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Fressverhalten von Holstein- und Jersey-Kühen, deren Rationen zwei verschiedene NDF-Gehalte (im Grobfutter) aufwiesen
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Einleitung

NDF (=Neutral-Detergenzien-Faser) bezeichnet den Anteil an pflanzlichen Gerüstsubstanzen, die mit einer sogenannten neutralen Detergenzienlösung im Rahmen von Futtermittelanalysen nicht herausgelöst werden können. Die NDF umfasst Zellulose, Hemizellulose, Lignin und Lignin-N-Verbindungen.

Eine aktuelle Studie am Dairy Cattle Center der University of Wisconsin in Madison (USA), die nachfolgend vorgestellt wird, erfasst nun erstmalig auch das Fressverhalten von Holstein- und Jersey-Kühen, die mit Rationen gefüttert wurden, deren NDF-Gehalte im Grobfutter (= G_NDF-Gehalte) sich unterschieden (Santana et al., 2025). Grobfutter ist die Hauptfaserquelle in der Rinderfütterung.

Auch in US-amerikanischen Milchrinderherden hat die Erzeugung von Mais (besser: Maissilage, CS) auf Kosten der Anbauflächen für Luzerne bzw. Gras in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. Der Trend zu höheren CS-Anteilen in der Milchkuhfütterung – bei gleichzeitig hohen Kraftfuttergaben – führt regelmäßig zu stärkereichen, NDF-armen Rationen, die leider auch das Risiko einer subakuten Azidose (engl.: Subacute Ruminal Acidosis, kurz: SARA) erhöhen.

Eine SARA entsteht allerdings nicht nur durch zu hohe Kraftfuttergaben. Vielfach sind hohe Umgebungstemperaturen und/oder Phasen, in der die Kuh nicht die notwendige Menge an Grundfutter frisst, der Grund.

Eine bedarfsgerechte, d.h. wiederkäuergerechte, Ration mit genügend hohem Grobfutteranteil trägt somit auch zur Gesunderhaltung des Pansens von hochleistenden Milchrindern bei.

Auch ist gut bekannt, dass längere Grobfutterpartikel das Wiederkäuen und die Produktion von pufferreichem Speichel anregen. Durch ein angeborenes Selektionsverhalten können Kühe jedoch ein gewisses Maß an Kontrolle über die Größe der aufgenommenen Partikel ausüben, die rassebedingte Unterschiede einschließen sollten.

Jersey-Jungrinder auf der Weide

Versuchsdesign

Santana et al. (2025) untersuchten die Auswirkungen von zwei Gehaltsstufen bezüglich der Grobfutter-bezogenen Neutral-Detergenzien-Faser (G_NDF) in einer TMR, die hauptsächlich aus Luzerne- (AS) und Maissilage (CS) bestand, bezüglich des Fressverhaltens von Holstein- und Jersey-Kühen.

Laktierende Jungkühe (12 Holsteins und 12 Jerseys ca. 100 Tage nach der Erstabkalbung) wurden in der vorliegenden Studie genutzt, in der die Rasse der Hauptfaktor und die Futterrationsgestaltung der untergeordnete Faktor war.

Die Fütterungsgruppen bestanden aus zwei unterschiedlichen G_NDF-Stufen [19 % G_NDF (= LF-Diät) oder 24 % G_NDF (= HF-Diät), Angaben beziehen sich auf die TM]. Zusätzlich wurden das Verhältnis von Mais (CS)- und Luzernesilage (AS) in der TMR variiert (Verhältnis von AS:CS: 70:30 oder aber 30:70). Alle Rationen wurden als TMR verabreicht.

Es wurden die tägliche Fressdauer (min/d) sowie die Wiederkaudauer (min/d), letztere mithilfe eines Halsband-Aufzeichnungssystems, gemessen. Darüber hinaus dienten Speichelproben der Bestimmung der Harnstoff-Stickstoff-Konzentration.

Ergebnisse

Einige ausgewählte Daten zum Fütterungsdesign sind in der Tabelle 1 dargestellt.

Tab. 1: Ausgewählte Daten zum genutzten Fütterungsdesign*

In Tabelle 2 sind die ermittelten Daten zur Milchleistung und Futteraufnahme (TM-A) zusammengestellt, die jeweils bei den beiden Milchkuhrassen beobachtet wurden.

Tab. 2: Milchleistung und Futteraufnahme in Abhängigkeit von der Rasse*

Jersey-Kühe haben, absolut gesehen, eine niedrigere TM-A als Holstein-Kühe. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wenn die TM-A als Prozentsatz des Körpergewichts bewertet wird (Tab. 2).

Diese Beobachtung stimmt gut mit den früheren Ergebnissen von Aikman et al. (2008) und Kristensen et al. (2015) überein.

Auch die tägliche G_NDF-Aufnahme war bei Holstein-Kühen – wiederum ausgedrückt als Prozentsatz des Körpergewichts – niedriger als bei Jerseykühen (Tab. 2).

Anzumerken bleibt zusätzlich auch, dass die Kühe, die mit einer faserreicheren HF-Diät (faserreich) gefüttert wurden, einen größeren Anteil an langen Partikeln konsumierten als die mit faserärmeren LF-Diäten gefütterten Kühe.

Die täglichen Fress- und Wiederkau-Zeiten betrugen im Mittel ca. 247 ± 60 bzw. 495 ± 110 min/d (Tab. 3).

Die (Gesamt-)Kauzeit unterschied sich nicht signifikant zwischen den Rassen, aber Jersey-Kühe hatten eine höhere Wiederkauzeit als Holstein-Kühe (519 ± 99 vs. 465 ± 113 min/d) sowie eine höhere Fress- und Wiederkauzeit pro kg Trockenmasse bzw. pro kg G_NDF.

Tab. 3: Ermittelte Ergebnisse zum Fressverhalten*

Die Wiederkauzeit, ausgedrückt in min/kg verzehrte Trockenmasse, war bei Kühen, die mit einer faserreichen HF-Diät gefüttert wurden, länger als bei Kühen mit einer faserärmeren LF-Diät (28,1 vs. 23,9 min/kg Trockenmasse, p < 0,01).

Die beobachtete Harnstoff-N-Konzentration im Speichel betrug im Mittel 11,6 ± 2,01 mg/dl und war von der Rasse unabhängig (Tab. 3).

FAZIT

Im Vergleich zu Holsteins hatten Jersey-Kühe eine höhere G_NDF-Aufnahme; bezogen auf die zugehörige Körpermasse. Gleichzeitig hatten Jersey-Kühe eine höhere tägliche (Gesamt-)Wiederkauzeit als Holstein-Kühe (519 ± 99 vs. 465 ± 113 min/d) sowie eine höhere Wiederkauzeit pro kg Trockenmasse bzw. je kg G_NDF-Aufnahme.

Diese Studie zeigt, dass sowohl Holstein- als auch Jersey-Kühe in der Lage sind, ihr Fressverhalten an Veränderungen in der Diät anzupassen.

DER DIREKTE DRAHT

Prof. Dr. habil. Wilfried Brade,
Professor für Tierzucht (i.R.) an der Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo),
aktuell: Norddeutsches Tierzucht-Beratungsbüro
E-Mail: wilfried.brade[at]t-online.de

 

Zugehörige Literatur (bei Bedarf):
Santana OI, Uddin ME, Wattiaux MA (2025): Feeding behavior of Holstein and Jersey cows fed diets based on either alfalfa silage or corn silage at 2 forage fiber levels. J Dairy Sci. Mar 24:S0022-0302(25)00166-3. doi: 10.3168/jds.2024-25708.

Bildmaterial: Jersey-Jungrinder auf der Weide (Foto: W. Brade)