Melkroboter-Einsatz - gewusst wie! - proteinmarkt.de - Infoportal für Landwirte

Betriebsleiter Thomas Dieter Lorenzen. Foto: J.H. Alberti

Kontrollgang in der Herde. Foto: J.H. Alberti

Neuer Kuhstall mit optimalem Kuhkomfort. Foto: J. H. Alberti

Im alten Kuhstall konnten die Bedingungen für das Aufstocken nicht gewährleistet werden. Foto: J.H. Alberti

Zuchtfortschritt durch gesextes Sperma. Foto: J.H. Alberti

Auf den Dächern wurden seit 2007 PV-Anlagen mit 450 KWp installiert. Foto: J.H. Alberti

Florian (l.) und Thomas Lorenzen setzen auf die Wettbewerbsvorteile des gut geführten Familienbetriebes. Foto: J. H. Alberti

Brunsterkennung ist ein wesentlicher Bestandteil des Fruchtbarkeitsmanagements beim Jungvieh. Foto: J.H. Alberti

Außenansicht des neuen Stalls. Foto: J.H. Alberti


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Betriebsreportage, Grundlagen-Rinder
05.08.2010

Melkroboter-Einsatz - gewusst wie!

Thomas Dieter Lorenzen bewirtschaftet einen Futterbaubetrieb im Norden Schles­wig-Holsteins. Zur intensiven Milchpro­duktion gab es auf seinem Standort in der Vergangenheit kaum eine Alternative. Vor 25 Jahren definierte er seine Ziele im Rahmen einer Unternehmerschulung: 100 Kühe, 1 Mio. kg Milchquote, Zufriedenheit und mehr Zeit. Damals ein ehrgeiziges Ziel. Heute hält die Familie 180 Kühe, 120 Kühe werden mit Melkrobotern gemolken. Die Grundpfeiler der Unternehmensführung zeichnen ein klares Bild davon, wie ein landwirtschaftlicher Familienbetrieb erfolg­reich in die Zukunft geführt werden kann.

 Der Nordwesten Schleswig-Holsteins bietet landwirtschaftlichen Betrieben auf Futterbaustandorten aktuell oft drei Al­ternativen: Die intensive Milchviehhaltung, den Einstieg in die Produktion nachwachsender Rohstoffe (eigene Biogasanlage oder Beteiligung) oder den Aus­stieg. Familie Lorenzen aus Sollwitt hat sich für die Milchvieh­haltung entschieden - mit einem überzeugenden Konzept und ei­ner konsequenten Ausrichtung des Betriebes zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit.

 

Die Entwicklungsgeschichte des Unternehmens in den letzten 30 Jahren ist von der stetigen Verbesserung der Produktions­bedingungen geprägt, Milchviehhaltung mit hoher Ein­zeltierleistung ist hier das Ergebnis einer optimalen Tier­betreuung und einer guten Tiergesundheit (Siehe pdf zur Reportage).

 

?In einer wachsenden Herde kann ich mir eine weitere Lei­stungssteigerung im Familien­betrieb nur vorstellen, wenn wir uns zu 100 % auf die Herden­gesundheit kon­zentrieren kön­nen?, meint Thomas Loren­zen. ?Dieser Aufgabe ha­ben wir uns bei 70-80 Kühen in einem Melkstand mit gutem Zugang zum Tier gestellt (Auto-Tandem). Heute können wir diese Anfor­derung durch den Einsatz des Melk­roboters erfüllen und dadurch eine wesentlich größere Herde betreuen. Die Tierkon­trolle in der Herde erfolgt durch regelmäßige Stallrund­gänge. Früher war diese Arbeit an die feste Stallzeit im Melk­stand ge­bunden.?

Argumente für das automa­tische Melken

Thomas Lorenzen hat sich bereits seit dem Jahr 2000 bei Exkursionen nach Holland mit dem automatischen Melken be­schäftigt. Allerdings konnte er lange keine optimale Lösung für den Einsatz eines Melkroboters in seinem Altgebäude finden. Erst mit dem Neubau hat er sich für den Systemwechsel entschie­den. Er benennt klare Argumente für den Melkroboter-Einsatz in seinem Betrieb:

Die Arbeitsqualität des Roboters könnte die Familie bei einer Ar­beitszeit von über 4 Stunden je Melkzeit im Melkstand nicht ganz­jährig einhalten. Der Melk­roboter liefert außerdem umfang­reiche Informationen über die Herde und die Einzeltiere. Im Betrieb werden vor allem die Milchmenge, die Leitfähigkeits­werte, die Gewichtsentwicklung der Tiere und die Aktivitäts­messung im Rahmen des Her­denmangements genutzt.

Die Zwischenreinigung des Melk­geschirrs mit Heißdampf ist für Thomas Lorenzen bei der Wahl des Herstellers (Lely Astronaut A3) ein wichtiges Argument ge­wesen: ?Ich wusste, dass wir mit nur einem Geschirr bis zu 180 Melkungen am Tag machen werden und habe immer be­fürchtet, dass die Wahrschein­lichkeit der Übertragung von Erregern von Kuh zu Kuh erhöht sein würde. Mit dieser Technik können wir viele Übertragungen verhindern.?

Messbare Entlastung der Herde durch Neubau

Im alten Stall konnten beste Bedingungen für die Kühe durch die Aufstockung und Leistungs­steigerung der Herde nicht mehr gewährleitet werden. Zeitweise war das Gebäude, in dem etwa 80 Liegeboxen für melkende Kühe zur Verfügung standen, deutlich überbelegt. Bei der Gestaltung des neuen Stalles standen der Tierverkehr am Melkroboter und der Kuhkomfort im Mittelpunkt. Schließlich fiel die Entscheidung für eine 2-reihige Aufstallung. Thomas Lorenzen konnte die positive Entwicklung seiner Herde durch die Daten aus dem Stall-PC eindeutig verfolgen: ?Nach dem Einzug in den neuen Stall konnten wir anhand der Gewichtsentwicklung der Tiere verfolgen, dass die Situation sich nachhaltig ver­bessert hatte. Heute sind die Kühe im Durchschnitt 30-50 kg schwerer als zu Beginn, das Gewicht ist stabiler und die Kühe gleichmäßiger in der Körper­kondition. Wir können zwar noch nicht deutlich mehr Milch pro Kuh erzeugen, weil durch die Aufstockung noch keine starke Selektion der Herde möglich war, aber die Tiere produzieren mit wesentlich weniger Stressbe­lastung. Tierarzt- und Besa­mungsaufwand je Kuh sind deut­lich gesunken?.

Thomas und Florian Lorenzen sind heute vom freien Kuh­verkehr überzeugt und würden einen weiteren Stall deshalb aus Kostengründen auch als 3-Reiher bauen. Die Entwicklung der Herdenleistung zeigt, dass die Ziele, die mit dem Melkroboter erreicht werden sollten, durchaus realistisch sind. Im Jahr 2009 stieg die Leistung bereits auf 10.213 kg/Kuh (Jahresdurchschnitt). Durch einen hohen Anteil Färsen bei erneuter Aufstockung der Herde fiel die Leistung dann wieder auf ca. 9.700 kg ab.

 

Tab.: Entwicklung der Milchvieh-Herde (LKV-Bestandsleistungen):

Jahr

Kuhzahl

Milch [kg]

Fett [%]

Fett [kg]

Eiweiß [%]

Eiweiß [kg]

1980

65,2

5.932

3,62

215

3,44

204

1985

75,5

6.217

4,06

252

3,18

197

1990

67,2

6.681

4,18

279

3,34

223

1995

97,3

7.723

4,33

335

3,42

264

2000

99,5

9.104

4,22

384

3,38

307

2005

107,3

9.584

4,14

397

3,38

324

2010 vorl.

175,0

9.754

4,08

398

3,37

329

2015 gepl.

200,0

10.500

4,00

420

3,40

357

 

Auslastung der Melkboxen entscheidet über die Kosten

Thomas Lorenzen setzt auch zukünftig auf einen kombinierten Einsatz von Melkroboter und Melkstand, denn eine hohe Auslastung der Melkboxen ist entscheidend für die Kosten des Robotereinsatzes. Im vergange­nen Jahr wurden bereits ca. 744.000 kg Milch je Melkbox ermolken. Solche oder höhere Ergebnisse sind nur erreichbar, weil eine Sortierung der Herde erfolgen konnte. Schwermelken­de und leistungsschwächere Kühe mussten den Betrieb nicht verlassen. ?Die Betreuung von Problemkühen im Roboter kostet viel Zeit, in der wir Kühe mit hoher Leistung melken können?, meint Thomas Lorenzen. ?Daher melken wir Kühe nach der Kalbung im Melkstand an und stellen Sie nach 2-6 Tagen in den Roboterstall um. Sobald eine Kuh fit ist, erreichen wir am Roboter eine hohe Melkfrequenz und eine entsprechend hohe Einsatzleistung.

Futterkosten begrenzen!

Auch die Futterkosten können durch die gezielte Umstellung unproduktiver Tiere in die Melk­standgruppe begrenzt werden. Thomas Lorenzen beobachtet: ?Leistungsstarke Kühe haben zu Laktationsbeginn fast immer eine leicht negative Energiebilanz und bei einer hohen Persistenz in der Laktationskurve auch im zweiten Laktationsdrittel eine hohe Motivation, die Melkbox für eine entsprechende Kraftfuttergabe mehr als 2-mal täglich auf­zusuchen. Durch eine höhere Aufwertung der Ration am Trog reduzieren wir das Risiko von Stoffwechselstörungen zu Lak­tationsbeginn und sehen weniger Leistungseinbrüche. In der Folge steigt die Herdenleistung und der Tierverkehr verbessert sich.?

Fruchtbarkeit im Roboter-Betrieb

Für das Fruchtbarkeitsmanage­ment ist Florian Lorenzen (Nach­folger) zuständig, der als Eigen­bestandsbesamer alle Belegun­gen im Betrieb selbst durchführt. Alle 14 Tage kommt der Hoftierarzt zur Trächtigkeits­kontrolle auf den Betrieb. Bei diesem Termin werden auch alle Kühe zwischen dem 30.-44. Laktationstag zur Gebärmutter- und Eierstock-Kontrolle vorge­stellt. Kühe mit Problemen werden frühzeitig erkannt und behandelt. Aus den bereits diskutierten Gründen hält Florian Lorenzen eine geringe Zwischenkalbezeit auch bei hohen Leistungen für erstrebens­wert: ?Auch Kühe mit sehr hoher Leistung zeigen teilweise erstaunlich früh eine Stabili­sierung des Körpergewichts nach der Kalbung. Wir arbeiten daher mit einer freiwilligen War­tezeit von nur 45 Tagen, danach kann eine Besamung erfolgen, wenn die Kuh einen guten Eindruck macht. Folglich redu­zieren wir durch rechtzeitiges Besamen leistungsstarker Kühe die Probleme mit überkon­ditionierten Kühen in der Spät­laktation, die nicht mehr alleine zum Roboter kommen wollen.?

Florian Lorenzen setzt bei der Besamung seit einiger Zeit auch gesextes Sperma ein. ?Um die Melkboxen auch zukünftig über­durchschnittlich gut auslasten zu können, möchten wir an der Melkbarkeit und der Leistung weiter arbeiten. Kühe, die unseren Vorstellungen ent­sprechen, besame ich 1- oder 2-mal mit gesextem Sperma, so dass wir weibliche Nach­zuchttiere von diesen Kühen be­kommen. Abfallende Tiere wer­den mit Limousin-Bullen belegt, die Kälber gehen zur Mast in andere Betriebe.

Aktivitätsmessung auch im Jungviehstall

Ein weiterer Baustein im Fruchtbarkeitsmanagement ist der Einsatz der Aktivitäts­messung im Jungviehbereich. Die weibliche Nachzucht wird über die Software des Melk­roboters mitverwaltet. Bei der Verwirklichung eines geringen Erstkalbealters können auf diese Weise Tierlisten mit Jungtieren im Besamungsalter erstellt wer­den und anhand der Aktivität wird der einsetzende Zyklus früh­zeitig erkannt. Auch vielver­sprechende Nachzuchttiere wer­den zur Steigerung des Zucht­fortschrittes mit gesextem Sperma belegt.

Klauenpflege ist der beste Weg, Kühe ?nachzutreiben?

Die Arbeit mit der Herde im neuen Stall zeigt in aller Deutlichkeit die Bedeutung einer guten Klauengesundheit in der Milchviehhaltung auf. Thomas Lorenzen ist sich heute klar: ?Im Roboter-Betrieb ist die Klauen­gesundheit besser als im Melkstandbetrieb, weil ich heute doppelt von einer guten Klauen­gesundheit profitiere. Ich habe weniger Behandlungskosten, mehr Milch im Tank und weniger Arbeit für das Nachtreiben von Kühen. Früher haben wir ver­mutlich durch späteres Behan­deln von Kühen viel Potential in unserer Herde verschenkt, weil leichte Lahm­heiten unterbewer­tet wurden.? Heute kommt der Klauenpfleger 3-mal jährlich. An diesen Tagen wird die Herde systematisch durch den Roboter gemolken und gemolkene Tiere werden im Klauenstand kon­trolliert. Die Klauenpflege findet an der dem Melkroboter gegen­überliegenden Stallseite statt, um Unruhe in der Nähe des Melkroboters zu vermeiden.

Gruppenhaltung beim Einsatz mehrerer Melkroboter?

Seit dem Einbau der zweiten Melkbox gab es im Betrieb viele Diskussionen zur Aufteilung der Herde. Familie Lorenzen arbeitet mit je einer Gruppe von etwa 60 Kühen links und rechts vom Futtertisch. Viele Möglichkeiten aus dem Blickwinkel des Tier­verkehrs und der Fütterung waren denkbar. Aktuell wird die Herde nach der Rangordnung sortiert, um sowohl bei Färsen, als auch älteren Kühen eine angemessene Melkfrequenz zu erreichen. Kalbt eine Färse oder kleine Kuh, wird sie in die Tier­gruppe links des Futtertisches integriert. Ältere Kühe ab dem 2. Kalb werden auf der rechten Futtertischseite gemolken. Ein Gruppenwechsel während der Laktation wird vermieden.

Photovoltaik-Anlagen zur Risiko-Streuung

Die Investitionen in die seit 2007 aufgebauten Photovoltaik-Anla­gen waren für Familie Lorenzen eine Möglichkeit zur Diversi­fizierung und damit zur Risikoverteilung im Unterneh­men. Der entscheidende Vorteil ist, dass diese Investitionen nicht im Widerspruch zum arbeits­intensiven Betriebszweig Milch­viehhaltung standen. Dieser Aspekt ist Florian Lorenzen auch für die Zukunft wichtig. Er formuliert seine Ziele: ?Für mich steht in den nächsten Jahren meine finanzielle Unabhängigkeit und die Erweiterung der Ein­kommensmöglichkeiten im Be­trieb im Vordergrund, solange zwei Generationen vom Betrieb leben sollen. Auch wenn ich im landwirtschaftlichen Bereich die Milchviehhaltung unbedingt fort­führen möchte, bin ich der An­sicht, dass bei zukünftig stär­keren Umsatzschwankungen die Risikostreuung wieder weiter an Bedeutung gewinnen wird.?

Perspektiven in der Betriebs­entwicklung

Florian Lorenzen kann sich den Bau eines weiteren Kuhstalles mit Melkrobotern vorstellen, wenn die Milchquote ausge­laufen ist und seine Herde durch die diskutierten Maßnahmen eine gute Ausgangsposition für diesen nächsten Schritt ermög­licht. Eine Investition im Bereich Biogas kommt nur in Frage, wenn die politischen Rahmenbe­dingungen den Einsatz der eige­nen Gülle rentabel machen. Eine Biogas-Anlage, die nicht in direk­ter Flächenkonkurrenz zur Milch­viehhaltung steht, könnte den Betrieb abrunden und eine höhere Veredlungstiefe ermög­lichen.

In den nächsten Jahren steht aber die Konsolidierung des jetzt aufgebauten Betriebes im Mittel­punkt. Die vorhandenen Ge­bäudekapazitäten sollen mit ca. 200 Kühen bei einer Leistung von mind. 10.000 kg abge­lieferter Milch pro Kuh voll aus­gelastet werden.

Fläche und Arbeitskapazität sind derzeit der begrenzende Faktor für weitere Wachstumsschritte, daher wird die Bullenmast auslaufen. Außerdem macht der Blick nach Norden (Dänemark) deutlich, dass eine zu hohe Geschwindigkeit beim Wachstum auch gefährlich sein kann. Im Nachbarland Dänemark sind die Landpreise um 30-50 % gesun­ken und die Finanzierung vieler landwirtschaftlicher Unterneh­men ist bei einer dauerhaften Entwertung des Vermögens ge­fährdet. Familie Lorenzen möch­te die derzeitigen Wettbewerbs­vorteile als Familienbetrieb nicht verspielen. Den Ausstieg aus der Milchquotenregelung im Jahr 2015 wird die Familie mit einer optimierten Produktion und als Kostenführer durchschreiten.

Weiter so!

 

Der direkte Draht: Dipl.-Ing. agr. Jan H. Alberti, Agrar Beratung Nord e. V., Hauptstraße 45a, 24980 Schafflund, Tel.: 04639-782816, Mail: info(at)agrarberatungnord.de