Trockensteherfütterung – wieviel fressen trockenstehende Kühe in Praxisbetrieben?

11.07.2018 - B. sc. Merle Pahl und Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge FH Kiel/Hochschule für Angewandte Wissenschaften Fachbereich Agrarwirtschaft, Osterrönfeld

Für die Fütterung in der Trockenstehzeit gilt die gleiche Regel wie für die Versorgung der Kühe während der Laktation: stets dem tatsächlichen Bedarf der Tiere entsprechend! Bedarfsempfehlungen gibt es hierfür. Die dann daraus abgeleiteten und publizierten Rationseckwerte basieren aber immer auf einer entsprechend angenommenen Futteraufnahmemenge dieser Tiere. Doch wie sieht es damit in der Praxis aus? Wieviel fressen die trockenstehenden Kühe? Wie groß sind die Unterschiede unter praktischen Gegebenheiten? Dieser Frage ging eine Erhebung in einigen Betrieben Schleswig-Holsteins nach.

Die Frühtrockensteherration (rechts im Bild) sollte wesentlich energieärmer sein als die Vorbereiterration (links im Bild).

Offiziellen Empfehlungen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE, 2001) nach sollten Früh-Trockensteher in der ersten Trockenstehphase Energie- und Nährstoffmengen für deren Erhaltung plus 4 bis 6 kg Milch erhalten, um den Fötus zu versorgen. Das entspricht in dieser Phase bei einer z.B. 670 kg schweren Kuh einer Energiemenge von 38,6 MJ NEL für die Erhaltung plus einem zusätzlichen Bedarf von 13 MJ NEL. Das wären insgesamt fast 52 MJ NEL/Tag. Die bedarfsdeckende Eiweißversorgung beläuft sich auf 1.131 g nXP/Tag. Für die zweite Trockenstehphase (i.d.R. sind das die letzten 14 Tage vor der Kalbung) beziffert die GfE den Energiebedarf bei einer z.B. 700 kg schweren hochtragenden Kuh mit 58 MJ NEL/Tag und den Eiweißbedarf mit 1.226 g nXP/Tag.

Diese Angaben sind Mengenangaben pro Tier und Tag.

Daraus sind z.B. seitens der DLG oder der Landwirtschaftskammern Bedarfswerte für die Anwendung in der Fütterungspraxis abgeleitet worden, die in Gehalten je Kilogramm Futtertrockenmasse angegeben werden. Hierbei handelt es sich also um Konzentrationsangaben (Übersicht 1).

Häufig wird dabei von einer durchschnittlichen Futteraufnahme trockenstehender Kühe im Bereich 12 bis 13 kg TM je Tier und Tag ausgegangen. Vergleicht man jedoch die Gehalts- mit den Mengenangaben in der Übersicht 1, ergibt sich vielfach daraus eine Futteraufnahme von nur knapp 10 kg TM bei den Frühtrockenstehern und von weniger als 9 kg TM (beim XP, nXP) bis hin zu 15 kg TM (beim XF) bei den Kühen in der Vorbereitungsphase.  

Bei einer angenommenen Futteraufnahme von z.B. 12,5 kg TM/Kuh und Tag ergeben sich bei einer Energiedichte in der Frühtrockensteherration von 5,8 MJ NEL eine Gesamtenergiemenge von 72,5 MJ NEL, die weit über dem von der GfE angegebenen Bedarf liegt.

Bei den Vorbereitern würde sich bei einer angenommenen Futteraufnahme von z.B. 12 kg TM und einer Energiedichte in der Ration von 6,6 MJ NEL/kg TM eine Energieaufnahmemenge von 79 MJ NEL ergeben, die ebenfalls deutlich über der ermittelten Bedarfsmenge liegt.

Um dem empfohlenen Energiebedarf tatsächlich zu entsprechen, dürften bei den soeben unterstellten Energiegehalten in den Rationen sowohl die frühtrockenstehenden Kühe, als auch die Vorbereiter lediglich 9 kg TM am Tag aufnehmen. Eine so niedrige Futteraufnahme aber wird von allen Fütterungsexperten als eher kontraproduktiv angesehen, da sich in vielen Untersuchungen herausgestellt hat, dass es eine direkte positive Beziehung zwischen der Höhe der Futteraufnahme während der Trockenstehzeit, vor allem während der letzten Woche vor der Kalbung, und der nach der Kalbung gibt.

Dass eine möglichst hohe und vor allem auch schnell ansteigende Futteraufnahme in den ersten Tagen und Wochen nach der Kalbung zwingend erforderlich ist, um das Ausmaß der negativen Energiebilanz möglichst gering zu halten, ist unbestritten. Insofern kann es nicht in unserem Sinne sein, dass trockenstehende Kühe in ihrer Futteraufnahme begrenzt werden.

Trockenstehende Kühe, die gerade in der letzten Woche vor der Kalbung sehr wenig fressen, haben i.d.R. auch in der Frühlaktation eine unterdurchschnittliche Futteraufnahme.

Futteraufnahmeerfassung in Praxisbetrieben

Bei jeder Rationsberechnung wird von einer bestimmten Futteraufnahme ausgegangen. Daran geknüpft ist die Versorgung mit allen Nähr- und Mineralstoffen. Ob die hierbei unterstellte Futteraufnahme der trockenstehenden Kühe jedoch wirklich realisiert wird, bleibt vielfach unklar und wird noch viel seltener kontrolliert.

Aus diesem Grunde wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit die Futteraufnahme von trockenstehenden Kühen in acht Milchkuhbetrieben Schleswig-Holsteins über mindestens 6 aufeinanderfolgende Wochen im Zeitraum Mai bis Oktober 2017 erfasst. Übersicht 2 zeigt die allgemeine Charakteristik dieser Betriebe. 7 der 8 Betriebe praktizierten eine zweiphasige, einer die einphasige Trockensteherfütterung.

Täglich wurden die gefütterten Mengen, die Futterrestmengen sowie die Anzahl der zu fütternden Trockensteher erfasst. In einigen Betrieben erfolgte die Haltung der Trockensteher bzw. Vorbereiter gemeinsam mit der der hochtragenden Jungrinder. Daher wurde dann die Anzahl der Jungrinder in der jeweiligen Gruppe gesondert festgehalten.

Die Bestimmung des TM-Gehaltes in den Futterrationen erfolgte anhand repräsentativer Proben.

Die im Mittel erreichte Futteraufnahme von 11 bzw. 13 kg TM bei den Früh-Trockenstehern bzw. den Vorbereitern entspricht allgemein den Erwartungen und Beratungsempfehlungen für eine anzustrebende Futteraufnahme (Übersicht 3). Dennoch wurden mit weniger als 9 bis 14 kg TM bei den Früh-Trockenstehern und weniger als 10 bis 14 kg TM bei den Vorbereitern sehr große betriebsindividuelle Unterschiede deutlich, die z.T. durch die vorgefundenen verschiedenen Haltungsbedingungen erklärbar sind.

Rationsgestaltung

Die Zusammensetzung der Rationen gestaltete sich ebenfalls recht unterschiedlich, auch wenn in den meisten der untersuchten Betriebe die Grassilage die Hauptkomponente der Früh-Trockensteherration darstellte und in allen Betrieben Stroh bzw. in einem Heu ein wichtiger Bestandteil dieser Ration darstellte (Übersicht 4). Der Strohanteil in der Ration war aber sehr verschieden. So differierte die Strohmenge zwischen einem knappen Kilogramm und 3,3 kg je Kuh und Tag.

Eine entsprechende Mineralisierung erfolgte mit sehr unterschiedlichen Mineralfuttermengen, im Minimum 76 g, im Maximum 153 g je trockenstehender Kuh und Tag.

Insgesamt bewegen sich die Energiegehalte dieser Rationen zwischen 5,3 und 6,1 MJ NEL/kg TM und folgen damit nur in manchen Betrieben den Empfehlungen der Offizialberatung. Betrieb G stellt eine Ausnahme dar, da die Trockensteherration in diesem Betrieb in der gesamten Trockenstehzeit gefüttert wird (einphasige Fütterung). Für die trockenstehenden Kühe in den ersten 4 bis 6 Wochen der Trockenstehzeit bedeuten so hohe Energiekonzentrationen aber vermehrt eine deutliche Energieüberversorgung mit einem einhergehenden erhöhten Risiko für Stoffwechselimbalancen nach der Kalbung.

Die Rohproteingehalte (XP) folgen weitgehend den Empfehlungen, wobei die ruminale N-Bilanz (RNB) in manchen Betrieben sehr und möglicherweise sogar zu niedrig ist (v.a. dann, wenn, wie in Betrieb A, die RNB – 51 g, also -3,6 g/kg TM beträgt) und damit eventuell die Mikrobenproteinsynthese im Pansen begrenzt.  

Bei der Vorbereiterration wurde im Schnitt der Betriebe der Maissilageanteil gegenüber der Früh-Trockensteherration leicht angehoben und im gleichen Verhältnis der Grassilageanteil reduziert (Übersicht 5). Der Strohzusatz wird in den Betrieben unterschiedlich gehandhabt.

In allen Rationen kommen nun weitestgehend sämtliche Komponenten zum Einsatz, die auch in der Ration der laktierenden Kühe enthalten sind.

Die Gehalte der Rationen an Energie sowie Zucker und pansenverfügbarer Stärke folgen meistens den allgemeinen Beratungsempfehlungen. Gleiches gilt auch für den mittleren Gehalt an XP und nutzbarem Rohprotein am Dünndarm (nXP), wobei die betriebsindividuellen XP-Gehalte sehr unterschiedlich und z.T. mit 172 g/kg TM sehr hoch sind.

Die Rationen sind allgemein etwas P-reicher (v.a. bedingt durch den Einsatz von Rapsextraktionsschrot) und K-ärmer (bedingt durch den geringeren Grassilage- und höheren Maissilageanteil) als die Rationen in der ersten Trockenstehphase. Durch den geringeren K-Gehalt bedingt, ist die DCAB (Kationen-Anionen-Bilanz) vor dem Hintergrund einer Milchfieberprophylaxe wünschenswert im Vergleich zur vorhergehenden Frühtrockensteherration abgesenkt worden. In diesem Zusammenhang aber muss auch der Ca-Gehalt der Ration berücksichtigt werden. Wenn die DCAB der Ration tatsächlich in diesem Bereich liegt, müsste eigentlich der Ca-Gehalt sogar auf ca. 6 g/kg TM angehoben werden. Dieses sollte grundsätzlich in jedem Betrieb genau analysiert und überprüft werden.

Auch wenn die Anzahl an Betrieben in dieser Erhebung sehr klein war, zeigte sich dennoch eine gewisse positive Beziehung zwischen der Herdendurchschnittsleistung und der Höhe der Futteraufnahme bei den Trockenstehern. Da davon auszugehen ist, dass sich die beiden Parameter gegenseitig beeinflussen, ist der Einfluss umgekehrt genauso. Eine hohe Futteraufnahme ist i.d.R. das Ergebnis eines guten Herdenmanagements und eines hohen Betriebsniveaus und spiegelt oftmals auch die entsprechenden Haltungs- und Fütterungsbedingungen im Betrieb wider. 

Hochtragende Kühe sind sehr leibesfüllig und auch schwerfälliger als während der Laktation – gerade daher ist eine gute Unterbringung mit viel Platz eine der Grundvoraussetzungen für eine hohe Futteraufnahme.

Fazit

Die Fütterung der Trockensteher hat einen sehr großen Einfluss auf die Futteraufnahme, Stoffwechselgesundheit und Leistungsfähigkeit der Kühe im unmittelbaren Kalbezeitraum und in den nachfolgenden Wochen. Neben einer durchdachten Rationsgestaltung sind die Haltungsbedingungen gerade in diesen Wochen, in denen die Tiere sehr leibesfüllig und entsprechen schwerfälliger werden, von enormer Bedeutung für das Wohlbefinden der Kühe.

Darüber hinaus gilt es, gerade diese Tiere täglich zu beobachten und zu kontrollieren. Dazu gehört auch und ganz besonders die Kenntnis der tatsächlichen Futteraufnahme dieser Tiere, steht doch die Höhe der Futteraufnahme der trockenstehenden Kühe in engem Zusammenhang zur Futteraufnahme und Stoffwechselstabilität nach der Abkalbung.

DER DIREKTE DRAHT

B. sc. Merle Pahl und Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge
FH Kiel/Hochschule für Angewandte
Wissenschaften Fachbereich Agrarwirtschaft,
Osterrönfeld

E-Mail: katrin.mahlkow-nerge@fh-kiel.de

Fotos (Mahlkow-Nerge)
Stand: Mai 2018