Nach der Geburt auch an das Muttertier denken – TEIL 1

07.08.2019 – Dr. Ole Lamp, Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein

Die Kalbung stellt immer wieder eine entscheidende Klippe im Leben einer Kuh dar, die jedes Mal wieder gut "umschifft" werden will, wenn der Start in die neue Laktation gut gelingen soll. Nach einer guten Vorbereitung in der Trockenstehphase liegt der Schwerpunkt auf einem reibungslosen Verlauf von Kalbung und Nachgeburtsphase sowie der rechtzeitigen Erkennung möglicher Störungen. Nur wenn alle Maßnahmen im Management optimal abgestimmt sind und sich sinnvoll ergänzen, kann die Kuh ihr Leistungspotential auch voll entfalten. Daher sollen nun im Folgenden bewährte Maßnahmen für einen reibungslosen Verlauf von Kalbung und Nachgeburtsphase dargestellt werden. Die Kennwerte, die es nach der Geburt zu beachten gilt, werden im zweiten Teil des Beitrags erläutert. 

Meist empfiehlt sich eine zeitige Umstallung der Kuh aus der Transitgruppe sobald erste Zeichen für die nahende Geburt auftreten. Spätestens aber mit dem sichtbaren Beginn der Wehentätigkeit sollte die Kuh in eine saubere und frisch eingestreute Abkalbebox verbracht werden. Eine Umstallung bei Erscheinen des Kalbes ist sicherlich zu spät und stört den normalen Geburtsverlauf teils erheblich.

Die Empfehlung für Abkalbeboxen liegt derzeit bei 10 m² pro Kuh. Eine gemeinsame Aufstallung von Kalbungskandidatinnen in einer Box setzt neben ausreichend Platz auch immer die Verträglichkeit der Tiere miteinander voraus. Andernfalls kann das Risiko für Geburtsstörungen und Totgeburten ansteigen. Bleibt das Kalb länger bei der Mutter in der Abkalbebox besteht zudem die Gefahr, dass es von anderen Kühen oder Färsen verletzt wird oder diese besaugt. Dies kann zum Verlust der Biestmilch bei diesen Tieren führen.

Die Abkalbebox sollte ausreichend groß, frisch eingestreut und gut einsehbar sein. Die Abtrennung der Kühe in Einzelabteile zur Kalbung bietet viele Sicherheitsvorteile.

Die Geburt beobachten, ohne zu stören

Im weiteren Verlauf ist der Geburtsverlauf regelmäßig durch kurzes Verweilen an der Box zu überwachen. Eine vaginale Untersuchung ist bei ungestörtem Verlauf natürlich unnötig und riskant. Mit Beginn der ersten sichtbaren Wehen können nicht nur bei Erstkalbinnen mehrere Stunden bis zur Geburt des Kalbes vergehen, ohne dass ein Problem vorliegt. Das Hervortreten der Fruchtblase zeigt an, dass die Geburt des Kalbes unmittelbar bevorsteht. Die Blasen sollten im Normalfall nicht von Hand eröffnet werden, da sie den Geburtsweg für das Kalb weiten. Ihr Inhalt ist zudem für die Befeuchtung und Gleitfähigkeit des Geburtskanals wichtig und sollte daher nicht zu früh abfließen. Die Zeit vom Austreten der Klauen bis zum Erscheinen des Kopfes liegt bei Färsen mit rund 45 Minuten dreimal höher als bei Kühen.

Bei Normalgeburten kann sanfte Zughilfe lediglich dann, wenn das Kalb bereits mit den Vorderbeinen und Teilen des Kopfes hervorgetreten ist, hilfreich sein. Diese hat dann abgewinkelt in Richtung der Sprunggelenke der Kuh zu erfolgen. Durch das Eintreten des Kalbes in das knöcherne Becken kommt es nämlich teils zum Abdrücken der Nabelschnur, sodass die Sauerstoffversorgung vermindert wird. Gleichzeitig ist der Brustkorb des Kalbes noch im weichen Geburtsweg eingeklemmt, sodass erste Atembewegungen kaum möglich sind. Auch können Fruchthüllen in dieser Phase die Atmung behindern. Sie sollten dann schnellstmöglich entfernt werden.

Erstversorgung von Kalb und Kuh

Die erste Versorgung nach einer Normalgeburt gilt selbstverständlich dem Kalb, dessen Körper gerade radikale Veränderungen in Stoffwechsel und Umgebung erlebt. Es gilt die Lebensfrische (Vitalität) des Kalbes zu prüfen:

  • Regelmäßige Atmung
  • Muskelspannung/Aufrechte Körperhaltung
  • Rosige Schleimhautfarbe

Das anschließende Trockenreiben des Kalbes mit frischem Stroh hilft Wärmeverluste zu senken und regt den Kreislauf des Kalbes an. Ist das Kalb stabil, kann nun der Kuhtrunk zubereitet und die zügige Biestmilchgabe vorbereitet werden.

Der lauwarme Kuhtrunk hat verschiedene Vorteile: Zum einen erhält die Kuh über die eingemischten Produkte wichtige Elektrolyte und schnelle Energie in Form von Zuckern, die den Stoffwechsel stabilisieren. Zum anderen hilft die große Menge Wasser von mindestens 30 Litern, den Panseninhalt aufzulockern, der in den Stunden der Geburt und der geringen Futteraufnahme fester und träger geworden ist. Denn nur mit einer ungestörten Pansenpassage lassen sich hohe Grundfutteraufnahmen in den Folgetagen erreichen und das Risiko für Labmagenverlagerungen senken. Die ersten Minuten nach der Kalbung entscheiden dabei, ob die Kuh die angebotene Flüssigkeit freiwillig aufnimmt oder die Flüssigkeit per Drench gegeben werden muss. Direkt nach der Kalbung ist der Durst der Kuh am größten und es werden nicht selten bis zu 60 Liter spontan getrunken. Bereits eine Stunde nach der Kalbung hat sich das Trinkbedürfnis aber deutlich reduziert, sodass schnelles Handeln hier wertvoll ist, um sich und dem Tier Stress durch Zwangsmaßnahmen wie dem Drenchen zu ersparen. Wird dem ersten Kuhtrunk auch gleich ein flüssiges Kalziumprodukt beigemischt, lässt sich durch die freie Aufnahme zudem eine Boluseingabe einsparen. Hierzu bestehen gute Erfahrungen am LVZ Futterkamp.

Ist die Kuh nach der Kalbung vital und stehfähig und im besten Falle auch schnell zurück am Futter, sind bei ihr keine weiteren Maßnahmen nötig.

Zeigt das Kalb nicht sofort ein vitales Verhalten, sollte es schnellstens untersucht werden. Oft sind die Atemwege verlegt und müssen erst von Hand befreit werden.

Einsatz von Medikamenten nach der Geburt

Spätestens vor dem Verbringen des Kalbes aus der Abkalbebox heraus muss der Nabel desinfiziert werden. Hierfür sollten keine Antibiotika-haltigen Sprays verwendet werden, da ihre Wirkstoffe nur die Vermehrung der Bakterien bremsen. Wesentlich vorteilhafter erscheint hier die Verwendung von alkoholischen Jodlösungen, da Jod und Alkohol schnell Bakterien abtöten. Der Alkohol fördert zudem die Austrocknung des sehr feuchten Nabelgewebes und erschwert so eine weitere Bakterienvermehrung.

Eine routinemäßige Gabe von antibiotischen Gebärmutterstäben ist weder zeitgemäß noch sinnvoll. Das Risiko eines Eintrages von Bakterien und Schmutz ist bei dieser Maßnahme immer größer als ihr Nutzen.

Bei Schwergeburten hat sich dagegen der Einsatz von Schmerzmitteln wie Meloxicam unmittelbar nach der Geburt als hilfreich erwiesen. Dies lindert den Geburtsschmerz und erhöht so die Fitness und Futteraufnahme der Kuh in den nächsten Tagen (Newby et al., 2013). Bei Normalgeburten dagegen konnte bisher kein positiver Effekt einer Schmerzmittelgabe gezeigt werden (Mainau et al. 2014). Hierbei sei auch auf mögliche Nebenwirkungen dieser Mittel hingewiesen.

Bleibt die Nachgeburt länger als acht Stunden hängen, spricht man von einer Nachgeburtsverhaltung. Diese führt häufig zu einer eitrigen Gebärmutterentzündung, sodass diese Tiere zeitnah einem Tierarzt vorgestellt werden sollten. Teilweise kann aber auch eine intensivere Kalziumgabe nach der Kalbung den Abgang der Nachgeburt fördern. Häufig ist ein unterschwelliges Milchfieber die Ursache der verzögerten Ablösung.

In der ersten Stunde sollte sowohl die Gabe von mindestens drei Litern Biestmilch als auch die Tränkung der Kuh erfolgen.

Fazit Teil 1

Mit einer guten Vorbereitung und dem richtigen Management der wichtigen Schlüsselstellen lassen sich viele Probleme rund um die Geburt vermeiden. Die ungestörte und dennoch gut überwachte Geburt ist nicht nur die Grundlage für ein gesundes Kälberleben. Auch das Muttertier profitiert von einer sofortigen Versorgung und optimalen Abkalbebedingungen. Anschließend gilt es die Futteraufnahme, den Stoffwechsel und die nachgeburtliche Reinigung zu kontrollieren. Zur rechtzeitigen Erkennung möglicher Störungen der Mutterkuh nach der Geburt, sollten bestimmte Kennwerte beachtet werden. Diese Kennwerte werden im nächsten Folgeartikel behandelt.

DER DIREKTE DRAHT

Dr. Ole Lamp
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
E-Mail: olamp(a)lksh.de

Bilder: Dr. Ole Lamp
Stand Juli 2019