Betriebsreportage, Grundlagen-Rinder
20.12.2010

Bullenmast mit Kraftfutter und Stroh

Bild 1: Betriebsleiter Volker Jessen Wiederkäuer ad libitum mit Kraftfutter und Stroh zu füttern, ist auf den ersten Blick ein Widerspruch in sich, aber eben nur auf den ersten Blick. In Deutschland ist dieses Mastverfahren zwar weitestgehend unbekannt, aber trotzdem nicht neu. Wir kennen es aus der Rosémast. Traditionell wurden in Angeln Kälber mit Kraftfutter und Heu oder Stroh, aber in jedem Fall ohne Silage aufgezogen.

In den Niederlanden, in Dänemark und in Spanien werden die männlichen schwarzbunten Kälber etwa bis zu einem Alter von einem Jahr ebenfalls auf der Basis von Kraftfutter und Stroh oder auch Heu gemästet. Die Frage bleibt, funktioniert das auch mit ausgewachsenen Mastbullen oder weiblichem Vieh? Die Antwort finden wir bei Volker Jessen, der diese Mastform in Schleswig-Holstein schon seit vielen Jahren mit Erfolg betreibt und seine Tiere ausschließlich mit Kraftfutter und Stroh füttert. Beide Komponenten stehen den Tieren ad libitum zur Verfügung. Für Volker Jessen ist es ein Erfolgsrezept.

Der Betrieb - was unterscheidet ihn von anderen?
Die Antwort vorne weg: Eigentlich nichts, aber eben nur eigentlich. Volker Jessen bewirtschaftet einen Ackerbau- und Bullenmastbetrieb auf einer Fläche von etwa 250 Hektar im Landkreis Angeln. Auf 180 Hektar Ackerland wird Raps, Weizen, Gerste und zum überwiegenden Teil, auf etwa 120 Hektar, Mais und Zuckerrüben für eine Biogasanlage angebaut.

Derzeit werden etwa 100 männliche und 100 weibliche Tiere auf vier verschiedenen Standorten gemästet. Zum Tierbestand gehören zusätzlich noch 50 Mutterkühe. Gemästet wird jedoch nicht nur im Stall, sondern ebenso auf der Weide. Auch dort stehen Kraftfutterautomaten zur Selbstbedienung. Auf dem Betrieb sind ausschließlich großrahmige Mastrassen wie Limousine, Charolais, aber auch Kreuzungen und seit neuestem auch Uckermärker zu finden. Mit einem Lebensalter von etwa 17 bis 18 Monaten werden bei den männlichen Tieren Schlachtgewichte von etwa 400 kg und bei den weiblichen von 300 kg erreicht. Die Ausschlachtung liegt mit 67 bis 68 % bei den männlichen höher als bei einer Silagemast, da der Pansenanteil bei den Kraftfuttertieren deutlich kleiner ist.

Die Futterkosten

Wir wollen die Grund- und Kraftfutterkosten einer 18-monatigen Bullenmast bei Volker Jessen mit der eines Intensivmästers aus dem Beratungsring für Rindermäster, zu dem Volker Jessen seit diesem Jahr gehört, vergleichen. Es wird unterstellt, dass im Vergleichsbetrieb Maissilage und Rapsextraktionsschrot gefüttert wird. Der Hektar Mais hat 2009 bei den 50 Prozent besseren Betrieben des Beratungsringes 1.470 € gekostet (Vollkosten). Wir gehen von einer Erntemenge von 100 dt Trockensubstanz aus. Die Energiedichte betrug 10,9 MJ ME. Für das Kraftfutter, das auf dem Betrieb Jessen gefüttert wurde, setzten wir den Durchschnittspreis des Jahres 2010 an. Einberechnet wurde der gestiegene Kraftfutterpreis bis Dezember. Das gleiche gilt für den Strohpreis. Wir unterstellen in beiden Betrieben die gleiche Trockenmasseaufnahme von 7,6 kg pro Tag. Bei Volker Jessen besteht die Ration aus 7,4 kg Kraftfutter und 1,3 kg Stroh, im Maissilagebetrieb aus 6,2 kg TM Maissilage, 1,6 kg Rapsextraktionsschrot (FM) und Mineralfutter.

Die Energiegehalte sind in beiden Betrieben vergleichbar. Die Kraftfutter-Strohration besitzt 86,2 MJ ME und hätte brutto 1,29 € pro Tier und Tag, über die gesamte Mastdauer 600 € gekostet. Die Mais-RES-Ration besitzt 86,35 MJ ME und würde 1,35 € pro Tag, bzw. 632 € für die gesamte Mastdauer gekostet haben. Das bedeutet, die Maisration wäre in dieser Rechnung sogar etwas teuer als die Kraftfutterration (siehe Übersicht). Natürlich reagiert die Kraftfutterration stärker auf steigende Kraftfutterpreise.

Verteuert sich das Kraftfutter um durchschnittlich einen Euro über die gesamte Mastdauer, steigen die Kosten pro Bulle um 34 Euro. Bei einem durchschnittlichen Kraftfutterpreis von 19 € lägen die Futterkosten also in beiden Vergleichsgruppen etwa auf dem gleichen Stand. Vergessen werden darf dabei aber nicht, dass auch in der Maissilagegruppe die Ration bei steigenden Kraftfutterpreisen teurer wird.

Mit dieser Rechnung sind jedoch noch nicht alle Kosten erfasst. Volker Jessen benötigt keinen Futtermischwagen, kein Fahrsilo und er muss auch keine Maissilage vorfinanzieren, das heißt, es werden zusätzlich Zinsen gespart. Ganz entscheidend ist, dass seine Bullen wesentlich weniger Arbeitszeit in Anspruch nehmen, denn das Füttern übernimmt zum großen Teil der Landhändler, in dem er die 6 bis 8 t fassenden Selbstbedienungsfutterstationen mit Kraftfutter befüllt.

Auch die kontinuierlich gestiegenen Energiekosten, die letztendlich auch das Grundfutter, bis es im Trog gelandet ist, immer teurer gemacht haben, war ein Grund mit für die Entscheidung, auf Kraftfuttermast umzustellen. Den Silomais verkauft  Volker Jessen darum schon seit längerem an Biogasanlagenbetreiber. Die bis zu 8 t fassenden Kraftfutterstationen hat Volker Jessen für ca. 5.000 Euro selbst gebaut.

Ist Volker Jessen mit der Kraftfuttermast ein Exot?
Vor zwei Jahren berichtete Prof. Schwarting von der Fachhochschule in Nürtingen ebenfalls über einen Bullenmastbetrieb, der seit dem Jahr 2002 auf rund 450 Bullenplätzen eine Kraftfuttermast mit Absetzern betreibt. Gerstenstroh dient hier als Rohfaserkomponente. Kraftfutter wird noch über den Futtertisch vorgelegt. Aber auch dieser Betrieb denkt über Futterautomaten nach. Mit 13 bis 14 Monaten erreichen die Tiere ihr angestrebtes Schlachtgewicht von 350 kg.

Das bedeutet, die Mastdauer im Betrieb beträgt im Durchschnitt nur noch 280 Tage, gegenüber 365 Tagen bei herkömmlichen Verfahren. Nach Aussagen der Fachhochschule Nürtingen konnte der Betrieb aufgrund höherer Nettozunahmen seinen Umtrieb gegenüber einer klassischen Maissilagemast auf bis zu 1,5 Bullen je Mastplatz erhöhen. Die Ausschlachtung liegt bei 59 Prozent. Im Mittel fraßen die Bullen 8,1 kg Kraftfutter und 1,7 kg Gerstenstroh pro Tag.

Wenn wir uns derzeit in Deutschland einen Betrieb mit Kraftfuttermast ansehen wollen, müssen wir unter Umständen doch noch sehr weit fahren, nicht so in anderen Ländern. Kraftfuttermast ist in den Feedlots Nord- und Südamerikas der Standard. Das mittlerweile größte Unternehmen der Welt, das Feedlots betreibt, ist die Unternehmensgruppe Cactus. Insgesamt werden in dem Unternehmen etwa 460.000 Bullen gemästet. Standorte gibt es unter anderem sowohl in den USA als auch in Argentinien. Auch hier ist die Flächenkonkurrenz groß. Nicht Biogasanlagen werden hier zum Preistreiber für die Fläche, sondern zum Beispiel Soja.

Wir werfen stellvertretend einen Blick in einen Betrieb der Unternehmensgruppe in der Nähe der Stadt Villa Mercedes, im Zentrum Argentiniens. Es ist eine Lohnmastanlage auf einer Fläche von ca. 40 ha, in der je nach Bedarf bis zu 28.000 Rinder gemästet werden können. Die gesamte Anlage umfasst 138 Corals mit einer Größe von jeweils 60 x 40 Meter. Pro Tag werden mehr als 200 t Futter in computergesteuerten Mischanlagen gemischt und mit Lastkraftwagen zu den Tieren gebracht.

Zu den Rationen: Es werden drei Rationen für die Vor-, Haupt- und Endmast gefüttert. Die Endmastration besteht beispielsweise aus 54 Prozent Mais, 34 Prozent Maisgluten sowie Luzerneheu und Mineralfutter. Das heißt, der Anteil an strukturiertem Futter ist in dieser Ration auf etwa 10 Prozent beschränkt. Das ist nicht viel und sicherlich grenzwertig, aber nach Aussagen der Betreiber, die Ihre Tiere in einem zur Anlage gehörenden Schlachthof schlachten, ausreichend.

Wie reagiert der Pansen bei der Kraftfuttermast?
Bei hohen Anteilen an Kraftfutter sind in erster Linie Pansenfermentationsstörungen zu erwarten, wenn die Rohfaserversorgung nicht ausreichend ist. In solchen Fällen kann es zur Pansenacidose (Übersäuerung des Pansens) kommen, die wiederum zu Durchfällen, Klauenrehe und Clostridiosen führen kann. Auch Tympanien (Aufblähen des Pansens) sind möglich. Eine Pansenacidose ist immer ein schleichender Prozess. Aufgrund der verminderten Pansenaktivität kommt es zu einem verminderten Abfluss von flüchtigen Fettsäuren und damit zu einem Anstieg des osmotischen Drucks (Wasser strömt ein).

Die Faserschichtung im Pansen ist gestört und die Pansenmotorik lässt nach. Die mikrobielle Proteinsynthese ist herabgesetzt und es kommt zu Anreicherung von Proteinabbauprodukten wie Ammoniak und biogenen Aminen. Der Pansen-pH-Wert liegt deutlich unter 5,2. Aber noch einmal, dieses Szenario wird nur passieren, wenn nicht ausreichend strukturierte Rohfaser gefüttert wird. Auf dem Betrieb von Volker Jessen gibt es keine dieser Anzeichen. Der Kot zeugt von einer guten Verdauung mit ausreichend Struktur.

Julia Trautwein von der Fachhochschule Bingen stellte eigene sehr interessante wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema vor. Sie verglich bei 30 Fleckviehbullen die Auswirkungen der Fütterung einer sogenannten Trocken-TMR, die aus Kraftfutter mit Melasse (bis 10 kg) und einem Stroh-Heu-Gemisch (1:1) bestand mit einer klassischen Ration, bestehend aus Mais- und Grassilage (1:1), ergänzt mit 2 bis 2 ½ kg Kraftfutter. Unter anderem wurden Untersuchungen zum pansenphysiologischen Status sowie der Stoffwechsellage durchgeführt.

Der Pansen-pH-Wert der Stroh-Kraftfuttertiere lag bei einer mittleren Lebendmasse der Tiere von 500 kg im pH-Wert um 0,5 unter dem pH-Wert der Kontrollgruppe. Eindeutige Unterschiede in der Konzentration von Propion- und Buttersäure konnten nicht nachgewiesen werden. Insgesamt befanden sich alle Werte jedoch im physiologischen Bereich. Das gleiche galt für die ausgewählten Blutparameter Eiweiß, Harnstoff, Cholesterin, Bilirubin, ß-HBS und NEFA. Eine erhöhte Leberbelastung konnte nicht festgestellt werden.

Fazit
Volker Jessen zeigt, dass die Bullenmast mit Kraftfutter und Stroh eine interessante Alternative zur klassischen Mast auf der Basis von Mais- und Grassilage sowie Kraftfutter ist. Wichtig ist es dabei, auf eine ausreichende Rohfaserversorgung zu achten. Am besten gelingt es, so sehen wir es auch auf dem vorgestellten Betrieb, wenn Strukturkomponenten wie Stroh oder Heu zur freien Aufnahme angeboten werden. Beim Einmischen der Strukturkomponenten in die Ration besteht die Gefahr, dass der Rohfaserbedarf unterschritten wird und Pansenacidosen auftreten. Das zeigen Untersuchungen in Feedlots aus den USA. Bei einer ad-libitum-Versorgung mit Stroh und Heu lagen laut einer Untersuchung von Julia Trautwein von der Fachhochschule Bingen die Pansen- und Blutparameter trotz hoher Kraftfuttergaben von 8 bis 10 kg in der Versuchsgruppe im physiologischen Bereich. Der Vorteil einer Kraftfuttermast sind der deutlich geringere Arbeitsaufwand, geringere Kosten durch fehlende Futterbergung, Futterlagerung und Fütterungstechnik sowie ein geringerer Zinsaufwand. Die Ausschlachtung der Tiere liegt aufgrund des geringeren Pansenvolumens höher.

Dr. Hans-Jürgen Kunz,
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Telefon 0 43 81-90 09-48
Email: hkunz(at)lksh(dot)de


Foto 1:

Bild 2: Bei der Kraftfuttermast auf dem Betrieb von Volker Jessen können sich die Tiere selbst am Kraftfutterautomaten bedienen.

Bild 3: Ein solches Selbstbediensilo mit einer Füllmenge von sechs Tonnen wird etwa alle zwei bis drei Wochen vom Landhandel neu befüllt.

Bild 4: Stroh steht ebenfalls zur freien Aufnahme zur Verfügung.

Bild 5: In einer solchen freitragenden Leichtbauhalle haben etwa 50 Rinder ausreichend Platz.

Bild 6: Alle Tiere haben ausreichend Zeit für die Kraftfutteraufnahme.

Bild 7: Da alle Tiere auf Festmist stehen, wird ein ausreichend dimensioniertes Strohlager benötigt.

Bild 8: Auch bei weidenden Tieren, die für die Mast bestimmt sind, wird Kraftfutter zur freien Aufnahme an Kraftfutterspendern angeboten.

Bild 9: Die Tiere sind ausgesprochen ruhig und kerngesund.