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Einsatz von Luzernespitzen als Eiweißfuttermittel in der ökologischen Fütterung säugender Sauen
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Einleitung und Zielsetzung

Die Luzerne stellt sich als eiweißreiche Futterpflanze dar, die besonders in ihren Blättern und Pflanzenspitzen erhöhte Rohproteingehalte gegenüber der Ganzpflanze aufweist. Die mit einem speziellen Hochschnitt­verfahren geernteten und anschließend heißluftgetrockneten sogenannten Luzernespitzen wurden in einem Fütterungsversuch mit Zuchtsauen als eiweißliefernde Komponente in einer ökokonformen Säugefuttermischung eingesetzt.

Folgende Fragestellungen wurden geprüft: Wie ist die Akzeptanz und Futteraufnahme säugender Sauen einzuschätzen, die mit ihren Futtermischungen einen Anteil von 20 % Luzernespitzen aufnehmen? Welchen Einfluss hat der Einsatz von Luzernespitzen auf die Leistung (Absetzgewichte Ferkel) und die Gesundheit (Körperkondition Sauen)?

Vorgehensweise

Luzerneernte und -verarbeitung

Die Luzernespitzen wurden (im Knospenstadium, 4. Schnitt) mit der Hochschnitttechnik der Zürn Harvesting GmbH (TOPCUT-Erntemaschine, Schöntal-Westernhausen) geerntet. Am folgenden Tag wurden die Luzernespitzen einer Heißlufttrocknung unterzogen und zu Pellets gepresst (Futtertrocknung Lamerdingen eG). Die Trocknungstemperaturen lagen zunächst zwischen 200 und 600 °C und sanken am Ende der Trockentrommel auf 100 °C. Der Trocknungsvorgang dauerte etwa fünf Minuten. Die wichtigsten Inhaltsstoffe der Luzernespitzen sind im Vergleich zum eingesetzten Sojakuchen in Tabelle 1 dargestellt. Der Sojakuchen wurde von der Firma Witzmannmühle (Aspach, Österreich) bezogen und wies eine Trypsin-Inhibitor-Aktivität (TIA) von 5,6 mg/g auf.

Tabelle 1: Analysierte Nährstoffgehalte der im Fütterungsversuch eingesetzten, wichtigsten Eiweißfuttermittel

Ernte von Luzernespitzen mit der Maschine "Top cut collect" (© J. Maxa, LfL Bayern)

Fütterungsversuch

Der Fütterungsversuch wurde in der ökologisch gehaltenen Sauenherde der Bayerischen Staatsgüter in Hutthurm-Kringell durchgeführt. Die Haltung erfolgte in freien Abferkelbuchten mit Stroh-Auslauf. Die Zuchtsauen (n = 22) wurden nach dem Paarlingsprinzip einer Versuchs- oder Kontrollgruppe zugeordnet. Alle Sauen wurden gegen Endo- und Ektoparasiten behandelt. Zur passiven Immunisierung der Ferkel wurden alle Sauen gegen Neugeborenen-Durchfall (Suisen-G) geimpft. Am Tag der Geburt wurden die Ferkel gewogen und ihre Nabel wurden desinfiziert. Alle Ferkel erhielten am 3. und am 14. Tag eine Eisensupplementierung. Am 14. Tag erfolgte eine Impfung gegen E. coli (STEC). Alle Ferkel wurden am 21. Tag gegen das porcine Circovirus 2 und Mycoplasma hyopneumoniae geimpft. Bei der Kastration erhielten die männlichen Ferkel eine Analgesie (Meloxicam) und eine Inhalationsnarkose (Isofluran). Bei der Geburt wurden in begrenztem Umfang Prostaglandin (Enzaprost), Oxytocin, Metamizol, Genabil und Monzal eingesetzt. Fünf Sauen und fünf Ferkel benötigten eine zwei- bis sechstägige Antibiotikatherapie.

Die Säugefuttermischungen wurden so geplant, dass diese gleiche Energie- und Proteingehalte bzw. Aminosäurengehalte aufweisen sollten. Die Versuchsmischung enthielt 20 % Luzernespitzen (Tab. 2). Sauen mit einer geringen anfänglichen Futteraufnahme erhielten – neben dem Säugefutter – in den ersten zwei Säugewochen ein Zusatzkraftfutter (13,3 MJ ME/kg; 12,6 g Lys/kg). Die Futtermengenerfassung erfolgte täglich. Allen Tieren wurde zusätzlich eine nicht erfasste Menge an Maissilage als Raufutter angeboten (Vorlage im Auslauf).

Der Versuch begann mit der Geburt der Ferkel und endete mit dem Absetzen. Für die Auswertung wurden die Tage 1 bis 42 der Säugezeit berücksichtigt, da nach Tag 42 die Anzahl der Sauen zu gering wurde. Die Sauen wurden bei der Einstallung (ca. 108. Trächtigkeitstag, sechs Tage vor der Geburt), beim Absetzen und am 28. Tag gewogen. Das Gewicht der Trächtigkeitsprodukte wurde bei der Geburt bestimmt und anschließend vom Körpergewicht abgezogen. Die Trächtigkeitsprodukte setzen sich aus dem Gewicht der toten und lebenden Ferkel und einem Korrekturfaktor von 3 kg für Geburtsnebenprodukte wie Plazenta und Fruchtwasser zusammen. Die exponentielle Gewichtsentwicklung der Föten in den letzten Tagen vor der Geburt wurde nicht berücksichtigt, da hierzu keine Literaturdaten vorliegen. Der Korrekturfaktor wird aus zwei Kontrollgewichten von Plazenten und Schätzungen weiterer Plazenten abgeleitet. Diese nachträgliche Korrektur ermöglicht es, das Gewicht der Sau nach dem Abferkeln zu ermitteln. Der Stress des Wiegens kurz nach der Geburt konnte so vermieden werden.

Die Rückenfettdicke wurde mit einem B-Mode-Ultraschallscanner (lineare Sonde, KX 5200V, Physia GmbH, 63263 Neu-Isenburg) nach der Dreipunktmethode auf der rechten Seite des Tieres gemessen, wie von Hesse (2003) beschrieben.

Die Ferkelgewichte wurden alle sieben bis 14 Tage nach der Geburt erhoben. Die Ferkelverluste und ihre Ursachen wurden erfasst. In den ersten vier Lebenstagen wurde der Wurf unabhängig von der Gruppenzugehörigkeit ausgeglichen.

Säugende Sau im Fütterungsversuch (© M. Weber, HSWT)

Tabelle 2: Zusammensetzung und kalkulierte ME-, Lysin- und Methioningehalte der Säugefuttermischungen (in g bzw. MJ/kg Frischmasse)

Ergebnisse und Diskussion

Die Tabelle 3 zeigt die analysierte Nährstoffzusammensetzung der Säugefuttermischungen. Die Rohprotein- und ME-Gehalte wichen zwischen der Kontroll- und der Luzerne-Mischung im Vergleich zur berechneten Nährstoffzusammensetzung voneinander ab. Folglich war dies auch bei den erstbegrenzenden Aminosäuren Lysin und Methionin der Fall.

In der Tabelle 4 sind wichtige Ergebnisse des Fütterungsversuches – Futteraufnahmen und biologische Leistungen der Sauen – dargestellt. Die tägliche Futteraufnahme aller Sauen lag unter dem empfohlenen Niveau (GfE 2006). Die Tiere der Versuchsgruppe nahmen im Vergleich zur Kontrolle signifikant geringere Tagesfuttermengen auf. Diese Sauen nahmen aber etwas mehr Zusatzfutter auf. Die geringe Nährstoff- und ME-Aufnahme der Sauen führte in beiden Gruppen zu einer erhöhten Abnahme der Lebendmassen und der Rücken­speckdicken im Zeitraum 1. bis 42. Laktationstag (Tab. 4). Diese Effekte waren bei den Sauen der Versuchsgruppe ausgeprägter als bei den Kontrolltieren.

Zwischen den beiden Fütterungsgruppen zeigten sich – bezogen auf das Merkmal ‚Anzahl der Ferkel pro Wurf‘ – in keinem der betrachteten Zeitabschnitte statistisch gesicherten Unterschiede.

Es wurden 320 Ferkel geboren, davon waren 32 tot. Von den 288 lebend geborenen Ferkeln wurden zwei an andere Sauen außerhalb des Versuchs versetzt. Von den 286 Ferkeln, die den Versuch begannen, wurden 39 von der Sau erdrückt (13,5 %). Neun Ferkel wurden aufgrund von Anomalien oder Schwächen eingeschläfert und zwei Ferkel starben. Insgesamt beliefen sich die Verluste bei den Saugferkeln auf 17,5 %. 236 Ferkel erreichten den 28. Tag. Darüber hinaus wurden 8 Ferkel aus der Kontrollgruppe und 6 Ferkel aus der Luzerne-Gruppe für die bayerische Zuchtprüfung ausgewählt, sodass 222 Ferkel die gesamte Beobachtungszeit absolvierten. In den ersten Lebenstagen erfolgte ein Wurfausgleich. Die Zuwachs-Leistungen der Ferkel im Beobachtungszeitraum sind in der Tabelle 5 dargestellt. Das individuelle Lebendgewicht der Ferkel, die tägliche Gewichtszunahme der Würfe und die tägliche Gewichtszunahme der Ferkel lag in beiden Fütterungsgruppen auf einem vergleichbaren Niveau. Für keines der untersuchten Merkmale zeigten sich statistisch gesicherte Unterschiede.

Tabelle 3: Analysierte Inhaltsstoffe (g/kg Frischmasse) und ME-Gehalte (MJ/kg) der Säugefuttermischungen

Tabelle 4: Ergebnisse des Fütterungsversuches – Futteraufnahmen und biologische Leistungen der Sauen (LS-Mittelwerte und Standardfehler)

Tabelle 5: Ergebnisse des Fütterungsversuches – Gewichtsentwicklung der Ferkel (LS-Mittelwerte und Standardfehler)

FAZIT

In dieser Studie wurde eine Säugefuttermischung mit 20 % Luzernespitzen mit einer Kontrolldiät auf der Basis von Sojakuchen verglichen. Aufgrund der zu Beginn der Säugezeit festgestellten, hohen Rückenfettdicke zeigte sich für beide Gruppen ein niedriges Futteraufnahmeniveau. Die Ergebnisse zur Futteraufnahme lassen außerdem den Schluss zu, dass die luzernehaltige Mischung aufgrund der geringeren Schmackhaftigkeit weniger gut aufgenommen wurde wie die Kontrollmischung.

Die Sauen der Versuchsgruppe zeigten zwar eine signifikant geringere Futteraufnahme. Dennoch gab es keine statistisch gesicherten Unterschiede hinsichtlich der Mobilisierung von Körperreserven und des Wachstums der Ferkel. Eine frühzeitige Gewöhnung erscheint ratsam, um die Akzeptanz für die Luzernespitzen zu verbessern. Luzernespitzen sollten somit bereits im Tragefutter eingesetzt werden.

Luzernespitzen könnten unter Beachtung dieser Empfehlungen ein geeignetes Eiweißfuttermittel für die ökologische Sauenfütterung darstellen und einen bedeutenden Beitrag zur Versorgung mit Proteinen und essentiellen Aminosäuren liefern.

DER DIREKTE DRAHT

Prof. Dr. Gerhard Bellof
E-Mail: gerhard.bellof@hswt.de

Literatur
GfE – Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (2006) Ausschuss für Bedarfsnormen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie. Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Schweinen. DLG-Verlag, Frankfurt am Main.

Weber M.E., Weindl P.A., Bellof G. (2024) Apparent digestibility of crude nutrients from protein-rich lucerne products for growing pigs. Züchtungskunde 96:432–444.