betriebsführung
Die Klimaplattform Milch überführt ein komplexes Thema in ein praxisorientiertes Instrument. Sie ersetzt keine klassische Produktionsberatung, sondern ergänzt sie um eine weitere Dimension.
Für landwirtschaftliche Betriebe bedeutet dies, dass Klimakompetenz zunehmend Teil der betrieblichen Kernkompetenz wird. Wer Emissionen versteht und gezielt reduziert, verbessert nicht nur seine Klimabilanz, sondern stärkt zugleich die ökonomische Stabilität des Betriebs.
Die Klimaplattform Milch liefert dafür den methodischen Rahmen – die Durchführung bleibt Aufgabe der Praxis.
DER DIREKTE DRAHT
Nora Lahmann,
Leitung der Qualitätsabteilung,
Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. (LVN)
E-Mail: lahmann[at]milchland.de

