Ration melkender Kühe auch für die Vorbereiter füttern?

13.06.2018 - Thomas Engelhard, LLG Sachsen-Anhalt, ZTT Iden; Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Fachhochschule Kiel, Fachbereich Agrarwirtschaft und Prof. Dr. Rudolf Staufenbiel, Freie Universität Berlin, Klinik für Klauentiere

Die Fütterung der Vorbereiter mit derselben Ration wie die der laktierenden Kühe kann nur dann gelingen, wenn der Kalziumgehalt ganz genau auf die DCAB der Ration abgestimmt ist. Dazu müssen diese Werte aber genauestens bekannt sein.

Bei der praktischen Fütterung der trockenstehenden Kühe scheiden sich mitunter die Geister. Von einem Teil der Betriebe und auch Beratern wird das zweiphasige System favorisiert. Vorteile werden dafür in der Anpassung der jeweiligen Ration an die speziellen Bedürfnisse der Kühe in den beiden Abschnitten gesehen. Für andere überwiegen mögliche positive Effekte einer konstanten Fütterung ohne Umstellung der Ration und ohne  Gruppenwechsel für die Kühe während der gesamten Trockenstehzeit.       

Für die Umsetzung beider Verfahren bestehen klar definierte Anforderungen an die Nährstoff- und Energiegehalte der Rationen, abgeleitet aus exakten Messungen zum tatsächlichen Bedarf der Tiere (Übersicht 1).

Ob ein Betrieb zwei- oder einphasig füttert und wie das jeweils praktisch umgesetzt wird, hängt stark von den konkreten Rahmenbedingungen, insbesondere von der Herdengröße ab. Wenn viele Trockensteher in großen Beständen zu versorgen sind, ist es zumeist kein Problem, für die frühe Phase und die Vorbereitung die beiden speziellen TMR exakt zusammenzustellen. Noch einfacher ist es in solchen Betrieben, die separate Mischung im einphasigen System umzusetzen.

In der Praxis ist es aber so, dass zuerst auf die Umsetzbarkeit im Betrieb geachtet werden muss. Alles, was (zu) kompliziert ist oder erscheint, wird oftmals nicht oder aber auch falsch durchgeführt. Theoretische Vorgaben und Beratungsempfehlungen stehen mitunter einer erschwerten Praktikabilität gegenüber, und einfachere Lösungen sind notwendig. Gründe hierfür sind in der Arbeitsorganisation zu suchen, da das Mischen separater Rationen, und dann häufig für eine sehr kleine Tierzahl, kompliziert und/oder sehr aufwendig bzw. auch mit der Gefahr einer unzureichenden Mischqualität verbunden ist.

Teilweise dient in kleiner strukturierten Betrieben die Ration der laktierenden Kühe als Grundlage und wird für die Frühtrockensteher dann entsprechend mit Stroh versetzt.

Bei der Versorgung der Tiere in den letzten zwei Wochen vor der Kalbung wird sehr unterschiedlich vorgegangen. Manchmal erfolgt dies mit der Ration der Frühtrockensteher, aufgewertet mit einer entsprechenden Kraftfuttermenge oder einfach mit einem erhöhten Maissilageanteil.

In zahlreichen Betrieben, insbesondere in den alten Bundesländern, kommt in diesem Bereich auch schon die Ration der Laktierenden zum Einsatz. Oftmals handelt es sich hierbei um aufgewertete Mischrationen (Teilmischrationen), zu denen das Kraftfutter für die Laktierenden anteilig an Futter- oder Melkautomaten gegeben wird.

In Betrieben, die bereits das System der Voll-TMR etabliert haben, werden dann durchaus auch genau diese an die Vorbereiter gefüttert oder aber, wenn sie zu energiereich für die Vorbereitungsfütterung sind, z. B. mit Stroh oder Grassilage verschnitten.

Auch wenn derartige Vorgehen aus Sicht der Tierernährung oftmals nicht ideal sind, entscheidet die Praxis immer anhand der Machbarkeit.

Milchfieberprophylaxe kontra Praktikabilität?

Ganz gleich, wie die Vorbereitungsfütterung gestaltet wird, die Vermeidung von „Milchfieber“ (Gebärparese, Hypocalcämie), auch bzw. gerade subklinischer Ausprägung, muss ein ganz zentrales Ziel hierbei sein. Hiermit werden entscheidend die Gesundheit der Tiere und ein erfolgreicher Laktationsstart beeinflusst.

Die Reduzierung von Fehlern und verbesserte Fütterungsstrategien in diesem Bereich haben auch der Milchkuhherde im Versuchsbetrieb in Iden in den letzten Jahren ganz erheblich weitergeholfen. Vielleicht sogar der wichtigste Ansatz dabei war, wie auch in vielen anderen Beständen, die Berücksichtigung der Kationen-Anionen-Bilanz (DCAB) sowie der Kalziumgehalte der Ration. Dazu gehört es, die Kalkulation unter Berücksichtigung der in den eingesetzten Silagen untersuchten und für alle anderen Futtermittel so gut wie möglich eingeschätzten DCAB-Werte vorzunehmen. Bekanntlich variieren diese insbesondere im Grobfutter ganz erheblich. Aber auch in den einzelnen Kraft- und Saftfuttermitteln sind durchaus nennenswerte Schwankungen zu erkennen, so dass insbesondere bei den Komponenten, die mit einer größeren Menge in der Ration eingesetzt werden, repräsentative  Analysen der hierfür erforderlichen Elemente Kalium, Natrium, Chlor und Schwefel sinnvoll wären (v.a. bei Extraktionsschroten, Pressschnitzeln).  

Für die „Milchfieber“-Prophylaxe unter Berücksichtigung von DCAB und Ca-Gehalten können verschiedene Strategien zur Anwendung kommen. In der Lehre und Beratung wurde lange Zeit vorzugsweise das der Ca-armen Versorgung favorisiert (Konzept 1 in Übersicht 2). Aber eine ausreichend starke Reduzierung der Ca-Gehalte bei hoher DCAB ist zumeist schwierig bzw. kaum möglich, da die nativen Ca-Gehalte der Futtermittel oftmals bereits zu einem Ca-Gehalt der Gesamtration von mehr als 5 g/kg TM führen. Daher werden auch seitens der Industrie sogenannte Kalziumbinder angeboten, mit denen zumindest die Ca-Resorption bei den Kühen etwas verringert werden soll.

In zahlreichen Praxisbetrieben, v.a. in den neuen Bundesländern, auch im Betrieb des ZTT Iden werden mit dem Konzept der „moderaten DCAB“ (Konzept 2) oder der „anionischen Fütterung“ (Konzept 3) bei korrekter Anwendung deutlich bessere Effekte erreicht als mit dem der Ca-armen Ration.

Große Probleme sind dagegen vorprogrammiert, wenn eine hohe DCAB und ein hoher Ca-Gehalt zusammenkommen. Dies kann aber gerade bei „melkenden“ Rationen der Fall sein. Wenn Kühe diese dann bereits mehrere Tage (bis zwei oder gar drei Wochen) vor der Kalbung erhalten und anschließend festliegen oder aber andere typische Probleme auftreten (vermehrt Nachgeburtsverhaltungen, Puerperalstörungen, Mastitiden), ist genau in diesem Vorgehen eine oder die entscheidende Ursache zu vermuten.

Was bleibt?

Das richtige betriebliche DCAB-Konzept muss immer anhand der konkreten Situation gefunden werden. Für Milchkuhherden, bei denen das möglich ist, sind separate Rationen für die Vorbereitungsfütterung und die Versorgung der Kühe in der Frühlaktation ganz sicher die Vorzugsvariante. In zahlreichen Betrieben aber bleibt dieses „reine Theorie“, weil arbeitswirtschaftliche und –organisatorische Gegebenheiten es nicht zulassen.

Wenn in der Laktationsfütterung durch Rationen mit sehr geringer DCAB erhebliche Probleme verursacht werden, ist unbedingt zu reagieren. Das kann notwendig sein, wenn extreme Grassilagen, z.B. vom Niedermoor, Maissilagen mit geringen Kaliumgehalten und Zukauffuttermittel mit einer stark negativen DCAB (z.B. Rapsextraktionsschrot, Getreideschlempen, Pressschnitzel) zusammenkommen. Solche Rationen sind umzustellen oder abzupuffern, um schwere gesundheitlichen Schäden zu vermeiden oder zu beheben.

Wie sieht es aber mit „melkenden“ Rationen aus, die im Bereich einer DCAB von gut 100 bis knapp unter 200 meq/kg TM liegen, also genau im Bereich des Konzepts der „moderaten DCAB“ für die Vorbereitungsfütterung? Die ergeben sich nicht selten für maisbetonte Varianten mit höheren Rapsschrotanteilen. Diese passen dann auch seitens der Ca-Gehalte für die Vorbereitungsfütterung.

Für die melkenden Tiere sind nach praktischen Erfahrungen und ersten Versuchsergebnissen aus dem ZTT Iden keine dramatisch negativen Auswirkungen zu erwarten, wenn die DCAB der Mischrationen zwar unter dem genannten Zielbereich von > 200 meq/kg TM, aber noch über 100 meq/kg TM liegen. Deshalb sollte die DCAB in diesem Fall nicht angehoben werden, falls sie (gezwungenermaßen) auch bei Vorbereitern landet. Der Schaden (Milchfiebergefahr) einer deutlichen DCAB-Verschiebung nach oben könnte sehr viel größer sein, als der Nutzen.

Bei unvermeidbar hoher DCAB einer Ration, die vor und nach der Kalbung gefüttert werden muss, ist durch ein gezieltes Mineralfutterkonzept der Ca-Gehalt in der Vorbereitungsphase möglichst gering zu halten und nach der Kalbung anzuheben.

Dass die DCAB in Rationen melkender Kühe zwischen den Betrieben, aber auch innerhalb eines Betriebes stark schwanken, könnte eine, vielleicht sogar die entscheidende Erklärung dafür sein, dass die Vorbereitungsfütterung mit derselben  Futterration wie die der melkenden Kühe, vornehmlich in kleineren Betrieben, mal gut und mal weniger oder gar nicht gut funktioniert.

Um das richtige und erfolgreiche Konzept für genau diese, nicht optimalen, aber in der Praxis realen Situationen zu finden, auch um gegebenenfalls auftretende Problem erkennen und eliminieren zu können, muss die DCAB der Ration so genau wie möglich berechnet und kontrolliert sowie bei Bedarf angepasst werden. Dazu gehört es, die dafür notwendigen Mengenelemente (Na, K, Cl, S) in den verfütterten Grobfuttersilagen mit untersuchen zu lassen und die DCAB aller eingesetzten Futtermittel so genau wie möglich einzuschätzen (Analyse bei Stichproben; Vorsicht: Tabellenwerte sind häufig zu ungenau). Im Bedarfsfall ist kompetente  Fütterungsberatung in Anspruch zu nehmen.

DER DIREKTE DRAHT

Thomas Engelhard
LLG Sachsen-Anhalt
ZTT Iden

E-Mail: Thomas.Engelhard(at)llfg.mlu.sachsen-anhalt(dot)de

Stand: Mai 2018