Grundlagen-Schweine
28.02.2020

„Gunda“ auf der Berlinale

Der Filmessay von Victor Kossakovsky erzählt vom Seelenleben der Schweine. Die Gunda in Victor Kossakovskys Dokumentarfilm hat Nerven wie Drahtseile. Es ist eine kolossale Sau. Die in einem Stall in Norwegen ansässige Film-Gunda ist besonders ertragreich.

Rund zwölf Ferkel, zwei davon ganz frisch geworfen, wuseln im Frühling um sie herum. Das wird in der Eingangssequenz des in noblem Schwarzweiß gedrehten Essayfilms erst nach und nach offenbar.

Die Kamera fährt ganz langsam auf die in der Stalltür hingegossene Sau zu. Plötzlich purzeln ein, zwei, drei Ferkel über das Stroh nach draußen. Unsichere Bewegungen, zarte Borsten, allerliebstes Kindchenschema – und dazu dieses betörend fragile Zittern und Beben jungen Lebens.

Schweine als soziale Wesen

Die bislang statische Kamera wechselt die Perspektive ins Stallinnere, wo die Ferkel übereinander kletternd, quiekend, schnüffelnd abwechselnd an Gundas Gesäuge hängen oder eng aneindergepresst schlafen.

Die Kamera, die bislang in Großaufnahmen die Körper der sozialen Schweinewesen abgetastet hat, kommt in Bewegung. Fährt über das Stroh dieses Bullerbü-Stalls, der keinen Spaltenboden kennt, und identifiziert ein verborgenes Atmen. Ein Nachzügler-Ferkel!

Gunda aber kennt keine vom menschlichen Blick hineinprojizierte Sentimentalität. Zwar wühlt sie den glitschigen Winzling frei – und versetzt ihm doch einen lebensgefährlichen Tritt. Nachher hat Hinkebein sichtlich Mühe der Rasselbande zu folgen, die im Stall und auf der Weide herumtollt und nebenbei Speck ansetzt.

Ohne Idealisierung

Der ohne Kommentar arbeitende Kossakovsky ist ein Regisseur, dessen ästhetische, überaus sorgsam gestalteten Bilder zeigen, statt zu reden.

Das hat der begnadete Bildschöpfer zuletzt 2018 in „Aquarela“ gezeigt, seinem filmischen Versuch, das Element Wasser erfahrbar zu machen.

Dieser respektvolle, sinnliche Blick richtet sich in „Gunda“ auf ganz normale Bauernhoftiere. Kossakovsky idealisiert das Wesen der Tiere nicht, lehnt ihre Vermenschlichung ab und agitiert nicht gegen Fleischverzehr.

Quelle: tagesspiegel.de