"Biodiesel hilft den Bauern und den Bienen!"

Wilhelm F. Thywissen, ehemaliger Präsident von OVID, im Gespräch mit top agrar.

23.05.2018 - Dr. Ludger Schulze Pals, top agrar - Chefredakteur

Wilhelm F. Thywissen
BILD: OVID

Ohne Biokraftstoffe lassen sich die ambitionierten Klimaziele der EU im Verkehr nicht erreichen. Deshalb muss die Politik höhere Biokraftstoffmengen vorgeben, fordert Wilhelm F. Thywissen, ehemaliger Präsident von OVID Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland, im Gespräch mit top agrar online.
  

Wie hat sich die Verbandsarbeit in den vergangenen 20 Jahren verändert?
Thywissen: Früher ging es stärker um die Sache, heute dominieren Emotionen die Diskussionen. Früher diskutierten nur die Fachleute miteinander, heute ist jeder ein Experte und kann mitreden. Vor 20 Jahren wurden die Agrarmärkte liberalisiert. Da ging es um neue Chancen, die auch die Weltmärkte bieten. Heute sprechen wir vor allem über Grenzen und Begrenzungen. Das hat große Auswirkungen auf die Art der Verbandsarbeit.  

Welche?
Thywissen: Wir kommunizieren ganz anders. Wir stellen uns jetzt viel stärker der öffentlichen Diskussion auch über die Expertenebene hinaus.

Wie hat sich der Umgang mit den Entscheidungsträgern der Politik entwickelt?
Thywissen: Die für die Agrar- und Ernährungspolitik zuständigen Politiker sind nicht mehr per se qua Herkunft oder vorheriger Tätigkeit mit dem Fachbereich verbunden. Sie haben daher nicht automatisch vertiefte Kenntnisse über die Branche, kennen nicht unbedingt die wirtschaftlichen Abläufe und Abhängigkeiten. Problematisch wird es dann, wenn das fehlende Wissen auf romantische Vorstellungen einer Bullerbü-Landwirtschaft trifft. Für die Arbeit von OVID heißt das, wir müssen viel mehr erklären und auf Zusammenhänge und Abhängigkeiten hinweisen.

Gelingt Ihnen das?
Thywissen: Darum bemühen wir uns. Der Erfolg ist mal größer und mal kleiner.  

Wir stark beeinflussen NGOs heute politische Entscheidungen?
Thywissen: NGOs haben oft einfache und emotionale Botschaften. Die gehen nicht immer konform mit wissenschaftlichen Ergebnissen. Denn allen Unkenrufen zum Trotz verhindert der Ökolandbau nicht den Hunger in der Welt, hat das Waldsterben nicht stattgefunden, ist die Gentechnik nicht gesundheitsgefährdend, wird das Bienensterben nicht durch das Verbot von Neonics verhindert und ist Glyphosat nicht krebserregend bzw. ein Artenkiller. Trotzdem kommt es mitunter zu politischen Entscheidungen, die wissenschaftlich nicht nachvollziehbar sind. Damit tun wir uns in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sehr schwer.

Warum verfängt die Argumentation der NGOs?
Thywissen: Weil die wissenschaftlichen Ergebnisse oft zu komplex und zu sperrig sind. Die einfachen schwarz-weiß-Botschaften der NGOs sind da leichter zu verkaufen. Und auch die Politik geht immer wieder den einfachen, den opportunistischen Kurs. 

Wie gut arbeitet OVID mit den Umweltverbänden und den anderen NGOs zusammen?
Thywissen: Die Zusammenarbeit ist schwierig, weil wir sehr unterschiedliche Ziele haben. Hinzu kommt, dass die NGOs gerne Maximalforderungen stellen, während wir Kompromisse suchen und zur Not auch kleine Schritte gehen. Für die Zukunft würde ich mir mehr Kompromissfähigkeit und Realitätssinn wünschen. Dann kämen wir in der Sache zu besseren Ergebnissen.
 

Wie kommen wir zurück zu wissenschafts- und faktengesteuerten Politikentscheidungen?
Thywissen: In dem wir immer wieder auf die Fakten und Zusammenhänge hinweisen.

Was erwarten Sie von den NGOs?
Thywissen: Da haben wir nichts zu erwarten. Wir versuchen unsere Produktion gegenüber dem Konsumenten so transparent wie möglich zu machen. Dabei lassen wir uns nicht von den Aktivitäten der NGOs leiten.

Und wie gehen Sie auf die Politik zu?
Thywissen: Möglichst gemeinsam. Wenn die Agrar- und Ernährungsbranche mit einer Stimme spricht, hat sie die größten Chancen, gehört zu werden. Für uns ist Planbarkeit und Verlässlichkeit in politischen Entscheidungen wichtig, weil wir darauf Investitionsentscheidungen treffen, die deutlich länger wirken als eine Legislaturperiode. 

Der Rapsanbau in Deutschland scheint seinen Zenit überschritten zu haben, wenn man die Ertragsentwicklung und die Anbaufläche betrachtet. Was sind die Ursachen und wie müsste man aus Ihrer Sicht gegensteuern?
Thywissen: Der Rapsanbau folgt zum einen den Preissignalen des Marktes und zum anderen den rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Anbau ist durch die neue Düngeverordnung und die Begrenzungen bei Pflanzenschutzmitteln anspruchsvoller geworden. Gleichzeitig haben wir ein Überangebot an Sojaprodukten am Markt. Das drückt die Preise.
Andererseits haben wir ein nicht ausgeschöpftes Marktpotenzial für Biodiesel. Wenn wir den Rapsanbau in Deutschland und Europa halten wollen, müsste die Politik dieses Marktpotenzial heben. Wir sollten im Interesse der Bauern und der Bienen die Anbaualternative Raps nicht leichtfertig aus der Hand geben.

Wie stellt sich Ihr Unternehmen auf diese Entwicklung ein?
Thywissen: Wir schauen uns auch andere interessante Ölsaaten an.

Welche sind das?
Thywissen: Zum Beispiel Soja, Sonnenblumen und Leinsaat.

Wie werden sich die Märkte für Ölsaaten- und Ölsaatenprodukte in den kommenden Jahren entwickeln?
Thywissen: Das Angebot an Soja- und Palmöl wird in den kommenden Jahren zunehmen, mit kräftigen Zuwachsraten. Die in Asien stetig wachsende Nachfrage bestimmt hier die Märkte. Da sind die Europäer nur Zaungäste. Wenn wir eine eigene Produktion in Europa halten wollen, brauchen wir weiterhin den Absatzkanal Biokraftstoffe. Das anfallende Rapsschrot ist gleichzeitig eine gentechnikfreie, heimische Eiweißquelle für den Futtermittelsektor. Daran müsste eigentlich auch die Politik ein Interesse haben.

 

Die Politik scheint aktuell stärker auf Elektromobilität zu setzen und weniger auf Biokraftstoffe. Halten Sie das für richtig?
Thywissen: Wenn die Politik ihre ambitionierten CO2-Minderungsziele von minus 55 % bis 2030 erreichen will, geht es nicht um ein entweder oder. Dann müssen alle Wege beschritten werden, die möglich sind. Durch die aktuelle Begrenzung des Biodiesels vertun wir gegenwärtig Chancen. Das ist schade.

Aktuell wird in Brüssel über die Neufassung der Erneuerbare Energien-Richtlinie verhandelt. Welche Rolle können, welche Rolle müssen Biokraftstoffe aus heimische Rohstoffe in Zukunft spielen?
Thywissen: Sie müssen auch weiterhin eine bedeutende Rolle spielen. Der Energiegehalt der deutschen Biokraftstoffe entspricht aktuell der Leistung von etwa 10.000 Windkraftanlagen. Ich weiß nicht, ob so viele zusätzliche Windräder in Deutschland akzeptiert würden. Insofern ist der Biodiesel meines Erachtens nicht verzichtbar, auch weil sich aus der Verarbeitung weitere lukrative Märkte entwickelt haben.

Wie wichtig sind Biokraftstoffe im Kampf gegen den Klimawandel?
Thywissen: Unverzichtbar. Bis 2030 müsste nach dem Pariser Klimaabkommen die Hälfte des Mineralöls bei Kraftstoffen ersetzt werden. Das ist schon unter Berücksichtigung von Biokraftstoffen mehr als ambitioniert, ohne diese aber völlig unmöglich.

Wie sollte die EU dabei mit Palmöl umgehen?
Thywissen: Das ist zuallererst eine politische Diskussion. Wenn der indonesische Präsident die Bundeskanzlerin anruft und sie fragt, womit er die bestellten Airbus-Flugzeuge bezahlen soll, wenn er kein Palmöl mehr nach Europa liefern darf, zeigt das doch, wo das Problem liegt. Hier muss die Politik Lösungen finden. Zu glauben, man könne den Handel mit Palmöl über ILUC-Faktoren kanalisieren, ist meines Erachtens der falsche Weg. (Anm. der Redaktion: ILUC steht für Indirect Land Use Change - einer komplizierten und wissenschaftlich umstrittenen Berechnungs-methode zu Verdrängungseffekten des Palmölanbaus. Das in Europa für Biodiesel eingesetzte Palmöl darf nicht von gerodeten Flächen stammen. 


Mit welchen Instrumenten könnte man den Ausbau der Biokraftstoffe positiv stimulieren?

Thywissen: Die Treibhausgas-Quote (THG-Quote) ist in Deutschland ein effizientes und erprobtes Instrument, das sich bewährt hat. 


Wo sollte diese liegen?

Thywissen: Aktuell kommen wir auf eine THG-Quote von vier Prozent, aber bei insgesamt rückläufig eingesetzten Biokraftstoffmengen. Die Quote steigt bis 2020 auf sechs Prozent. Im Sinne des Klimaschutzes sollte die THG-Quote auch darüber hinaus schrittweise steigen. Beispiel: Um die deutschen Klimaziele im Verkehr überhaupt zu erreichen, muss die THG-Quote bis 2030 auf 16 Prozent steigen.


Die OVID-Präsidentschaft legen Sie jetzt in andere Hände. Werden Sie auch im heimatlichen Unternehmen kürzertreten?

Thywissen: Ich werde mich im Sommer nach über 30 Jahre aus dem operativen Geschäft zurückziehen, bleibe aber noch Gesellschafter. Es freut mich, dass die nächste Generation das Unternehmen weiterführt und Verantwortung übernimmt. Natürlich stehe ich meinen Nachfolgern gerne mit Rat und Tat zur Seite.


Welche Perspektiven sehen Sie für die Ölmühle Casper Thywissen in den kommenden Jahren?

Thywissen: Zu Beginn meiner Amtszeit hieß es: freie, nicht konzerngebundene Ölmühlen wird es bald nicht mehr geben. Das ist zum Glück nicht eingetreten, auch weil die freien Mühlen ihre Spezialmärkte gefunden haben und sich entwickeln konnten. Dazu gehören wir auch. Das wollen wir weiter ausbauen und uns dabei ständig an die veränderten Rahmenbedingungen und Kundenwünsche anpassen.


Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte top agrar-Chefredakteur Dr. Ludger Schulze Pals

Das Interview wurde am 08.05.2018 auf top agrar online veröffentlicht.

www.topagrar.com/news/Markt-Marktnews-Biodiesel-hilft-den-Bauern-und-den-Bienen-9176176.html


Zur Person:

Wilhelm F. Thywissen ist seit 1989 Geschäftsführender Gesellschafter der Ölmühle Casper Thywissen GmbH in Neuss. Der Diplom-Kaufmann steht seit 1998 als Präsident an der Spitze von OVID Verband der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland V. Seit dieser Zeit ist Thywissen auch Vorstandsmitglied der Union zur Förderung der Oel- und Proteinpflanzen (UFOP). Darüber hinaus engagiert er sich auf europäischer Ebene bei FEDIOL, EU vegetable oil and proteinmeal industry association. Thywissen gibt das Amt des OVID-Präsidenten am 8. Mai auf. Seine Nachfolgerin ist Jaana K. Kleinschmit von Lengefeld, Sprecherin des Vorstandes der ADM Hamburg Aktiengesellschaft.