Kälber ab dem ersten Lebenstag mit Wasser versorgen!

16.01.2019 - Dr. Christian Koch, Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung, Hofgut Neumühle

Wasser stellt einen der wichtigsten Nährstoffe für eine Vielzahl von Stoffwechselprozessen dar, weshalb es sehr wichtig ist, Kälber ab dem ersten Lebenstag mit hygienisch einwandfreiem Tränkwasser zu versorgen. Welchen Einfluss eine frühe Tränkwasserversorgung auf Futteraufnahme und Leistung von Kälbern hat, lesen Sie im nachfolgenden Beitrag von Dr. Christian Koch, vom DLR Westpfalz, Hofgut Neumühle.

Wasser ist den Kälbern möglichst ab dem ersten Lebenstag anzubieten – aus einer Schüssel oder einem Eimer, nicht aus einem Nuckeleimer

Wasser ist neben Sauerstoff ein wichtiger essentieller Nährstoff zur Aufrechterhaltung der Lebens- und Leistungsfähigkeit eines lebenden Organismus. Wird der tägliche Bedarf an Wasser bei Nutztieren nicht gedeckt, reagieren diese mit kurz- und langfristigen Beeinträchtigungen, wie Leistungseinbußen und gesundheitlichen Problemen. Bei Milchkühen zeigt sich eine unzureichende Wasserversorgung sehr schnell und drastisch mit einem Rückgang der Milchleistung und Futteraufnahme. Bei Kälbern wird die Wasserversorgung häufig vernachlässigt, da die Kälber ja ausreichend Milch oder Milchaustauschertränke (MAT) erhalten, wo ebenfalls Wasser enthalten ist. Betrachtet man den Wassergehalt von neugeborenen Kälbern, so wird schnell klar, dass dieser mit 80 % der Lebendmasse einen sehr großen Anteil einnimmt. Dieser hohe Wassergehalt im Körper von neugeborenen Kälbern nimmt durch Wachstum und den Austausch von Wasser durch Fetteinlagerung um ca. 10 % auf 70 % im Alter von ca. 40 Tagen ab. Im Vergleich dazu, liegt der Wassergehalt bei Kälbern immer noch um 10 % höher, im Vergleich zu ausgewachsenen Kühen mit ca. 60 %. Leiden Kälber an Durchfall, verlieren die Kälber sehr schnell in kurzer Zeit hohe Mengen an Wasser was bis zu Totalverlusten von Tieren führen kann.

Darüber hinaus wird häufig postuliert, dass eine frühe und ausreichende Wasseraufnahme die Pansenentwicklung, die Verfügbarkeit von Nährstoffen aus der Pansenfermentation positiv fördert und dadurch wichtige Nährstoffe für Wachstum und Entwicklung von Kälbern zur Verfügung stellt. In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde abgeleitet, dass amerikanische Landwirte im Mittel 17 Tage warten, bevor sie die Kälber mit Tränkwasser versorgen (USDA, 2016). In Deutschland hingegen, muss nach der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung erst nach 14 Tagen Kälbern Wasser zur freien Verfügung und Aufnahme angeboten werden.

Welchen Einfluss eine frühe Wasserversorgung ab dem ersten Lebenstag im Vergleich zu einer Wasserversorgung beginnend ab dem 17. Lebenstag auf Leistung und Futteraufnahme von Kälbern hat, lesen Sie im nachfolgenden Fütterungsversuch.                

Fütterungsversuch

Im Rahmen eines Versuches an der Iowa State Universität (Wickramasinghe, et al. 2018) wurden 30 Kälber der Rasse Holstein in zwei vergleichbare Gruppen mit je 15 Tieren pro Gruppe eingeteilt. Alle Kälber erhielten innerhalb der ersten 4 Lebensstunden im Mittel 3,8 Liter Kolostrum. Alle Kälber wurden bis zum Ende der 10. Lebenswoche in Einzeliglus gehalten und nach der 10. Lebenswoche in die Gruppenhaltung umgestallt. Über die ersten 14 Lebenstage wurden alle Kälber 3-mal täglich (6.00 Uhr, 14.00 Uhr und 22.00 Uhr) mit 2 je Liter pasteurisierter Vollmilch getränkt. Von Tag 15 bis Tag 42 erhielten alle Kälber täglich 9,6 Liter pasteurisierte Vollmilch (3,2 Liter pasteurisierte Vollmilch je Fütterung bei 3-maliger Fütterung pro Tag). Vom 42. bis zum 49. Lebenstag wurden alle Kälber abgetränkt. Vom ersten Lebenstag bis zur 10. Lebenswoche wurde den Kälbern ein handelsübliches Kraftfutter (18 % Rohprotein, 3,5 % Rohfett und 10 % Rohfaser) zur freien Aufnahme angeboten. Beide Gruppen unterschieden sich lediglich im Angebot von Tränkwasser, was in der einen Gruppe ab dem ersten Lebenstag zur freien Aufnahme zur Verfügung stand (Gruppe W0) und in der anderen Gruppe erst ab dem 17. Lebenstag angeboten wurde (Gruppe W17). Im Rahmen des Versuches wurden die täglichen Milch-, Kraftfutter- und Wasseraufnahmen gemessen sowie der Wachstumsverlauf dokumentiert.

Schaut man sich die mittlere tägliche Wasseraufnahme der Kälber über die ersten beiden Lebenswochen an, so nehmen die Kälber täglich 0,75 kg Wasser auf. Da die Gruppe W17 erst nach 17 Tagen Wasser zur freien Aufnahme angeboten bekommen hat, konnten diese Kälber bis zum 16. Lebenstag kein freies Wasser aufnehmen. Lediglich das in der MAT-Tränke und im Kraftfutter enthaltene Wasser konnte in Gruppe W17 aufgenommen werden. In Abbildung 1 sind die mittleren täglichen Wasseraufnahmen über den Versuch dargestellt. Vom 17. – 42 Lebenstag trinken die Kälber der Gruppe W17 mit täglich 1,3 kg Wasser knapp 0,5 kg mehr pro Tag im Vergleich zu Gruppe W0. Vom 43. bis zum 70 Lebenstag sind keine Unterschiede bzgl. der täglichen Wasseraufnahme zwischen beiden Gruppen zu erkennen (siehe Abb. 1). 

Abb. 1: Mittlere tägliche Wasseraufnahmen über die Tränkeperiode (Wickramasinghe et al., 2018)


Betrachtet man die täglichen Milchaufnahmen (vgl. Abbildung 2), so zeigt sich, dass die Kälber der Gruppe W0 zwischen dem Lebenstag 0 und 16 sowie dem Lebenstag 17 bis 42 mit 6,25 kg bzw. 8,2 kg Milch je Tag signifikant mehr Milch trinken im Vergleich zur Gruppe, die erst nach 17 Tagen Wasser aufnehmen konnte (W17). Über die Abtränkeperiode sind keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen bzgl. der Milchaufnahme zu erkennen.

Abb. 2: Mittlere tägliche Milchaufnahme über die Tränkeperiode (Wickramasinghe et al., 2018)


Die wöchentlichen Wasser- und Kraftfutteraufnahmen sind aus Abbildung 3 und 4 ersichtlich, welche zeigen, dass bei vollem Milchangebot von täglich je 9,6 kg nur sehr geringe Mengen an Kraftfutter über die ersten sechs Tränkewochen aufgenommen werden. Bei den Wasseraufnahmen werden hingegen über die ersten sechs Tränkewochen bis zu 1,8 kg Wasser je Tag aufgenommen. Ab dem Zeitpunkt des Abtränkens, beginnend mit dem 42. Lebenstag, steigt die tägliche Kraftfutter- sowie Wasseraufnahme sehr stark und steil in beiden Gruppen an.

Abb. 3: Mittlere Wasseraufnahme über die Tränkeperiode (Wickramasinghe et al., 2018)
Abb. 4: Mittlere Kraftfutteraufnahme über die Tränkeperiode (Wickramasinghe at al., 2018)


Bezüglich der Gewichtsentwicklung gab es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (vgl. Abbildung 5). Die Geburtsgewichte in beiden Gruppen lagen mit 37,5 kg (W0) und 37,9 kg (W17) auf gleichem Niveau. Die Tageszunahmen lagen über die ersten 42 Lebenstage in beiden Gruppen bei moderaten 0,66 kg (W0) und 0,61 kg (W17) je Tag. Nach dem die Tiere abgetränkt waren, nahmen beide Gruppen von Lebenstag 50 bis 70 etwas mehr als 1 kg täglich zu (W0: 1,09 kg/Tag; W17: 1,03 kg/Tag).

Abb. 5: Lebendmasseentwicklung über die ersten 10 Lebenswochen (Wickramasinghe et al., 2018)


Interessanterweise zeigten die Tiere der Gruppe, die ab dem ersten Lebenstag Wasser zur freien Verfügung angeboten bekamen, auch im Alter von 5 Monaten signifikant höhere Lebendmassen (siehe Abbildung 6).

Abb. 6: Lebendmasse im Alter von 5 Monaten (Wickramasinghe et al., 2018)

Fazit

Die vorgestellte Studie von der Iowa State Universität zeigt erstmals, welche Wassermengen neugeborene Kälber in den ersten Lebenswochen täglich aufnehmen. So lag die mittlere tägliche Wasseraufnahme über die ersten 16 Lebenstage bei 0,75 kg Wasser pro Tag. Durch das sehr frühe anbieten von Tränkwasser tranken die Kälber auch signifikant mehr Milch bis zum Abtränken am 42. Lebenstag im Vergleich zu den Kälbern, die erst ab dem 17. Lebenstag Wasser angeboten bekamen. Die täglichen Kraftfutteraufnahmen, bei zeitgleich hohem Milchangebot, lagen bis zum Beginn des Abtränkens am 42. Lebenstag auf sehr geringem Niveau, was durch eigene Studien (Frieten et al., 2017; Korst et al., 2017) am Hofgut Neumühle ebenfalls belegt werden konnte. Darüber hinaus zeigte das frühe Anbieten von Tränkwasser keinerlei Effekte auf die Kraftfutteraufnahmen. Die Kraftfutteraufnahme steigt ab dem Zeitpunkt des Abtränkens rasch und steil an, wodurch die tägliche Wasseraufnahme in vergleichbarer Weise ansteigt. Als weiterer wichtiger Effekt, sollte die Umgebungstemperatur angesprochen werden, da bei steigenden Temperaturen auch die Wasseraufnahme der Kälber ansteigt.

Häufig wird in der Literatur beschrieben, dass eine frühe Wasseraufnahme die Pansenentwicklung sowie die mikrobielle Besiedelung fördern soll, wozu es aber nur sehr wenige Studien gibt, die diese Effekte belegen. Um diese positiven Effekte auf die Pansenentwicklung nutzen zu können, sollte den Kälber ab dem ersten Lebenstag Wasser aus Eimern angeboten werden, sodass die Kälber das Wasser in kleinen Schlückchen aufnehmen können, wodurch das Wasser direkt in den Pansen gelangt. Im Gegensatz dazu läuft die Milch oder das Wasser beim Anbieten über den Nuckeleimer, über den Schlundrinnenreflex direkt in den Labmagen.

In Abhängigkeit von der täglich angebotenen Tränkemenge bzw. MAT trinken die Kälber mehr oder weniger Wasser, da bei Verfütterung von hohen Milchmengen täglich die aufgenommene Wassermenge über Milch oder MAT erhöht wird. Erhalten die Tiere jedoch nur geringe tägliche Mengen (3 – 6 Liter pro Tag; Kertz et al., 1984) an Milch oder MAT, so trinken diese Kälber deutlich mehr Wasser, um den über die Milch nicht ausreichenden Wasserbedarf zu decken.

Das DLR Westpfalz, Hofgut Neumühle beschäftigt sich ebenfalls mit der Wasserversorgung von Kälbern und dem Zusammenhang zur Pansenentwicklung. Darüber hinaus wird geprüft, ob die tägliche Wasseraufnahme oder das Tränkverhalten als wichtiger Parameter zur frühzeitigen Erkennung von Erkrankungen genutzt werden kann?

Für die Praxis kann empfohlen werden, alle neugeborenen Kälber ab dem ersten Lebenstag mit ausreichenden Mengen an hygienisch einwandfreiem Tränkwasser zu versorgen!

DER DIREKTE DRAHT

Dr. Christian Koch
Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung
Hofgut Neumühle
Neumühle 1
67728 Münchweiler an der Alsenz
Tel.: 06302/60343

www.hofgut-neumuehle.de

Stand: Januar 2019
Fotos (Katrin Mahlkow-Nerge)