
"6.000 Kilogramm Mich aus dem Grünland sind drin", meinte beispielsweise Professor Alois Heißenhuber.

Prof. Friedhelm Taube von der Christian-Albrechts-Universität beschäftigte sich mit der effizienten Ressourcennutzung von Futterbausystemen.

Die größte Herausforderung für die Tierernährung weltweit sieht Professor Karl-Heinz Südekum von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in der Entwicklung geeigneter Analyseverfahren.
Wiederkäuerernährung im Fokus -23. Hülsenberger Gespräche
Die Kuh als unverzichtbarer Lieferant tierischen Proteins, die Kuh als Nahrungskonkurrent und die Kuh als potentieller "Klimakiller" - das waren die Schwerpunkte der 23. Hülsenberger Gespräche, zu der die H. Wilhelm Schaumann Stiftung Experten der unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen nach Lübeck eingeladen hatte.
Die Fachtagung verdeutlichte, wie komplex das "System Wiederkäuer" arbeitet und dass es noch viele ungenutzte Ressourcen zu mobilisieren gilt. Dazu zählen beispielsweise ein verbessertes Verhältnis zwischen Erhaltungs- und Leistungsbedarf, höhere Leistungen mit weniger Tieren, mehr Effizienz bei der Futterpflanzenproduktion sowie die Steigerung der Futtermittelverdaulichkeit. Der disziplinübergreifenden Zusammenarbeit von Pflanzenzüchtern, Tierernährern und Tierzüchtern wird eine besondere Bedeutung beigemessen.
Viele Wege führen zur Emissionsreduzierung
Der Ressourcen- und Umweltschutz wird zukünftig eine wesentliche Rolle in der Produktion mit Nutztieren und damit auch in der Tierzüchtung einnehmen. Als bedeutende Möglichkeiten wurden die Effizienzsteigerung der Produktion am Tier selbst, die Erhöhung der Effizienz des gesamten Produktionssystems sowie die direkte Selektion in Richtung Emissionsreduktion genannt. Große Reserven werden in der Futterwirtschaft gesehen.
"6.000 Kilogramm Mich aus dem Grünland sind drin", meinte beispielsweise Professor Alois Heißenhuber von der Technischen Universität München und verwies gleichzeitig darauf, dass es zunehmend darum gehe, über differenzierte Landnutzungsverfahren Kompromisse zwischen Leistung, Intensität, Biodiversität und Klimabelastung zu schließen. Auf jeden Fall sei abzuwägen zwischen der Leistung des Wiederkäuers, auch aus weniger hochwertiger Biomasse wertvolle Lebensmittel zu erzeugen, und dem Umstand, dass mit dieser Leistung auch Emissionen an klimawirksamen Gasen verbunden sind. Den häufig zitierten Carbon Footprint bezeichnete er zum jetzigen Zeitpunkt eher als Marketinginstrument denn als wissenschaftlich fundierte Messgröße. "Wir brauchen aber dringend einen verlässlichen Summenindikator, um ein Produkt zu klassifizieren", so Heißenhuber, "sonst ist der Verbraucher mit der Informationsbewertung überfordert."
Verdaulichkeit des Grundfutters verbessern
Die größte Herausforderung für die Tierernährung weltweit, und das nicht nur mit Blick auf den Methanausstoß, sieht Professor Karl-Heinz Südekum von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in der Entwicklung geeigneter Analyseverfahren, die den Strukturwert und die Verdaulichkeit von Faserfraktionen berücksichtigten. Grünland stelle zwei Drittel der Futtergrundlage. Dies zeige die Bedeutung, Faserfraktionen dieser Futterquelle besser verdaulich zu machen. Zudem halte er eine differenziertere Bewertung der Essigsäure für notwendig. "Auch die Proteinbewertung der Silage bedarf dringend der Überarbeitung", mahnte er an. Forschungsbedarf sehe er zudem bei der Bestimmung von Stärke, vor allem für die wichtigen Koppelprodukte Pülpen, Rübenerzeugnisse oder Ölsaatenprodukte.
Futterbausysteme konkurrieren miteinander
Prof. Friedhelm Taube von der Christian-Albrechts-Universität beschäftigte sich mit der effizienten Ressourcennutzung über Futterbausysteme und zitierte Versuche, die auf dem Versuchsbetrieb Karkendamm in Schleswig-Holstein durchgeführt werden. Die effiziente Grobfuttererzeugung müsse eine Vielzahl, teils einschränkender Einzelaspekte berücksichtigen. Dazu zählten die Nutzung der Ressourcen Boden, Wasser, Nährstoffe und Energie sowie die Einhaltung von gesetzlichen Schutzzielen wie Wasser- und Klimaschutz oder Biodiversität. In Konkurrenz zueinander stünden Futterbausysteme auf Grünland, Maismonokulturen und Ackerfutterfruchtfolgen.
Abwägung zwischen Leistung und Fitness
Ein weiterer Vortrag beschäftigte sich mit Störungen im Energiestoffwechsel, die die Reproduktionsleistung bei Milchkühen negativ beeinflussen können. In den Milchviehbetrieben werden zunehmend Produktionskrankheiten registriert und die Remontierungsrate steigt. Der starke Strukturwandel führt zu immer größer werdenden Beständen, die eine Einzeltierbeobachtung erschweren. Die in der Zucht vorgenommene Überbetonung von Milchleistung zu Lasten von Fitnessparametern, zu denen auch die Stoffwechselgesundheit und Fertilität gehören, wurde als nicht akzeptabel bewertet.
Warum will man Kühe schon nach 70 bis 90 Tagen wieder tragend bekommen, wenn sie dazu noch gar nicht in der Lage sind? Auch dies wurde kritisch hinterfragt. Es wurde jedoch deutlich, dass die Praxis auf diese Problematik bereits auf der Basis von Erfahrungswerten und betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten reagiert hat. In gut geführten Betrieben akzeptiert man durchaus längere Zwischenkalbezeiten bis zu 100 Tagen. Zum einen, da die Kälber ohnehin nicht gebraucht werden, zum anderen, weil die Milchleistung der Kühe noch zu hoch zum Trockenstellen ist. Ein längeres Melken entspricht zudem der Physiologie der Tiere und hat somit positive Effekte auf die Kuhgesundheit.
Die Präsentationen und Kurzfassungen aller Vorträge sind im Internet unter www.schaumann-stiftung.de veröffentlicht.
Friederike Krick (agrar-press)