Große Würfe managen – TEIL 1: Saugferkelverluste in künstlichen Ammensystemen

18.04.2018 - Dr. Onno Burfeind, Fachbereichsleiter Schweinehaltung bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein

Fruchtbare Sauen sind das Ziel eines jeden Ferkelerzeugers, da die Anzahl verkaufter Ferkel pro Sau und Jahr der Multiplikator für den erlösten Ferkelpreis darstellt und somit den größten Beitrag an den von der Sau erzielten Erlösen darstellt. Das Ziel ist es daher, möglichst viele der geborenen Ferkel bis zum Ende der Ferkelaufzucht zu bringen. Die Fruchtbarkeitsleistungen der heutigen Sauen sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Als Folge daraus konnten die Anzahl der abgesetzten Ferkel pro Sau und Jahr in den im Schweinereport Schleswig-Holstein ausgewerteten Mitgliedsbetrieben der Schweinespezialberatung Schleswig-Holstein e.V. (SSB) von 23 im Wirtschaftsjahr 2006/07 auf über 30 in 2016/17 gesteigert werden. Dabei lagen die Saugferkelverluste auf vergleichbarem Niveau (2006/07: 14,8 %; 2016/17: 15,1 %).

Eine höhere Sauenfruchtbarkeit stellt allerdings höhere Anforderungen an die Betriebsleiter, da bei größeren Würfen das Geburtsgewicht der Ferkel tendenziell sinkt. Es werden somit mehr kleine Ferkel geboren. In einer bereits im Bauernblatt veröffentlichten Auswertung zeigte sich am Beispiel des Betriebes des LVG Futterkamp, dass der Anteil von Saugferkeln mit einem Geburtsgewicht von maximal 0,8 kg bei 11,8 % und der von maximal 1,0 kg bei 26,6% lag (40.045 untersuchte lebend geborene Ferkel; Abbildung 1). Bei großen Würfen können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden, um die Ferkel so gut wie möglich zu unterstützen.

„Split suckling“

Das "split suckling" beschreibt das getrennte Säugen der Wurfgeschwister an der Mutter. Dies soll zu Beginn der Geburt die Kolostrumaufnahme für alle Wurfgeschwister ermöglichen. Eine ausreichende Kolostrumaufnahme ist für die initiale Abwehr von Infektionserkrankungen der Ferkel notwendig. Nur durch eine frühzeitige Kolostrumaufnahme kann sichergestellt werden, dass die lebensnotwendigen Antikörper aus dem Kolostrum die Darmbarriere überwinden können und somit im Blut des Ferkels bereitgestellt werden können.

Dieser Vorgang wird als passive Immunität bezeichnet, da das Immunsystem der Ferkel bei der Geburt noch nicht voll ausgereift ist. Die eigene Antikörperproduktion läuft erst in den ersten Lebenswochen langsam an. Die Zeit läuft auf zwei Ebenen gegen die später geborenen Ferkel. Zum einen schließt sich die Darmschranke mit spätestens 24 Stunden komplett. Während danach keine Immunglobuline mehr passieren können, sinkt die Durchlässigkeit schon nach 12 Stunden deutlich. Zum anderen sinkt die Konzentration der Antikörper im Kolostrum mit dem Ablaufen erster Milchtropfen und dem Saugen der erstgeborenen Ferkel kontinuierlich ab.

Neben den Immunglobulinen ist das Kolostrum auch als erster Energielieferant von entscheidender Bedeutung für die frisch geborenen Saugferkel. Der Energiegehalt im Kolostrum ist deutlich höher als in der späteren Sauenmilch.

Um den Spätgeborenen die Chancen zu erleichtern, werden beim "Split-suckling" die erstgeborenen Ferkel stundenweise von der Sau getrennt. Dabei ist es wichtig, dass diese Ferkel warm und trocken untergebracht werden und deutlich mit einer Farbe markiert sind. Somit besteht nach dem Wechsel der Ferkel nicht die Gefahr, dass man einzelne Ferkel zweimal von der Sau wegsperrt.

Die Ferkel sollen erst getrennt werden, wenn sie ausreichend Gelegenheit hatten Kolostrum aufzunehmen. Jedes Ferkel darf maximal zwei Stunden von der Sau getrennt werden. Durch das "Split-suckling" betreiben die früher geborenen Ferkel keinen " Luxuskonsum" und es bleibt ausreichend Kolostrum für die letztgeborenen Ferkel übrig.

Versetzungen von Saugferkeln

Werden mehr Ferkel als funktionsfähige Zitzen geboren ist ein Versetzen von Ferkeln an andere Sauen angezeigt. Über einen Wurfausgleich können zunächst Ferkel verteilt werden, um allen Sauen eine vergleichbare Anzahl an Saugferkeln zuzuteilen. Wichtig ist auch hierbei, dass die Ferkel das Kolostrum zunächst bei der eigenen Mutter aufnehmen. Der Wurfausgleich sollte daher erst nach Beendigung der Geburt durchgeführt werden. Werden Ferkel an eine Amme gesetzt, die sich noch in der Geburt befindet, treten die gleichen Nachteile wie oben bereits für die spätgeborenen Ferkel auf. Beim Wurfausgleich sind der Kreativität im Betrieb keine Grenzen gesetzt.

Wichtig ist allerdings, dass man die Vor- und Nachteile der jeweiligen Maßnahmen beachtet. So kann durch einen exzessiven Wurfausgleich zwar eine einheitliche Zuteilung von Ferkeln an eine Sau erfolgen, allerdings verbreiten sich Erreger wie z.B. Streptokokken auch schneller über die gesamte Gruppe der Saugferkel.

Rescue Deck zur mutterlosen Aufzucht von Ferkeln

Ammensauen funktionieren nicht in jedem Produktionsrhythmus

Ist der Wurfausgleich ausgeschöpft besteht die Möglichkeit, die Ferkel einer vorangegangenen Abferkelwoche früher abzusetzen und jüngere Ferkel an die frei werdende Sau zu setzen. Dabei ist zu beachten, dass Ferkel nur früher als vier bzw. drei Wochen abgesetzt werden dürfen, wenn sie in einer desinfizierten Ferkelaufzuchtstall verbracht werden und es zum Schutz der Tiere vor Schmerzen, Leiden oder Schäden geschieht. Vor diesem Hintergrund kann ein älterer guter Wurf abgesetzt werden, um den jüngeren Ferkeln eine Chance zu geben.In einem Wochenrhythmus ist der Einsatz von Ammensauen leicht möglich, wenn man die ältesten Ferkel absetzt und jeweils einen Wurf eine Woche hochschiebt, bis eine Sau in der aktuellen Abferkelwoche als Ammensau zur Verfügung steht, die dann die jüngsten Ferkel bekommt. Unmöglich ist dieses Verfahren im 4- oder 5-Wochenrhythmus.

Hier steht jeweils nur eine Gruppe von Sauen im Abferkelstall. Somit sind keine anderen säugenden Sauen außer der aktuellen Abferkelgruppe auf dem Betrieb vorhanden. Bei der Bildung von Ammensauen ist das Risiko des starken Absäugens dieser nicht zu unterschätzen. Es sollten nur Sauen mit guter Kondition als Ammensauen genutzt werden, die die verlängerte Säugezeit wegstecken können. Eine ausreichende Fütterung der Sauen versteht sich von selbst.

Künstliche Ammen

In einem solchen Fall besteht die Möglichkeit, Ferkel an eine künstliche Amme zu setzen. Es sei darauf hingewiesen, dass dies nach den Vorgaben der Tierschutznutztierhaltungsverordnung nur zum Schutz der Ferkel vor Schmerzen, Leiden oder Schäden erfolgen darf. Wenn die Ferkel keine funktionsfähige Zitze abbekommen, ist dies also eine Indikation, Ferkel von einer künstlichen Amme großziehen zu lassen. Hierbei muss wieder die Kolostrumaufnahme an der Sau erfolgen, d.h. die Ferkel müssen mindestens 24 Stunden alt sein. Idealerweise werden die größeren und kräftigeren Ferkel an eine künstliche Amme gesetzt, da diese bessere Startchancen haben. Am LVZ Futterkamp werden zwei unterschiedliche Systeme für die mutterlose Saugferkelhaltung vorgehalten. Das eine System sind die "Rescue-Decks", die über eine automatische Pumpeinrichtung zur Bereitstellung der angemischten Milch in den Milchtassen sorgt.

Rescuedeck von innen

Das andere System ist die „Lax Disco Box“, die aus einem 1.000 L Kanister gebaut ist. Hier ist außer einem Anschluss an eine reguläre Steckdose und an eine Wasserleitung kein weiterer technischer Aufwand notwendig.

Die Lax Disco Box erfordert weniger technischer Einrichtungen zur mutterlosen Ferkelaufzucht

Saugferkelverluste bei Ammen

Im Folgenden soll anhand des Parameters der Saugferkelverluste aufgezeigt werden, dass der Wurfausgleich an Ammensauen oder die mutterlose Aufzucht von Saugferkeln tatsächlich dem Schutz der Ferkel dient. Dafür wurden die Saugferkelverluste der in den Jahren 2014 und 2015 abgeferkelten Würfe am LVZ Futterkamp untersucht und in die drei Aufzuchtverfahren Mutter, Ammensau und künstliche Amme eingeteilt. Von den 28.644 lebend geborenen Ferkel wurden insgesamt 24.949 (87,1 %) an der eigenen Mutter, 2089 (7,3 %) an einer Ammensau und 1.606 (5,6 %) von einer künstlichen Amme aufgezogen.

Die Saugferkelverluste wiesen deutliche Unterschiede zwischen den Verfahren auf. So lagen die Saugferkelverluste bei den an der Mutter aufgezogenen Ferkel bei 18,0 % (4.501 von 24.949 Ferkeln) wobei die Verlustursachen "erdrückt" (2.128 Ferkel) und "zu klein geboren" (1.478 Ferkel) die Hauptverlustursachen darstellten. An der Amme waren Saugferkelverluste von 8,7 % (181 von 2.089 Ferkeln) und an der künstlichen Amme von 2,1 % (34 von 1.606 Ferkeln) zu verzeichnen.

Somit lagen die Saugferkelverluste insgesamt bei 16,5 % (4.716 von 28.644 Ferkeln), was über dem Durchschnitt der SSB ausgewerteten Ferkelerzeugern von 15,1 % liegt. Diese Unterschiede verdeutlichen zwei Aspekte: 1. Die kräftigeren und agileren Ferkel werden vorzugsweise von der Mutter weggesetzt, weil diese bei anderen Müttern bessere Überlebenschancen haben und 2. die Ferkel an der künstlichen Amme sind dem größten Risiko in der Saugferkelphase, des Erdrückens durch die Muttersau, nicht mehr ausgesetzt. Das Ziel des Schutzes der Ferkel wird somit ganz eindeutig erreicht.

Die Lax Disco Box von innen

Fazit

Die Fruchtbarkeitsleistung von Sauen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die großen Würfe erfordern ein gutes Handling. Durch "split suckling" kann die Kolostrumaufnahme aller Geburtsgeschwister sichergestellt werden. Über Wurfausgleich und die Bildung von Ammensauen kann die Ferkelzahl der Anzahl der verfügbaren Zitzen angepasst werden. In Produktionsrhythmen mit nur einer Sauengruppe im Abferkelstall ist die Bildung von Ammensauen nicht möglich.

In diesem Fall können Ferkel zum Schutz vor Schmerzen, Leiden oder Schäden früher abgesetzt und mutterlos aufgezogen werden. An den künstlichen Ammen liegen die Saugferkelverluste deutlich niedriger als an der Sau, weil das Risiko des Erdrückens nichtig gemacht wird. Dies stellt das häufigste Verlustrisiko in der Saugferkelphase dar. In weiteren Beträgen soll dargestellt werden, welche Leistungen von mutterlos aufgezogenen Ferkeln zu erwarten sind. Der Arbeitsaufwand der mutterlosen Ferkelaufzucht darf nicht unterschätzt werden.

DER DIREKTE DRAHT

Dr. Onno Burfeind
Fachbereichsleiter Schweinehaltung
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Tel.: 0 43 81-90 09-20
E-Mail: oburfeind(at)lksh.de

Stand: April 2018