Produktionsberatung – ein zentrales „Produktionsmittel“

25.03.2020 Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Fachhochschule Kiel, Fachbereich Agrarwirtschaft

Situation in den Milchkuhbetrieben

Die Milchleistung der Kühe steigt von Jahr zu Jahr nahezu unaufhörlich. Mittlerweile haben in Schleswig-Holstein deutlich mehr als ein Drittel aller Schwarzbunten, für die vom Landeskontrollverband monatlich eine Milchleistungsprüfung vorgenommen wird, eine Jahresleistung von 10.000 kg und mehr (LKV, 2019). Fast 18 % der Deutsch Holstein erzeugten im Jahr 2018 > 11.000 kg Milch (LKV, 2018). Im Jahr 2013 waren dieses 12,3 % der schwarzbunten Kühe.

Die Gründe hierfür liegen zum einen in der Genetik. Zum anderen aber haben in zahlreichen Betrieben deutliche Verbesserungen im Haltungs-, Fütterungs- und Gesundheitsmanagement der Milchkuhherden mindestens ebenso, wenn nicht sogar in einem deutlich größeren Maße dazu beigetragen. Nur so lässt sich erklären, dass jährlich auch die Anzahl derjenigen Betriebe steigt, deren Milchkühe eine sehr hohe Herdendurchschnittsleistung erreichen. Hier geht es also um die Bestandsebene. Diese ist nicht die Folge von einzelnen sehr leistungsfähigen Kühen, sondern ein „Produkt“ des gesamten Herdenmanagements.

So wiesen im Jahr 2018 von den insgesamt 2.752 Milchkuhherden Schleswig-Holsteins 38 eine Herdenmilchleistung von > 11.000 kg auf. Das waren 1,4 % der Betriebe. Ein Jahr später sind dieses 59 der nunmehr noch 2.622 Herden, also 2,3 % (LKV, 2019).

Ganz besonders wird diese Veränderung anhand derjenigen Betriebe sichtbar, die im Durchschnitt eine Lebenstagsleistung (LTL) ihrer Kühe von 15 kg erreichen. Waren dieses im Jahr 2015 erst 116 Herden und damit 3,6 % aller Milchkuhbetriebe, so weist der LKV für das Jahr 2019 bereits mehr als ein Drittel aller Milchkuhbetriebe dieses Landes mit einer LTL ihrer Kühe von 15 und mehr kg aus.

Besonderheit in der Frühlaktation

Dass derart hohe Leistungen einhergehen mit großen Stoffwechselbeanspruchungen der Tiere, leuchtet ein. Dieses betrifft vor allem Kühe in den ersten Laktationswochen, nämlich dann, wenn die Nährstoff- und Energieaufnahme dem Bedarf der Tiere weit hinterherläuft, so dass die Kühe in einer z.T. extrem großen negativen Energiebilanz (NEB) sind.

Zu diesem Umstand kommt hinzu, dass entsprechend Untersuchungen von GROSS et al., 2011 und GROSS et al. (2013) Kühe in dieser Laktationsphase scheinbar nicht in der Lage sind, diese NEB metabolisch zu kompensieren. Entgegengesetzt dazu reagierten Kühe in der Laktationsmitte, die versuchsbedingt ebenfalls in eine NEB gebracht wurden, weder mit einem Anstieg der nicht veresterten freien Fettsäuren (NEFA) und des Ketonkörpergehaltes ß-Hydroxybuttersäure im Blut noch mit einem erhöhten Leberfettgehalt. Das bedeutet also, dass diese Kühe in der Mitte der Laktation die eingetretene (erzwungene) NEB metabolisch kompensieren konnten.

Es scheint demnach so zu sein, dass in der Frühlaktationsphase die Leber der Kuh aufgrund einer besonderen Stresssituation nicht in Lage ist, die aus dem Körperfettabbau stammenden und nun anflutenden Fettsäuren aufzunehmen und zu oxidieren (BRADFORD et al., 2015). Gleiches gilt nach Untersuchungen von GESSNER et al. (2015) übrigens auch für laktierende Sauen.

Dieser Stress entsteht durch die hohe Syntheseleistung und die spezifische metabolische Situation, vor allem durch die homöorhetische Anpassung des Stoffwechsels post partum, damit der gesamte Nährstoffstrom aus den Speichern zur Milchdrüse gelenkt wird.

Diese hohe Syntheseleistung geht einher mit einer großen Wärmebildung, so dass gerade in Situationen mit sommerlich heißen Temperaturen die Kühe unter einem besonders großen Stress leiden. Auch wird in diesem Zusammenhang mit der hohen Syntheseleistung immer wieder vom sogenannten oxidativen Stress berichtet. Dieser kennzeichnet eine Stoffwechsellage, bei der eine das physiologische Ausmaß überschreitende Menge reaktiver Sauerstoffverbindungen (ROS – reactive oxygen species) gebildet wird bzw. vorhanden ist. Diese reaktiven Sauerstoffverbindungen (z.B. Wasserstoffperoxid) entstehen im Rahmen von Stoffwechselvorgängen der mitochondrialen Elektronentransportkette. Normalerweise sind die Zellen fähig, reduzierende oder oxidierende Stoffe zu neutralisieren. Besteht aber ein gewisses Ungleichgewicht zwischen diesen Pools, wird die normale Reparatur- und Entgiftungsfunktion einer Zelle überfordert. Somit kommt es zu einer Schädigung aller zellulären und extrazellulären Makromoleküle. Eine solche Situation wird als oxidativer Stress bezeichnet.

Hinzu kommt bei Kühen in der Zeit um die Kalbung und in den ersten Wochen danach das geschwächte Immunsystem und folglich eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber Infektionen sowie die zahlreichen immunologischen Reaktionen im Zuge der Gebärmutterrückbildung.

Diese Besonderheiten bei Kühen in der Frühlaktation - oxidativer Stress, besonderer Hitzestress, systemische, meist subklinische Entzündungen - und ggf. noch zusätzlich sozialer Stress führen zum Stress des endoplasmatischen Retikulums („ER-Stress“), also auf molekularbiologischer Ebene.

Dieser „ER-Stress“ wird durch Entzündungen, Hitzestress, hohe Spiegel an nicht veresterten freien Fettsäuren und oxidativen Stress begünstigt.

Daher muss das primäre Ziel sein, stressauslösende Faktoren zu vermeiden, zumindest deutlich zu reduzieren, also entlastende und unterstützende Maßnahmen für den Stoffwechsel und die Futteraufnahme sowie zur Genesung vom Kalbestress zu ergreifen.

 

Hohe Leistungen – mehr Probleme?

Die zuvor beschriebenen Zusammenhänge machen deutlich, dass Kühe mit höherer Milchleistung, zumindest in der Frühlaktation, eine größere potentielle Gefahr für Erkrankungen, allen voran Mastitiden, haben.

Lässt sich dieses dann auch auf Bestandsebene erkennen? Auswertungen der Landesforschungsanstalt (LFA) Mecklenburg-Vorpommern zeigten das zumindest nicht. Bei den von der LFA ausgewerteten Betrieben des Testbetriebsnetzes hatte die Mehrzahl derer mit den höheren Herdenmilchleistungen keine höheren Krankheitsraten oder gar Abgangsraten bei den Kühen. Häufig wurde sogar das Gegenteil festgestellt.

Anhand der Daten zu den Kuhverlusten in den schleswig-holsteinischen Betrieben zeigt sich die gleiche Tendenz – in der Gruppe der Betriebe mit einer überdurchschnittlichen Herdenleistung von mehr als 9.000 kg ist die Verlustrate geringer, besonders im Vergleich zu denen mit einer Milchleistung ihrer Herden von weniger als 8.000 kg (Tabelle 1 und Abbildung 1).

Tabelle 1: Milchleistung und Herdenbestandsgröße der Milchkuhbetriebe der Rinderspezialberatung Schleswig-Holstein (Quellen: Tierreporte 2006/07, 08/09, 12/13 und 17/18)
Abbildung 1: Kuhverluste in den Betrieben der Rinderspezialberatung Schleswig-Holstein (Quellen: Tierreporte 2006/07, 08/09, 12/13 und 17/18)

 

Dennoch gibt es zweifelsohne in zahlreichen Betrieben viele gesundheitliche Probleme mit den Kühen. Davon zeugt u.a. auch die mit 4,8 % im Jahr 2017/18 gegenüber den anderen ausgewerteten Jahren höhere Abgangsrate. Hierfür gibt es viele Gründe. Dennoch kristallisieren sich oft übereinstimmend Risikofaktoren in den Bereichen der Hygiene (Futtertisch-, Liegeboxen-, Laufflächenhygiene) und des Managements heraus, was letztlich den entscheidenden Einfluss des Landwirts auf all diese Bereiche untermauert.

Darüber hinaus zeigen viele Studien in der Praxis, dass die verschiedenen Situationen in den Betrieben z.T. sehr unterschiedlich von den Betriebsleitern und Mitarbeitern wahrgenommen werden. Dieses liegt in der Natur der Menschen und ist durch die individuell verschiedenen Verhaltensmuster begründet. Nicht zuletzt spielt hierbei aber immer auch die sehr unterschiedliche sowie unterschiedlich empfundene Belastung der Landwirte eine große Rolle.

Hohe Leistungen – größere Anforderungen

Die eingangs geschilderte Situation von Kühen in der Frühlaktation soll hier nur als Beispiel skizzieren, wie sehr spezialisiertes Wissen vonnöten ist, um den Anforderungen der Kühe zu entsprechen. 

Aber nicht nur in den Bereichen Haltung, Fütterung, Gesundheitsmanagement von Tieren ist großes Know-how gefordert. Die Anforderungen an die Landwirte umfassen wesentlich mehr, nämlich das gesamte Umfeld des Landwirts. Dazu zählen in immer mehr Betrieben zunehmend Mitarbeiter, die „geführt“ werden wollen. Auch die Anforderungen bzgl. der Dokumentationspflichten (politische Anforderungen) haben sich rasant erhöht. Die Zeit ist schnelllebig geworden (Internet, Smartphone, Apps). Landwirte werden nahezu täglich mit einer Informationsflut überschüttet und müssen schnellstmöglich zwischen relevant und weniger/nicht wichtig unterscheiden.

Hinzu kommt, dass die Landwirte speziell seitens der Medien und der Öffentlichkeit in punkto „Umweltverschmutzung“, Tierwohl, Tiergesundheit, Tiergerechtheit sowie Antibiotikaeinsatz oft und stark unter Druck gesetzt werden. Es geht um Nachhaltigkeit der Landbewirtschaftung und der Nutztierhaltung. Diese Nachhaltigkeit setzt aber immer auch voraus, dass die Betriebe betriebswirtschaftlich erfolgreich wirtschaften.

Diese zahlreichen Anforderungen stellen für viele Landwirte oft ein enormes Spannungsfeld dar.

Kühe mit hohen Leistungen so zu halten, zu füttern und zu managen, dass diese dauerhaft gesund bleiben, stellt die Tierhalter vor große Herausforderungen.

Beratung – die Hilfe „von außen“

Die Anzahl an Betrieben sinkt unaufhörlich. Im Vergleich zum Jahr 2016 hat der LKV im Jahr 2019 13 % weniger Milchkuhbetriebe registriert. Das entspricht einem jährlichen Rückgang von mehr als 4 %. Diese Entwicklung hält mit großer Sicherheit an. Es werden also immer weniger Betriebe. Deren Betriebsleitern wiederum wird sehr viel und zukünftig immer mehr abverlangt. Das ist alleine nicht zu bewältigen. Das bedarf immer einer Hilfe „von außen“, durch:

-       Beratungskräfte mit spezialisiertem Fachwissen,

-       Tierärzte mit ihrem kurativen Know-how, aber oftmals auch sehr guten Einschätzungsvermögen, weil sie wie kaum ein anderer aufgrund häufigerer Betriebsbesuche die betrieblichen Vorgänge und daher mögliche Fehlerquellen in eben diesen Abläufen intensiv kennengelernt haben und

-       viele andere Spezialisten, wie z.B. Klauenpfleger oder Melkberater.

Hierbei geht es zum einen um die Unterstützung der Landwirte mit Fachwissen und zum anderen um das sogenannte notwendige „Auge von außen“, da nur dieses den Landwirt vor einer gewissen Betriebsblindheit bewahren kann. Nicht zuletzt geht es aber auch um eine Art „seelischen Beistands“.

Da in allen Bereichen der Tierhaltung Spezialwissen vonnöten ist, bedarf es hierfür der Unterstützung durch Beratungskräfte, Tierärzte, Klauenpfleger, ….mit eben diesem spezialisierten Fachwissen, aber auch mit dem gewissen „Auge von außen“.

Mensch im Mittelpunkt der Beratung

Nicht nur die Anforderungen an die Landwirte steigen, auch die an die Beratung nehmen gleichermaßen zu. Das erfordert von allen beratenden Menschen neben stets aktuellem Wissen in erster Linie aber auch ein gutes psychologisches Gespür. Dabei hilft die Erkenntnis, dass der jeweilige Landwirt mit seinen individuellen Stärken und Schwächen im Mittelpunkt jeder Beratung stehen muss. Er bzw. sie muss den Eindruck haben, dass der Berater/die Beraterin ihn bzw. sie als Mensch und ebenso das Anliegen versteht. Beratung soll in erster Linie Denk- und Handlungsanstöße geben, aber eben auch Mut machen, mit auftretenden Schwierigkeiten besser umzugehen. Die Entscheidung für oder gegen bestimmte Maßnahmen fällt nach wie vor der Landwirt selbst. Dafür aber benötigt der zu Beratende einen besseren Einblick in seine Situation.

Betriebswirtschaftliche Auswertungen, wie z.B. die anhand des jährlich publizierten Tierreports, sind zweifelsohne sehr wichtig, um allgemeine Trends zu erkennen. Durch differenzierte Analysen, z.B. anhand verschiedener Klassenbildungen, sei es bei der Herdenleistung oder der Herdengröße, können mit Sicherheit allgemeine Beratungsempfehlungen abgeleitet werden.

Dennoch darf nicht vergessen werden, dass es innerhalb jeder ausgewerteten Gruppe immer auch zahlreiche Landwirte gibt, die sich deutlich vom Gruppenmittel – nach oben, aber auch nach unten – unterscheiden und für die dann mögliche allgemeine Empfehlungen eher falsch wären. Ausschließlich anhand von „nackten“, leblosen Zahlen aus Betriebszweigvergleichen Beratungsempfehlungen für den einzelnen Landwirt ableiten zu wollen, ohne deren spezielle Fähig- und Fertigkeiten, aber auch Wünsche und Sorgen in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu nehmen, hätte mitunter fatale Folgen für den jeweiligen Landwirt und seine Familie.

Anforderung an eine gute Beratung

Beratung soll Mut machen, aber sie muss dabei ehrlich sein. Insofern muss die Motivation am richtigen Punkt ansetzen, da nicht jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt alles erreichen kann. Menschen haben unterschiedliche Ressourcen und Grenzen und sehr verschiedene Geschwindigkeiten, mit denen sie die Aufgaben erledigen und letztlich das Leben selbst leben.

Kein Berater der Welt kann Menschen auf Wege schicken, die sie nicht begehen können. Also setzt eine gute Beratung in erster Linie bei den Möglichkeiten der Person an. Dieses zu erkennen, ist die wahre Kunst des Beraters und entscheidet letztlich darüber, ob die Beratung für den Landwirt und folglich auch für den Berater erfolgreich ist.

Wie einfach wäre Beratung, wenn diese „von der Stange“ wäre. Da wir Menschen aber alle sehr verschieden sind, muss die Beratung genau dieses mit berücksichtigen. Nicht zu jedem Landwirt passt jedes Konzept (bzgl. Betriebs-/Herdengröße, Fütterungs-, Melksysteme,...). Ein guter Berater kennt das Zusammenspiel von Motivationen, Interessen und Fähigkeiten und weiß darüber hinaus, welche prägende Rolle Familien spielen und „wer an den Strippen zieht“.

Wie bereits oben erwähnt, trifft der Landwirt die Entscheidungen, nicht der Berater bzw. die Beraterin. Beratung soll möglichst vielfältige Argumente liefern und Situationen von unterschiedlichen Seiten aus beleuchten. Ob diese Argumente im jeweiligen Einzelfall vom Landwirt für oder gegen eine bestimmte Maßnahme sprechen, obliegt alleine seiner Entscheidung.

Die eigene Weltsicht des Beraters muss vollkommen irrelevant sein für die Empfehlungen. Beratung darf keine Belehrung sein.

Menschen sind mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten, aber auch ihrem Wahrnehmen und Empfinden sehr verschieden. Daher müssen Beratungskonzepte immer individuell sein.

FAZIT

Jegliche Beratung tut gut daran, sich vordergründig um die Menschen in den landwirtschaftlichen Betrieben zu kümmern. Dazu gehört aber Offenheit – auf beiden Seiten. Und mehr noch: eine Beratung wird immer dann besser, nämlich auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten, sein können, wenn möglichst alle Akteure - Landwirte, Familienmitglieder, Mitarbeiter, Berater, Tierärzte, Klauenpfleger u.a.m. – an einem Tisch sitzen und ihre Gedanken transparent machen.

Es gibt nicht DAS eine, sondern immer nur das betriebs- und landwirtsindividuelle Beratungskonzept! So unterschiedlich wir Menschen und folglich auch die Landwirte sind, so verschieden werden auch Beratungskonzepte sein MÜSSEN! Solch eine Beratung ist ein ganz zentrales Produktionsmittel und gehört zu jedem Betrieb, der zukünftig auch weiterhin Landwirtschaft – und dieses erfolgreich – betreiben möchte. Dabei ist Erfolg nicht ausschließlich betriebswirtschaftlich, also ökonomisch definiert, sondern mindestens genauso durch Zufriedenheit.

DER DIREKTE DRAHT

Prof. Dr. Katrin Mahlkow-Nerge
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Agrarwirtschaft
Tel.: 04331/845138
Email: katrin.mahlkow-nerge@fh-kiel.de

Fotos (Katrin Mahlkow-Nerge)

Stand: März 2020