Schwanzbeißverhalten bei Schweinen – Wie tief im Tier veranlagt?

23.10.2019 – M. Sc. Lea-Sophie Trost und Prof. Dr. U. Hellmuth - Fachhochschule Kiel, Fachbereich Agrarwirtschaft


Im
ersten Teil der Betrachtung der Ursachen für das Schwanzbeißen legte die Autorin Lea-Sophie Trost den Schwerpunkt auf die genetischen Dispositionen. Im zweiten Teil geht sie nun näher auf die Auswirkung züchterischer Einflüsse der letzten Jahre ein. Insbesondere betrifft dies gewisse Merkmalsantagonismen bei der reinen Zucht auf hohe Leistungen der Schweine.


Teil2: Züchterische Beeinflussung


Des Weiteren sollte die züchterische Veränderung des Schweines in den vergangenen Jahrzehnten beachtet werden. Seit den 60er Jahren ist es zu veränderten Markt- und Leistungsanforderungen in der Schweineproduktion gekommen, bedingt durch die zunehmende Nachfrage des Verbrauchers nach magerem Fleisch. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, erfolgte eine züchterische Veränderung des Schweines vom „phlegmatischen Fettschwein“ zum „modernen Fleischschwein“. Diese züchterische Veränderung des Schweines hat zu temperamentvolleren, sensibleren und stressanfälligeren Schweinen geführt, welche als „psychisch sensibler“ eingestuft werden können. Es wird die Vermutung abgeleitet, dass diese als empfänglicher gelten eine Neigung zum Schwanzbeißverhalten zu entwickeln.

Es ist bekannt, dass eine zu einseitige Zucht auf bestimmte Merkmale zu einem Merkmalsantagonismus mit anderen Merkmalen führen kann. Die Zucht auf extreme Leistung in der Tierproduktion geht häufig zu Lasten der Fitness und der Gesundheit der Tiere. Aufgrund dessen sollte die züchterische Veränderung der Schweine in Bezug auf die Erhöhung des MFA beachtet werden. Die Zucht auf einen höheren MFA führte zur Reduktion der Rückenspeckdicke bei Schweinen. Von 1955 bis heute konnte diese um mehr als die Hälfte reduziert werden. Unterschiedliche Studien geben Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Erhöhung des MFA, der daraus folgenden Reduktion der Rückenspeckdicke und dem Schwanzbeißverhalten. Diese Hypothese kann anhand der Ergebnisse der Literaturanalyse unterstützt werden.

Es besteht ein sehr hoher Zusammenhang zwischen der Zucht auf Muskelfleischanteil und Schwanzbeißen


Bereits 2007 hat die EFSA in ihrer Analyse ebenfalls die Vermutung geäußert, dass die Selektion auf bestimmte Produktionsleistungsmerkmale mit in Verbindung steht, das Schwanzbeißverhalten bei Schweinen zu begünstigen. Dennoch wurde dieser Aspekt bislang nur in verhältnismäßig geringem Umfang berücksichtigt.

Neben der allgemeinen Form des Schwanzbeißens wird ein gewisser Anteil an verletzten Schwänzen auch ohne das Beißen anderer Schweine hervorgerufen. Als sekundäre Form des Schwanzbeißens können Schwanznekrosen mit als Ursache für das Schwanzbeißen angesehen werden. Das Systemische Inflammations- und Nekrose- Syndrom (SINS) wird auf Entzündungen und Durchblutungsstörungen bei den Tieren zurückgeführt, welche durch Stoffwechselstörungen hervorgerufen werden. Stoffwechselstörungen haben, wie das Schwanzbeißen, einen multifaktoriellen Ursprung. Da ein nicht unerheblicher Anteil an Ferkeln bereits mit Schwanznekrosen zur Welt kommt und diese mitverantwortlich dafür sind, dass es zum Schwanzbeißen kommt, kann der Sauengenetik und dem Gesundheitsstatus der Sau eine hohe Bedeutung zugesprochen werden. Zudem wird die Züchtung auf eine optimale Futterverwertung als Ursache für das SINS angesehen. Dabei kommt es zu Merkmalsantagonismen zwischen den Produktionszielen und der Homöostase der Tiere sowie deren Auswirkungen auf den Stoffwechsel (REINER und LECHNER, 2018; REINER, 2018). Aufgrund der hochstoffwechselaktiven Funktion des Fettgewebes wurde in der Analyse die Vermutung abgeleitet, dass die starke Reduktion des Fettgehaltes bei den Schweinen in den vergangenen Jahrzehnten möglicherweise im Zusammenhang mit der Entstehung von Schwanznekrosen stehen könnte.

Das BMEL (2017) weist in seiner veröffentlichten Nutztierstrategie darauf hin, dass sich der züchterische Schwerpunkt in den vergangenen Jahren in der Schweineproduktion in Deutschland stark auf die Leistungsmerkmale fokussiert hat. Dass neben den ökonomisch begründeten Mengenleistungsmerkmalen auch funktionelle Merkmale wie z. B. Robustheit, Gesundheit oder die Umweltwirkung der Tiere bei den züchterischen Aktivitäten erfasst werden, erfolgt demgegenüber bislang jedoch nur in einem geringen Umfang. Durch die Selektion auf Leistungsmerkmale kann es zu züchterisch bedingten Tierschutzproblemen kommen. Dass eine zu einseitige Zucht auf bestimmte Merkmale zu Merkmalsantagonismen mit anderen Merkmalen führen kann, welche sich häufig zu Lasten der Fitness und der Gesundheit für die Tiere auswirken, wird auch in weiterer Literatur beschrieben. Dennoch steht im Fokus der Schweinezucht nach wie vor die Optimierung der Produktionsleistungsdaten, obwohl Institutionen wie die DAFA (2012), der WBA beim BMEL (2015) oder das BMEL (2017) sich dafür aussprechen, dass die funktionellen Merkmale in der Tierzucht in Zukunft stärker berücksichtigt werden sollten. Auch LECHNER (2018) empfiehlt, in der Zucht zukünftig den Fokus mehr in Richtung „Optimum statt Maximum“ auszurichten.

Da es Hinweise darauf gibt, dass die Zucht zum modernen Fleischschwein eine hohe physiologische Belastung und z. T. Überforderung für das Schwein darstellt, welche sich in einer starken Beanspruchung des Stoffwechsels äußert, sollte geprüft werden, ob die definierten Zuchtziele moglicherweise das physiologische Leistungsmaß des Schweins überschreiten und ob diese ggf. korrigiert werden müssten.

Je höher der Intramuskuläre Fettgehalt, umso besser der Geschmack des Fleisches und umso geringer die Schwanzbeißneigung


Des Weiteren muss beachtet werden, dass die vom Verbraucher geforderte geringere Verfettung des Schlachtkörpers im Widerspruch zur optimalen Fleischqualität steht. Diesbezüglich muss die Bedeutung des intramuskulären Fettgehaltes betrachtet werden, da dieser einen Einfluss auf die Fleischqualität hat. In der Literatur wird ein Optimalwert für den Anteil des intramuskulären Fetts von 2,0 bis 2,5 % angegeben. Bereits ab einem Wert von 2,0 % sind deutliche Unterschiede in der Saftigkeit, dem Geschmack und somit im Genusswert zu verzeichnen. Die Abbildung 2 verdeutlicht, dass ein hoher intramuskulärer Fettgehalt von 3,9 % in den Kriterien Geschmack, Saftigkeit, Zartheit und Akzeptanz vom Verbraucher deutlich besser bewertet wird als im Vergleich zu einem niedrigen intramuskulären Fettgehalt von 1,5 %.

Um den Wunsch des Verbrauches nach magerem Fleisch zu erfüllen, liegt der Anteil des intramuskulären Fetts derzeit durchschnittlich aber bei einem Wert von 1 bis 1,5 %. Somit liegen die aktuellen Werte deutlich unter den empfohlenen Werten. Dies ist dadurch begründet, dass ein höherer intramuskulärer Fettanteil mit einer höheren Verfettung des Schlachtkörpers einhergeht.

Abbildung 2: Bewertung des Einflusses des intramuskulären Fettgehaltes auf die Fleischqualität und deren Akzeptanz (BARTON-GADE und BEJERHOLM, 1985, zitiert in BRAUN und MÜLLER, 2010)


Zudem kann die starke negative Kritik an tierischen Fetten heutzutage größtenteils wissenschaftlich widerlegt werden. Unter der Betrachtung der ernährungsphysiologischen Gesichtspunkte haben die tierischen Fette einen berechtigten Platz in einer gesunden Ernährung. Neben essentiellen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen tragen sie zum Einsetzen des Sättigungsgefühls bei. Eine Reduktion von tierischen Fetten in der Ernährung führt zu einer höheren Aufnahme von Kohlenhydraten. Dies erklärt wiederum, warum trotz deutlicher Reduktion von tierischen Fetten in der menschlichen Ernährung – global gesehen – der Anteil an übergewichtigen Menschen tendenziell zugenommen hat. Der bislang postulierte Verzicht auf fettreiches Fleisch kann somit aus ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten nicht mehr empfohlen werden.

Neben der Berücksichtigung dieser Bedeutung des tierischen Fettgehaltes in der menschlichen Ernährung und dessen Auswirkungen auf die Fleischqualität sollte aber auch die Bedeutung und Funktion des Fettgewebes für das Schwein betrachtet werden, da eine züchterische Reduktion dieser sich nachteilig auf die Physiologie, die Tiergesundheit und das Verhalten der Schweine ausgewirkt hat. Aufgrund dieser aufgeführten Aspekte sollte zukünftig hinterfragt werden, ob eine Fokussierung auf einen höheren MFA in der Schweinezucht noch zeitgemäß ist und nicht stattdessen wieder eine Korrektur in Richtung Erhöhung des Fettgehaltes beim Schwein erfolgen sollte. Inwieweit eine Anhebung des Fettgehaltes sinnvoll wäre, sollte in zukünftigen Studien untersucht werden.

Genotyp-Umweltinteraktionen sollten in Zukunft mehr beachtet werden

FAZIT

Insgesamt wird ein Zusammenhang zwischen der Fokussierung auf Leistungsmerkmale wie die Erhöhung des MFA bei den Schweinen und dem Schwanzbeißverhalten vermutet. Anhand der Untersuchungsergebnisse der Analyse konnte abgeleitet werden, dass die züchterische Veränderung des Schweines, bedingt durch nicht berücksichtigte Merkmalsantagonismen, einen Einfluss auf die Physiologie, die Tiergesundheit und das Verhalten der Tiere genommen hat. Neben einer Vielzahl an Faktoren, die das Schwanzbeißverhalten bei Schweinen beeinflussen, lassen die Ergebnisse außerdem darauf schließen, dass das Schwanzbeißverhalten der Schweine tiefer in den Tieren veranlagt sein muss. Diesbezüglich  sollte insbesondere dem Einfluss des Genotyps sowie dessen Interaktion mit der Umwelt in Zukunft eine höhere Bedeutung zugesprochen werden. In Ergänzung dazu sollte die Ausrichtung der Zuchtziele in der Schweineproduktion kritisch hinterfragt werden. Die Ergebnisse der Analyse geben Hinweise über wissenschaftliche Forschungsansätze, die genutzt werden könnten, um mehr über die Ursachen des Schwanzbeißverhaltens der Schweine zu erfahren. Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse könnten dazu beitragen, einen Einfluss auf das Schwanzbeißverhalten der Schweine zu nehmen und dieses folglich zu minimieren.

DER DIREKTE DRAHT

M. Sc. Lea-Sophie Trost
lea.trost(at)@t-online.de

Prof. Dr. Urban Hellmuth
urban.hellmuth(at)@fh-kiel.de

Fachhochschule Kiel, Fachbereich Agrarwirtschaft

Stand: August 2019