Bei den hochtragenden Färsen gab es nur extrem harte Betonhochboxen. Fotos: K. Mahlkow-Nerge

Viele Tiere gingen lahm

Mortellaro und Zwischenklauenwülste standen auf der Tagesordnung. Zudem gab es offene, z.T. auch dicke Sprunggelenke

Gerade das Vorhandensein vieler Zwischenklauenwülste ist häufig die Folge festsitzender Kotreste zwischen den Klauen.

Die Ställe waren stark verschmutzt.

Leistungsentwicklung der Milchkühe


Betriebsreportage, Rationen
04.05.2010

Überbelegungen mit Folgen

Obwohl Einigkeit unter allen Experten darüber besteht, dass wir grundsätzlich zu jeder Zeit jedem Tier eine Liegebox zur Verfügung stellen sollen, hat wohl nahezu jeder Landwirt schon einmal oder eventuell sogar mehrfach eine Überbelegung im Stall hingenommen. Dabei ist sicherlich zu unterscheiden, ob der Stall „nur“ mit 102 % oder aber mit mehr als 110 % überbelegt wird.

Häufig bringen Landwirte sogar als Argument für eine gewisse Überbelegung, dass die Milchkuhherde nicht negativ darauf reagiert, weil nur selten tatsächlich die gesamte Herde liegen will. Tiere sollten sich deshalb also abwechseln.

Tatsächlich müssen solche Erfahrungen genau hinterfragt werden, nämlich unter welchen Bedingungen (Licht-, Luft-, Platzverhältnisse, Klauengesundheit) eine wie große Überbelegung für welche Dauer herrschte.

Im hier vorgestellten Praxisbeispiel ist die Reaktion der Milchkuhherde auf eine Überbelegung nahezu dramatisch und auch lange anhaltend. Sie soll deshalb als warnendes Beispiel dafür stehen, dass Überbelegungen bei Milchkühen – gleich welchen Ausmaßes – ein absolutes „no go“ sind.

Die Kühe haben in Folge der Überbelegung innerhalb von acht Monaten (September 2008 bis Mai 2009) im gleitenden Herdendurchschnitt 700 kg Milch verloren.  Binnen weiterer zehn Monate, kamen noch einmal 600 kg Milch hinzu. Das entsprach einem Leistungsabfall von insgesamt 1.300 kg Milch innerhalb von 1,5 Jahren. Von diesem Leistungsrückgang waren alle Kühe der Herde gleichermaßen betroffen: alle Altersgruppen, alle Laktationsstadien.
Das zeigte sich auch an den mittlerweile um 4 kg geringeren Trockenstellleistungen: 

  • Jan.-Sept. 2008: durchschnittlich 17,7 kg
  • Aug.2009-März  2010: durchschnittlich 13,7 kg

Haltung der Herde: bis Herbst 2009

  • Altes Stallgebäude (20 Jahre alt)
  • sehr enge Laufgänge mit einem glatten Spaltenboden
  • die meisten Liegeboxen waren extrem hart (Betonhochboxen ohne Liegematte, lediglich mit etwas Strohhäcksel)à sehr schlechter Liegekomfort

Trotz diese suboptimalen Haltungsbedingungen (beengte Stallverhältnisse, wenig Platz, eingeschränkter Tierverkehr, harte Liegeboxen), die seit Jahren vorherrschten, erreichte die Herde bis zum Sommer 2008 mit 9.000 kg eine sehr hohe Leistung.

Ab Herbst 2008 aber setzte ein kontinuierlicher Leistungsrückgang ein.

Was hatte sich seitdem verändert?

Nichts, außer dass die Herde aufgestockt wurde und seitdem in diesem alten Stall mit 60 Liegeboxen nun 70 Kühe Platz finden mussten. Das entsprach einer 17%-igen Überbelegung, und das bei ohnehin schon beengten Platz- und schlechten Liegekomfortverhältnissen.

Harte Liegeboxen werden ungern von Tieren angenommen und führen immer zu Schmerzen, was letztlich die Liegezeit verringert und damit das Wohlbefinden verschlechtert. Die Tatsache, dass bei einer Überbelegung nicht jedes Tier jederzeit liegen kann, bedeutet wiederum eine nochmalig verringerte Liegezeit, besonders für die rangniederen Jungkühe. Letztlich führt das zu einer wesentlich größeren Belastung für Klauen und Gliedmaßen.

Das zeigte sich auch am Gang der Tiere. Viele gingen lahm, hatten Mortellaro und Zwischenklauenwülste und zudem offene, zum Teil auch dicke Sprunggelenke.

Stallbau 2009 - Einzug im Herbst 2009

  • sehr gute Luft-, Licht- und Platzverhältnisse
  • Der Spaltenboden war insgesamt sehr schmutzig, da der Kot in manchen Bereichen nur unzureichend, in anderen Bereichen fast gar nicht durchgetreten wurde, so dass die Klauen vieler Tiere sehr häufig in der Gülle standen, kaum abtrockneten und immer mit vielen Erregern in Berührung kamen.
  • Alle Liegeboxen waren als Hochboxen konzipiert und für die Milchkühe mit einer weichen Komfortliegematte und etwas Einstreu ausgestattet. Dort lagen auch viele Tiere. Bei den hochtragenden Färsen aber fanden sich nur extrem harte Betonhochboxen ohne eine Auflage und auch ohne Einstreu. Kaum ein Tier lag in diesem Bereich.

Warum steigt die Leistung nun wenigstens nach Einzug in den neuen Stall nicht an? 

Mit ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass die Konzentration während einer Bauphase auch immer auf diesen Neubau gelenkt wird und deshalb sehr häufig manche Maßnahme im Milchkuhbereich (z.B. regelmäßiges und v.a. zeitnahes Klauenschneiden) vernachlässigt wird. Zudem kann es mitunter bis zu einem Jahr dauern, bis sich die Tiere an einen neuen Stall komplett gewöhnt haben (incl. Klauen).

Da jedoch trotz der guten Licht-, Luft- und Platzverhältnisse, die durch den Neubau geschaffen wurden, der Spaltenboden und damit auch die Klauen insgesamt sehr schmutzig waren, fand auch hierdurch keine deutliche Verbesserung der Klauengesundheit statt. Hier müssen die Spalten sofort und regelmäßig abgeschoben werden.

Des weiteren müssen auch die Liegeboxen der hochtragenden Färsen unbedingt mit einer weichen Auflage versehen werden, damit sich die Tiere hinlegen können. Alles andere geht immer zulasten des Wohlbefindens und der Futteraufnahme der Tiere und damit letztlich auf Kosten der Gesundheit und Leistung.

Darüber hinaus muss gerade in einer für die Tiere solch angespannten Situation dringend eine professionelle Klauenpflege erfolgen. Gerade das Vorhandensein vieler Zwischenklauenwülste ist häufig die Folge festsitzender Kotreste zwischen den Klauen. Chronische Entzündungen, die in diesem Bereich extrem schmerzhaft sind, können nur durch eine fachgerechte Klauenpflege (unbedingt Hohlkehlung erstellen) einerseits und das Säubern der Spalten andererseits beseitigt werden.

Mortellaro als multifaktorielle Erkrankung ist immer auch die Folge mangelnder Stallhygiene und schlechten Kuhkomforts. Letzteres – schlechter Liegekomfort, beengte Stallverhältnisse - hatte die Milchkuhherde viele Jahre. Und sie hatte sich irgendwie damit sogar arrangiert. Dann kam aber die Überbelegung und damit eine zusätzliche Belastung, v.a. der Klauen hinzu. Darauf reagierte die Herde mit einem Leistungsabfall.

Dass dieser nun, seitdem der neue Stall bezogen ist, zwar abgebremst ist, aber sich nicht schlagartig ins Gegenteil verwandelt, ist ein Zeichen dafür, dass Kühe „ein langes Gedächtnis haben“ und solche dramatischen Widrigkeiten nicht einfach „wegstecken“. Das braucht jetzt Zeit, Geduld und vor allem konsequentes Managen. Und zu Letzterem gehört:

  • schnellstmöglich professionelle Klauenpflege (und dann regelmäßig 3x/Jahr; ist besonders wichtig, wenn man einen neuen Stall bezieht)
  • Spalten abschieben und somit vom Kot befreien (Klauen müssen abtrocknen können; das wird zusätzlich auch durch ein längeres Liegen gefördert; im alten Stall sind die Liegeboxen insgesamt, im neuen Stall die der hochtragenden Färsen sehr/zu hart und bedürfen einer weichen Auflage)
  • dann in regelmäßigen Abständen Klauen (beim Melken) säubern; es geht v.a. um die Entfernung des Schmutzes im Zwischenklauenbereich
  • Weidegang fördert das Abtrocknen der Klauen und ist bzgl. Klauengesundheit grundsätzlich sehr positiv zu bewerten.

Lesen Sie dazu auch:

Rationsberechnung für den Monat April mehr...
Rationsberechnung für den Monat März mehr...