2018 – ein außergewöhnliches Vegetationsjahr: Konsequenzen für die Milchkuhfütterung

15.08.2018 – Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Fachhochschule Kiel

Futter im Norden und Osten Deutschlands ist von Woche zu Woche aufgrund anhaltender Trockenheit immer knapper geworden. Stellenweise gab es seit der Maisaussaat Ende April 2018 keine nennenswerten Niederschläge mehr. Im Mais fand das Fahnenschieben Mitte Juli in z.T. nur 1,50 m Höhe statt, was das Ende des Massenwachstums bedeutete. Anfang August haben, besonders in den östlichen Bundesländern, zahlreiche Maispflanzen ihr Wachstum eingestellt.

In Schleswig-Holstein ist es nicht überall besorgniserregend, aber auch hier zeichnen sich – noch punktuell – Engpässe bei der Versorgung der Tierbestände ab, da zum einen die Massen-, aber vor allem auch die Energieerträge beim Silomais fehlen und darüber hinaus in zahlreichen Betrieben kaum ein wüchsiger 2. Grasaufwuchs zu verzeichnen war. Besonders in Betrieben mit ohnehin knappen Silagevorräten aus dem Vorjahr, selbst bei überdurchschnittlichen Erträgen im 3. und 4. Schnitt – falls es endlich den lang ersehnten Regen gibt – sind die Futterlücken kaum oder im schlimmsten Fall gar nicht zu schließen.

So formulierte Jürgen Pickert, Mitglied des DLG-Ausschusses für Grünland und Futterbau sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V., im DLG-Newsletter 30/2018 sehr treffend: „Gras- und Maissilage oder Heu werden 2018/19 wohl wieder zur „Marktfrucht“, für den einen finanziell betriebsgefährdend, für den anderen lukrativ.“

Aufgrund der insgesamt schwachen Getreideernte wurde auch weniger Stroh geborgen, was die Preise hierfür z.T. in die Höhe schnellen ließ. So gab es im Nordwesten Deutschlands vereinzelte Preisforderungen für frei Hof gelieferte Stroh-Großballen von 200.-€/t, Ende Mai betrug der Preis noch knapp 100.-€/t.

Abgesehen davon bleibt für einen Rinderhalter immer die oberste Priorität, die Tiere satt zu bekommen. Insofern haben die Milchkuhhalter Stroh gekauft, aus allen Himmelsrichtungen und mitunter über große Distanzen.

Hinzu kommt, dass die geringere Getreideernte zu deutlich höheren Preisen bei eben diesem führt. Gleiches dürfte auch für alle anderen Kraftfutterkomponenten gelten. Insofern ist die Lage für viele Landwirte ziemlich, für manche schon extrem angespannt:

  • Wenig/zu wenig eigen erzeugtes Grobfutter
  • Geringere Einnahmen durch die schlechte Getreideernte
  • Zusätzliche Aufwendungen für den Zukauf von Grobfutter (v.a. Stroh)
  • Hohe und steigende Kraftfutterpreise

Andere Dürrejahre

Diese momentane Situation – lang anhaltende Trockenheit in Kombination mit wochenlanger Hitze – ist schon sehr extrem, aber es soll nicht vergessen werden, dass es auch in der Vergangenheit immer mal wieder sogenannte „Dürrejahre“ gab, z. B. 2006, 2011, 2015, besonders aber 2003, nur war davon der äußerste Norden Deutschlands eher weniger betroffen, sehr wohl aber insbesondere die neuen Bundesländer.

Die Maisbestände sind sehr unterschiedlich von der lang anhaltenden Trockenheit gezeichnet; dieser hier im Bild zeigt viele kolbenlose Maispflanzen mit sehr dünnen Stängeln, die bei einem Gewitter abgeknickt sind.

Futterwert von trockenheitsgeschädigtem Mais

Der Entwicklungsstand vom Mais ist einzelbetrieblich, schlagbezogen, aber sogar auch innerhalb der Schläge sehr unterschiedlich und v.a. vom Aussaatzeitpunkt und der Ausbildung des Wurzelwerkes abhängig.

Der Futterwert des Silomaises richtet sich hauptsächlich nach der Kolbenausbildung. Stark reduzierte Körner in den Kolbenspitzen sprechen für einen Abbruch der Stärkeeinlagerung. Kolbenarmer, aber noch grüner Mais kann einen hohen Zuckergehalt (bis zu 15–20 % i.d. TM) und durchaus noch einen mäßig guten Futterwert aufweisen, aber es fehlt eben die ausgereifte Stärke (Übersicht 1). In diesem Fall wäre eine solche Maissilage eher wie eine zuckerreiche Grassilage in der Ration einzusetzen.

Maisbestände, deren Restpflanzen aber bereits verstroht sind, erschweren sehr aufgrund des extrem hohen TM-Gehaltes die notwendige Verdichtung im Silo, so dass die Gefahr vermehrter Sauerstoffeinschlüsse in den Silagen besteht.

Übersicht 1: Inhaltsstoffe und Energiekonzentrationen von Maissilagen mit Trockenschäden, Ernte 1994 (Hertwig und Pickert 1999)


In beiden Fällen – 1.: hohe Restzuckergehalte der Silagen von zuckerreichem Mais und 2.: vertrockneter, strohiger Mais mit schlechter Verdichtung im Silo – besteht eine erhöhte Nacherwärmungsgefahr und muss darauf entsprechend reagiert werden.

Zuvor aber ist bereits die Häcksellänge bei der Ernte den unterschiedlich hohen TM-Gehalten anzupassen. Bei verstrohtem Mais sollte diese reduziert (theoretische Häcksellänge: < 7 mm), bei zu Sickersaft neigendem Mais erhöht (theoretische Häcksellänge: ca. 10–15 mm) werden.

Rationsgestaltung mit trockenheitsgeschädigtem Mais

Anhand eines Beispiels soll gezeigt werden, wie sich in beiden Fällen die Rationsgestaltung beim Einsatz von Mais ohne Kolben verändern würde (Übersicht 2).

Übersicht 2: Beispielrationen für Milchkühe (650 kg, 33 kg Milch, 4 % Fett, 3,4 % Eiweiß, 21,3 kg TM-Aufnahme unterstellt) mit trockengeschädigten Maissilagen (aus der Übersicht 1)


Die Ausgangsration 1
trägt bereits der veränderten Grobfuttersituation dahingehend Rechnung, als dass die Menge an Gras- und Maissilage gegenüber einer normalen Situation deutlich reduziert und die Ration mit 2 kg Stroh „gestreckt“ wurde. Das würde nun einen Strohanteil von 22 % (der Grobfutterrations-TM) bedeuten. Damit einher geht eine Einsparung von ca. 4 bis 5 kg Silage-TM.

Als sogenannte „Energie-Kraftfuttermittel“ sollen Getreide (in diesem Fall Roggen), Körnermais und Trockenschnitzel und als Eiweißfuttermittel Rapsextraktionsschrot eingesetzt werden. Eine kleine Menge Futterharnstoff soll dafür sorgen, dass die RNB der Ration nicht zu stark negativ wird. Ein Wasserzusatz ist zwangsläufig notwendig, wenn größere Strohmengen eingesetzt werden und keine weiteren feuchten Nebenprodukte wie z. B. Biertreber, Pülpe oder Pressschnitzel verfügbar sind. Je trockener eine Futterration ist und je höher der Strohanteil wird, umso wichtiger ist es, ein stark selektives Fressen der Tiere zu verhindern. Das gelingt am besten mit einem Wasserzusatz.

Da die Vorgabe war, mit allen Rationen 33 l Milch zu „erfüttern“, ist die notwendige Kraftfuttereinsatzmenge mit 12 kg TM (=13,6 kg Kraftfutter) bzw. der sich daraus ergebene Kraftfutteranteil von 56 % an der Gesamtration sehr hoch. Das geht aber nicht zulasten der Strukturversorgung, da Stroh bekanntlich der größte Strukturlieferant ist. So sollte mit 11,9 % strukturwirksamer Rohfaser i.d. TM die Wiederkäuergerechtheit ausreichend sein, wenn die Tiere eine kalkulierte Futteraufnahme von 21,3 kg TM realisieren. Das entspräche einer Menge an strukturwirksamer Rohfaser von 390 g/100 kg Lebendmasse (Zielwert: mindestens 350, besser 380–400 g/100 kg LM). Die Gesamtmenge an Zucker und Stärke muss dabei beachtet werden. Zwar sind 27,7 % i.d.TM recht hoch, aber in Kombination mit einer ad libitum-Futtervorlage einer Voll-TMR und dem Einsatz von 2,6 kg TM Körnermais (fast 3 kg; Körnermais liefert 44 % seiner Stärke als pansenstabile Stärke) ist dieser Wert akzeptabel.

Ration 2 enthält bei unveränderter Mais-, Grassilage- und Strohmenge nun aber eine Maissilage, deren Silomais bei der Ernte keinen Kolben, aber eine grüne Restpflanze aufwies (Maissilage in der mittleren Spalte der Übersicht 1). Da diese Maissilage keine Stärke, aber mehr Rohfaser enthält, wurde die Getreide- und Körnermaismenge in der Ration angehoben und in nahezu gleichem Maße die Einsatzmenge an Trockenschnitzeln reduziert. Dadurch konnte die etwas geringere Energiedichte der Maissilage wieder ausgeglichen werden.

Durch die feuchtere Maissilage wurde die notwendige Wassermenge etwas reduziert.

In gewissen Grenzen lassen sich einerseits ein geringerer Futterwert von Maissilagen und andererseits knappe Silagevorräte ausgleichen. Das erfordert neben einer gut durchdachten Rationsgestaltung v.a. ein akkurates Futterladen.


Bei der Ration 3
ist, wieder bei gleicher Mais-, Grassilage- und Strohmenge, jetzt die Maissilage eingesetzt worden, deren Silomais bei der Ernte kolbenlos, aber verstroht war (Maissilage in der rechten Spalte der Übersicht 1). Diese Maissilage enthält keine Stärke, i.d.R. auch kaum nennenswert Zucker, hat deutlich mehr Rohfaser und demzufolge einen wesentlich geringen Energiegehalt. Dieses wurde dadurch versucht auszugleichen, in dem die Trockenschnitzelmenge nochmals reduziert und die Getreidemenge im gleichen Verhältnis erhöht wurde.

Hier muss nun aber wieder die zugesetzte Wassermenge erhöht werden, da die Maissilage deutlich trockener ist.

Diese Beispielrationen sollen aufzeigen, dass Maissilagen aus trockenheitsgeschädigtem, kolbenarmem bzw. kolbenlosem Mais sehr wohl auch in Milchkuhrationen einsetzbar sind, vorausgesetzt, sie genügen dem hygienischen Anspruch (kein erwärmtes Futter!) der Tiere. Es ist bei der Rationsgestaltung vor allem auf die Gehalte an Zucker und Stärke zu achten und bei vermehrtem Einsatz von verstrohten Maissilagen und dann noch in Kombination mit Stroh i.d.R. ein Wasserzusatz notwendig.

Je größer jedoch der Anteil einer solch veränderten Maissilage in der Gesamtration ist, umso schneller wird bei dem Versuch, die fehlende Energie der Maissilage durch das Kraftfutter wieder auszugleichen, der Grenzwert für Zucker+Stärke erreicht und überschritten. Folglich sind dann bei der Fütterung laktierender hochleistender Milchkühe mit einer solchen Silage entsprechende Einsatzgrenzen vorgegeben.

Stroh wird wieder einmal zu „Goldstaub“.

Wie bei Futterknappheit reagieren?

Je nachdem, wie sehr jeder einzelne Betrieb von der Trockenheit betroffen ist, sollte als erstes eine exakte Kalkulation der vorhandenen Futtervorräte erfolgen. Wenn möglich, kann der Einsatz bestimmter Nebenprodukte wie Pressschnitzel, Kartoffelpülpe, Biertreber, Pektin-/ Zitrustrester eine gewisse Entlastung bringen. Flächendeckend aber dürfte deren Beitrag hierfür eher mäßig bis gering sein, weil diese Futtermittel in einigen Regionen, wie z.B. Schleswig-Holstein, nicht in großen Mengen verfügbar sind.

Demnach bleibt noch, die Rationen mit Stroh zu „strecken“. Das erfordert eine gute Rationsplanung und –kalkulation, am besten gemeinsam mit dem Berater oder Tierarzt, denn auch weiterhin gilt neben der Forderung, die Tiere satt zu bekommen, eine bedarfsgerechte Versorgung.

Bei laktierenden Milchkühen können normalerweise problemlos 0,5–1 kg Stroh je Kuh und Tag eingesetzt werden, aber bei guter Rationskalkulation wären auch 2–3 kg Stroh je Tier und Tag machbar. Das Entscheidende dabei bleibt die Höhe der Futteraufnahme. Es ist zwingend notwendig, das Stroh möglichst sehr kurz zu häckseln und mittels Wasserzusatz ein Selektieren weitestgehend zu verhindern.

Bei Früh-Trockenstehern sind Strohmengen bis zu 4 kg möglich und in der Praxis bereits bewährt.

Jungrindern ab dem ca. 8.–10. Lebensmonat können ebenfalls größere Strohmengen gefüttert werden. 30–50 % der Rations-TM wären möglich, eine beste Mischqualität der Ration vorausgesetzt. Auch wäre durch einen gewissen Melassezusatz zur Ration (z.B. 10 kg Stroh mit 1 kg Melasse und diese 1:5 mit Wasser verdünnt) ggf. die Futteraufnahme zu sichern.

Grundsätzlich sollten die Futterrationen für die hochleistenden Milchkühe und die Kälber sowie kleinen Jungrinder (bis ca. 8. Lebensmonat) stets als letztes verändert werden.

Und dennoch bleibt das oberste Ziel: erst einmal die Tiere satt zu bekommen.

DER DIREKTE DRAHT

Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge
FH Kiel/Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Fachbereich Agrarwirtschaft,
Osterrönfeld

katrin.mahlkow-nerge(at)fh-kiel(dot)de

Stand: August 2018
Fotos (Katrin Mahlkow-Nerge)