Richtiges Interpretieren von Milchinhaltstoffen kann helfen, Schwachstellen im Fütterungsmanagement aufzudecken Fotos: Mahlkow-Nerge


Rationen, Betriebsreportage
01.06.2010

Mit der richtigen Fütterung schlechten Milchleistungen zu Laktationsbeginn begegnen

Häufig treten gerade zu Laktationsbeginn schlechte Milchleistungen auf. Anhand eines Beispielbetriebs mit einer Herdendurchschnittsleistung von 9.500 kg zeigt Fütterungberaterin Katrin Mahlkow-Nerge wie diesem Problem mit der richtigen Fütterung begegnet werden kann.

Der Betrieb hat eine Herdendurchschnittsleistung von 9.500 kg. Die Herde präsentiert sich in der aktuellen Milchkontrolle folgendermaßen:

Merkmal

bis 100. Laktationstag

101.-200. Laktationstag

> 200 Laktationstage

Milchmenge, kg/Kuh und Tag

34,3

32,1

21,8

Fett, %

3,71

3,63

4,00

Eiweiß, %

3,06

3,37

3,70

Harnstoff, mg/kg Milch

231

260

201

Fett:Eiweiß-Quotient

1,2

1,1

1,1

Färsenanteil, %

40

28

31


Bei einer Herdendurchschnittsleistung von 9.500 kg sollten Färsen und Kühe in etwa folgende Tagesmilchleistungen in den drei Laktationsabschnitten erbringen.

Standardlaktationskurve: Zielwerte für eine Herdenleistung von 9.000-10.000 kg

 

Milchleistung kg/Tag

Laktationstage

Färsen

Kühe

10-100

33

37

101-200

32

33

>200

28

25

Ø bei gleichmäßiger Verteilung der Tiere auf alle 3 Laktationsstadien

31

32,5


Für die insgesamt recht hohe Herdendurchschnittleistung erscheinen die 34,3 kg Milch im ersten Laktationsdrittel niedrig. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass 40 Prozent der Tiere in diesem Laktationsstadium Erstkalbskühe waren. Daraus erklärt sich auch die insgesamt niedrige Differenz in der Milchleistung zwischen dem ersten und zweiten Laktationsdrittel.

Zielwerte für diesen Betrieb unter Berücksichtigung des Färsenanteils

Laktationstage

Färsenanteil

Zielwert Betrieb

Abweichung vom Zielwert

10-100

40%

35,4 kg

-1,1

101-200

28%

32,8 kg

-0,7

>200

31%

25,9kg

-4,1

Ø bei gleichmäßiger Verteilung der Tiere auf alle 3 Laktationsstadien

33%

31,4 kg

 

Hiernach hätte sich im ersten Laktationsdrittel bei einem Färsenanteil in diesem Stadium von 40 Prozent eine Tagesmilchmenge von 35,4 kg ergeben. Für das  zweite Laktationsdrittel ergibt sich bei einem Färsenanteil von 28 Prozent ein Zielwert für die Milchmenge von 32,8 kg. Im dritten Laktationsdrittel mit 31 Prozent Färsen sollten die Tiere noch 25,9 kg Milch geben.

Die tatsächlich erbrachten Milchmengen lagen um 1,1 kg (erstes Laktationsdrittel), 0,7 kg (zweites Laktationsdrittel) und 4,1 kg (drittes Laktationsdrittel) darunter.

Daraus werden zwei Schwachpunkte im Betrieb deutlich: mangelhafte Einstiegsleistung und schlechte Persistenz.

Für die Beurteilung der Milchinhaltstoffe erfolgt dieselbe Vorgehensweise – wieder der Vergleich mit den Zielwerten bei der entsprechenden Herdendurchschnittsleistung.

Standardlaktationskurve: Zielwerte für eine Herdenleistung von 9.000-10.000 kg

Laktationstage

Eiweißgehalt (%)

Färsen

Kühe

10-100

3,2

3,3

101-200

3,4

3,4

>200

3,5

3,6

Beurteilung des Milcheiweißwertes in diesen Betrieb

Laktationstage

Färsenanteil (%)

Zielwert Betrieb (%)

Abweichung vom Zielwert

10-100

40%

3,26

-0,20

101-200

28%

3,40

-0,03

>200

31%

3,57

+0,13


Der angestrebte Milcheiweißgehalt würde, ebenfalls unter Berücksichtigung des Färsenanteils dieser Herde, in den drei Laktationsstadien 3,26, 3,40 und 3,57 Prozent betragen. Tatsächlich  erreichten die Tiere besonders im ersten Laktationsdrittel einen wesentlich geringeren Milcheiweißgehalt. Das unterstreicht den Verdacht einer mangelhaften Energieversorgung der Tiere bzw. gibt einen Hinweis auf ketotische Stoffwechsellagen in der Herde.

Darüber hinaus wirft der vergleichsweise niedrige Milchfettgehalt zu Laktationsbeginn zum einen die Frage auf, ob vermehrt Tiere ohne Körperfettreserven abkalben oder aber zum anderen, ob hier eine Pansenfermentationsstörung oder –azidose vorliegt. Der letztere Verdacht wird erhärtet durch den auffallend niedrigen Milchfettgehalt im zweiten Laktationsdrittel.

Hier müsste auch geprüft werden, ob die Tiere möglicherweise hinsichtlich ihrer Futteraufnahme, insbesondere in der Frühlaktation, eingeschränkt werden. Es sollten alle Einflussfaktoren auf die Futteraufnahme und damit auf den Laktationsstart geprüft werden. Das sind vor allem:

  • bedarfsgerechte Fütterung im letzten Laktationsdrittel und damit das Einstellen einer optimalen Körperkondition (Überkonditionierung vermeiden)
  • bedarfsgerechte Versorgung der Trockensteher/hochtragenden Färsen, Milchfieberprophylaxe (Fressunlust nach der Kalbung kann häufig eine Folge von Milchfieber sein)
  • gute Klauengesundheit (Klauenschnitt möglichst zum Trockenstellen; zwei- bis dreimal pro Jahr; auch die großen Jungrinder mit einbeziehen)
  • beste Haltung (weich, geräumig, sauber), besonders für Trockensteher und Abkalbende (fördert das Wohlbefinden)
  • Kalben in einer sauberen Abkalbebox mit ausreichend Platz und Sichtkontakt zu anderen Tieren (keine „Einzelhaft“, denn Einzeltiere trauern und fressen schlechter)
  • bei Kalb- oder anderen Problemen sollten die Tiere länger in der Strohbox verweilen, da sie dort besser und schneller genesen (in der Herde wären sie den Rangkämpfen stärker ausgesetzt)
  • Kalb und Kuh möglichst schnell nach der Kalbung trennen (je länger beide zusammen sind, umso größer ist die soziale Bindung und folglich der Trennungsschmerz)
  • wenn möglich, eine Fresh-Gruppe einrichten (ggf. zusammen mit Färsen): bessere Kontrolle, schnelleres Eingreifen, weniger Rangkämpfe
  • unter Wahrung der Wiederkäuergerechtheit bereits in der Frühlaktation eine Ration mit hoher Energie- und Nährstoffdichte vorlegen (nicht energetisch „ausbremsen“)
  • Einsatz von Glycerin – eingemischt im Futter – kann durch die positive Geschmacksbeeinflussung die Futteraufnahme anheben
  • Einsatz von Propylenglycol (z.B. als Drench in die Backentasche) bei ketoseanfälligen Kühen
  • Wasserversorgung: sauber, ausreichende Tränkenanzahl (mehrere Tiere müssen zeitgleich saufen können, auch Rangniedere!), Tränken nicht in Sackgassen aufstellen
  • keine Überbelegung (besonders problematisch ist dieses bei beengten Stallverhältnissen)
  • Futtertischmanagement: leicht zu reinigende Oberfläche (glatt), besonders auf den Winkel zwischen Krippenbalken und Futtertischoberfläche achten
  • bestes Grundfutter: schmackhaft, gut riechend, kalt, frisch, saubere Grobfutter- und Kraftfuttersilos
  • Kühe benötigen täglich mindestens 20, besser 22 Stunden ausreichend Futter auf dem Futtertisch
  • Kühe wollen immer wieder zum Fressen animiert werden (häufig Futter nachschieben)

Rationsgestaltung:

Im Betrieb wurden 3 TMR gefüttert, eine TMR für die Hochleistungsgruppe, eine 2. TMR für die Altmelker und Transitkühe und eine 3. Ration für die Früh-Trockensteher. Dabei zeigten sich zwei Fehler bzw. Ansatzpunkte seitens der Rationsgestaltung.

Die TMR für die hochleistenden Milchkühe, die sofort nach der Kalbung gefüttert wurde, zeichnete sich durch relativ geringe Gehalte an nXP, RNB und UDP aus.

Gerade zu Laktationsbeginn ist neben der Sicherstellung einer ausreichenden Strukturversorgung und einer höchstmöglichen Energieversorgung auch die bedarfsgerechte Eiweißversorgung wichtig. Gerade in Energiemangelsituationen (in den ersten 50-70 (bis 100) Laktationstagen werden von der Kuh auch Aminosäuren als Energielieferant herangezogen.

Eine ausreichende Versorgung mit Eiweiß, vorzugsweise mit einem gewissen Anteil an beständigen Eiweißträgern (z.B. geschütztes Raps- oder Sojaschrot oder geschützter Rapskuchen, um den Gehalt an UDP in der Ration auf ca. 30 Prozent, aber mindestens > 27 Prozent einzustellen) käme hier auch in gewisser Hinsicht einer Ketoseprophylaxe gleich. Ein Eiweißmangel hingegen könnte die ohnehin schon vorhandene negative Energiebilanz (NEB) noch verstärken.

Die Ration wies ein Grobfutter/Kraftfutter-Verhältnis von 64:36 Prozent auf. Wenn man jedoch bedenkt, dass dieses ausschließlich die Ration für die früh- und hochlaktierenden Kühe war, erweist sich möglicherweise die Kraftfuttereinsatzmenge von 6,85 kg TM je Tiere und Tag als sehr gering. Das lässt die Frage aufkommen, ob nicht besonders diejenigen Tiere in der Frühlaktation energetisch „ausgebremst“ werden. Abgesehen davon ist eine Futteraufnahme von 20,9 kg TM in diesen Abschnitten der Laktation als nur mäßig zu beurteilen und sollte dazu führen, die oben angeführten Punkte abzuklären.

Futtermittel bzw. Merkmal

Einheit

TMR für Hochleistungsgruppe

TMR für Altmelker und Transitkühe

TMR für Früh-Trockensteher

Maissilage

 

 

 

 

kg TM/Tier und Tag

8,5

8,0

4,0

Grassilage 1.Schnitt

5,0

6,5

6,0

Weizenstroh

0,4

0,4

1,5

Rapsextraktionsschrot

2,2

1,6

0,5

Sojaextraktionsschrot

1,3

1,0

 

Roggen

1,7

0,6

 

Trockenschnitzel

1,0

0,3

 

Feuchtmais

0,6

0,5

 

Mineral

0,2

0,2

 

Rationseckparameter

TM

kg

20,9

19,1

12,1

Kraftfutteranteil

% der Rations-TM

36

22

4

NEL

MJ/kg TM

7,0

6,8

6,3

XP

% d.TM

16,1

15,6

12,9

nXP

g/kg TM

160

155

137

RNB

g

5

5

-16

UDP

%

25

24

20

XF

% d.TM

16,9

18,3

22,7

str.XF

11,2

13,4

19,5

ADF

18,4

19,5

 

NDF

35,9

37,5

 

Zucker+Stärke

26,5

24,1

 

beständige Stärke

3,4

3,0

 

Im letzten Laktationsdrittel zeigten die Tiere allgemein einen großen Leistungsabfall (schlechte Persistenz). Das kann zum einen mit einer mangelhaften Energieversorgung (ketotische Stoffwechsellage) zu Laktationsbeginn zusammenhängen, zum anderen ist auch die Energieversorgung durch die Ration im letzten Laktationsdrittel zu überprüfen. Letzteres konnte in diesem Fall ausgeschlossen werden. Die Ration der „Altmelker“ war hinsichtlich Nährstoff- und Energielieferung ausgeglichen und bedarfsgerecht.

Demnach konzentrieren sich die Ursachen für das mäßige Durchhaltevermögen der Kühe in dieser Herde vor allem auf Probleme zu Laktationsbeginn (zu energiereiche Versorgung der Früh-Trockensteher, knappe Energie- und nicht bedarfsgerechte Eiweißversorgung in der Früh- und Hochlaktationsphase).