Nach der Geburt auch an das Muttertier denken – TEIL 2

15.08.2019 – Dr. Ole Lamp, Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein

Eine ungestörte und dennoch gut überwachte Geburt ist die Grundlage für ein gesundes Kälberleben. Aber auch das Muttertier profitiert von einer sofortigen Versorgung und optimalen Abkalbebedingungen. Nachdem im letzten Beitrag wichtige Managementmaßnahmen für einen reibungslosen Verlauf von Kalbung und Nachgeburtsphase erläutert wurden, behandelt der folgende zweite Teil des Beitrags nun die rechtzeitige Erkennung möglicher Störungen der Mutterkuh nach der Geburt. Dargelegt sind die Kennwerte, die es nach der Geburt zu beachten gilt. Geburtsstörungen und Geburtshilfe werden dann in einem weiteren Folgeartikel behandelt.

Frischabkalber-Monitoring

In den Tagen nach der Geburt ist das Thermometer das wichtigste Instrument in der Tierkontrolle. Abweichungen in der Rektaltemperatur von der Norm (38,3 °C bis 38,8 °C in Ruhe und gemäßigten Außentemperaturen) können Milchfieber und eitrige Entzündungen von Gebärmutter oder Euter anzeigen. Daher sollte die tägliche Kontrolle in den 10 Tagen nach der Kalbung die Temperaturmessung einschließen.

Weitere wichtige Merkmale bei der täglichen Begutachtung der Frischabkalber sind sehr schnell und meist schon beim Auftreiben der Tiere im täglichen Arbeitsablauf zu erledigen. Dazu gehören:

  • Wacher Blick
  • Ohrenspiel
  • Sauberes Flotzmaul
  • Sauberkeit von Schwanz und Beckenbereich
  • Kein Scheidenausfluss
  • Zügiges Aufstehen
  • Kotkonsistenz
  • Füllung der Hungergrube
  • Sicherer Gang

Auffällige Tiere sollten unverzüglich mit einem farbigen Strich markiert und bei nächster Gelegenheit genauer untersucht werden. Das Markierungssystem auf dem Rücken der Kuh mit einem gelben Strich bei auffälligen und einem rotem Strich als Markierung für behandlungsbedürftige Tiere hat sich in größeren Betrieben bewährt. Mittlerweile sind entsprechend lang haltbare Viehzeichenstifte unter anderem bei den Zuchtorganisationen erhältlich. Grüne Striche können zudem die tägliche Messung einer normalen Temperatur dokumentieren und so die Informationsweitergabe im Betrieb erleichtern.

Die Beurteilung der Wiederkautätigkeit (mehr als 55 Schläge pro Bissen) gibt weitere wichtige Hinweise auf eine funktionierende Verdauung. Ist im Betrieb eine elektronische Wiederkaumessung vorhanden, sollte die Kuh sich in der ersten Woche wieder bei einem Wert von zirka zehn Stunden Wiederkaudauer pro Tag eingependelt haben.

Einen weiteren wertvollen Hinweis auf Störungen des Stoffwechsels gibt die tägliche Milchmengenmessung des Einzeltieres. Ein Absinken in den ersten Wochen ist immer als Alarmsignal zu werten.

Je nach Problemlage auf dem Betrieb kann auch ein regelmäßiges Messen von Ketonkörpern im Blut zweimal pro Woche nötig sein.

Durch ein einfaches Ampel-Farbsystem kann der Zustand der Kuh deutlich gemacht werden. Dies erleichtert das Auffinden der Tiere in der Frischmelkergruppe für Nachuntersuchungen und Behandlungen

Den Grundstein für eine gute Fruchtbarkeit legen

Sind die ersten Klippen mit reibungsloser Geburt und stabilem Stoffwechsel umschifft, gilt es nun die termingerechte Belegung zu ermöglichen. Voraussetzung ist die vollständige Rückbildung der Gebärmutter, die nach drei Wochen abgeschlossen sein soll. Bleibt die Gebärmutter auch in der vierten Woche noch vergrößert, ist von einer Eiteransammlung in ihrem Inneren auszugehen.

Neben dem rektalen Tastbefund eignet sich auch eine Kontrolle auf geringe Mengen eitrigen Ausflusses mittels Metricheck. Hierbei handelt es sich um ein simples T-förmiges Instrument aus Stahl, an dessen unterem Ende eine schwarze Gummikappe montiert ist. Wird das Ende mit der Gummikappe nun vaginal eingeführt und gleich wieder zurückgezogen, lassen sich eitrige Ausflüsse aus dem Bereich des Muttermundes sofort erkennen und eine tierärztliche Behandlung einleiten. Die Empfindlichkeit dieses Tests ist dabei sogar der Ultraschallkontrolle überlegen (Kumar et al., 2013) oder mindestens gleichwertig (Savc et al. 2016). Der Metricheck lässt sich vor der nächsten Verwendung leicht reinigen und mittels Spray desinfizieren, sodass auch mehrere Kühe nacheinander untersucht werden können. Durch die geringe Größe ist das Risiko einer Keimeinschleppung in die Gebärmutter wesentlich geringer als bei einem Eingriff mit behandschuhtem Arm. Es versteht sich von selbst, dass ein solches Instrument nur auf dem eigenen Betrieb eingesetzt und dort für den Hoftierarzt bereitgehalten werden sollte.

Routinemäßige Kontrollen der Gebärmuttergesundheit aller Kühe vier Wochen nach der Kalbung helfen so, die Fruchtbarkeit im Betrieb im Optimum und den Besamungsaufwand gering zu halten. Treten häufig Gebärmutterentzündungen auf, sollte man neben dem Kalzium- und Energiestoffwechsel auch die Geburtshygiene und die Versorgung mit den Antioxidantien Vitamin E und Selen kritisch prüfen.

Der Metricheck bietet eine einfache, genaue und hygienische Möglichkeit, schnell die Gebärmuttergesundheit einzuschätzen.

Fazit

In den Tagen nach der Geburt ist die tägliche Kontrolle des Muttertiers und damit die rechtzeitige Erkennung möglicher Störungen der Mutterkuh besonders wichtig. Die genannten Kennwerte, wie die Rektaltemperatur oder die Sauberkeit des Beckenbereichs, gilt es im Blick zu behalten, denn nur mit einem stabilen Stoffwechsel und gesunden Fortpflanzungsorganen können die angestrebten Leistungen in Milchproduktion, Fruchtbarkeit und Nutzungsdauer erzielt werden.

DER DIREKTE DRAHT

Dr. Ole Lamp
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
E-Mail: olamp(a)lksh.de

Bilder: Dr. Ole Lamp
Stand Juli 2019