30.05.2008

Paletten, Strohballen und Heukörbe erfreuen Mastputen

Ergebnisse des Modellvorhabens zur tiergerechten Mastputenhaltung liegen vor

Beschäftigungs- und Strukturelemente gliedern den Stall in Aktivitäts- und Ruhebereiche und werden von den Mastputen in vielfältiger Weise genutzt. Vor allem ermöglichen sie den Tieren ein arttypisches Ruheverhalten. Dies ist das Ergebnis eines zwei Jahre laufenden Modellvorhabens des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Auf drei Praxisbetrieben wurde der Einfluss verschiedener Struktur- und Beschäftigungsmöglichkeiten, z.B. erhöhte Ebenen und Heukörbe, auf Leistung, Verhalten und Gesundheit von Mastputen unter konventionellen wie auch ökologischen Haltungsbedingungen untersucht. Die Elemente werden zwar in einigen Fällen gut von den Tieren angenommen, dennoch waren die Ergebnisse nicht so eindeutig, dass wir unserem Auftraggeber, dem BMELV, gesetzliche Maßnahmen vorschlagen würden", resümierte der Hauptgeschäftsführer, Dr. de Baey-Ernsten.

Maßnahmen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen wurden erprobt
Da Mastputen derzeit überwiegend in strukturlosen und reizarmen Ställen gehalten werden, können die Tiere nur eingeschränkt arteigene Verhaltensweisen, z.B. Aufbaumen und Ausweichen vor Artgenossen, ausüben. Diese reizarme Haltung bietet weder Raumaufteilungen mit Rückzugsmöglichkeiten noch Beschäftigungsmaterial oder Klimareize für die Tiere.
Aus wissenschaftlicher Sicht wird vermutet, dass diese Bedingungen zusammen mit der genetischen Ausstattung der derzeit eingesetzten Zuchtlinien nicht nur für das vermehrte Auftreten von verschiedenen Erkrankungen am Bewegungsapparat, der Brusthaut und dem Herz-Kreislauf-System mitverantwortlich sein können, sondern auch Verhaltensstörungen wie Federpicken und Kannibalismus zur Folge haben können. Mit dem Modellvorhaben sollte daher erprobt werden, welche Maßnahmen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen beitragen können.

Praxistauglichkeit am wichtigsten
Im Rahmen des Modellvorhabens sollten Beschäftigungs- und Strukturelemente praxisnah und unter kontrollierten Bedingungen untersucht werden, wobei Landwirte und Tierbetreuer direkt miteinbezogen wurden. In zwei konventionellen Betrieben mit 11000 bzw. 12000 Mastputenhennen und -hähnen und auf einem ökologisch wirtschaftenden Betrieb mit 2000 Putenhennen wurden das Tierverhalten und Aspekte der Gesundheit und Hygiene untersucht. Die Tiere wurden während der Mast und im Schlachtbetrieb gezielt beurteilt. Die Wissenschaftler untersuchten die Praktikabilität der benutzten Anreicherungselemente sowie die Wirkungen auf den Arbeitszeitbedarf und die Tierleistung.
Als Strukturelemente dienten in den Versuchsställen Strohballen in Quader- und Rundballenform, erhöhte Ebenen in Form von Holzplatten mit Rampe, gestapelte Europaletten und bereits im ökologisch wirtschaftenden Betrieb eingesetzte A-Reuter. Zur Beschäftigung standen den Tieren neben den Strohballen heugefüllte Drahtkörbe zur Verfügung. Ein jeweils zum Vergleich herangezogener Kontrollstall blieb strukturlos.

Die Tiere nehmen Angebot wahr
Grundsätzlich wurden alle vier angebotenen Strukturelemente von den Puten genutzt. Eine Beschäftigung mit Objekten erfolgte sowohl am Heukorb als auch an Strohballen. Da weder in den Versuchsställen noch in den Kontrollställen maßgeblich Federpicken oder Kannibalismus auftrat, konnte der Einfluss der Struktur- und Beschäftigungselemente auf diese Verhaltensweisen nicht eindeutig festgestellt werden.
Insgesamt wurden die geprüften Elemente in unterschiedlicher Intensität angenommen und benutzt. Nachteile für die Tiergesundheit konnten nicht beobachtet werden, allerdings sind auch die Vorteile für das Verhalten und Wohlbefinden der Tiere nur schwer einzuschätzen und bedürfen weiterer Erhebungen.

Strohquaderballen sind besonders vorteilhaft
Strohquaderballen guter Qualität sind besonders vorteilhaft. Im Vergleich zu den anderen Elementen bieten sie einen multifunktionalen Nutzen. Sie strukturieren den Raum, bieten erhöhte Ebenen zum Ruhen und können von den Tieren zur Beschäftigung genutzt werden. Die Strohquaderballen halten in aller Regel den gesamten Mastdurchgang. Die Ballen mit Bindfäden aus Plastik hatten keine negativen Folgen für die Gesundheit der Tiere, da die gelockerten Fäden rechtzeitig entfernt und somit Verletzungen bei den Tieren vermieden wurden. Die Strohballen blieben fest. Die Anschaffungskosten und der zusätzliche Arbeitszeitbedarf sind hier von allen untersuchten Elementen am geringsten, wenn kein Zukauf notwendig ist.
Die erhöhten Ebenen mit Rampe nutzten die Tiere am intensivsten zum Ruhen. Zudem bot ihnen der Raum unter den Ebenen zusätzlich Rückzugsmöglichkeiten. Aufgrund der hohen Anschaffungskosten und dem hohen Arbeitsaufwand, insbesondere für Reinigung und Desinfektion, sind die erhöhten Ebenen mit Rampe jedoch weniger für die Praxis zu empfehlen.
Palettenstapel sind auf Grund der vergleichsweise geringen Nutzung, bei gleichzeitigen hohem arbeitswirtschaftlichen Aufwand, ebenfalls nicht als Strukturelement zu empfehlen. Zudem bergen sie ein Verletzungsrisiko, da die Tiere mit ihren Gliedmaßen in die Spalten zwischen den Brettern geraten können. Die im ökologisch wirtschaftenden Betrieb eingesetzten A-Reuter lassen sich im Eigenbau vergleichsweise kostengünstig herstellen. Sie wurden von den ökologisch gehaltenen Putenhennen jedoch nur unbefriedigend genutzt.

Gesundheitlich unbedenklich

Die angebotenen Stalleinrichtungen hatten keine erkennbaren gesundheitlichen Auswirkungen. Mortalität, Gewichtsentwicklung und verschiedene Knochenparameter am Tibiotarsus, wie Knochenfestigkeit und -verdrehung, wurden nicht beeinflusst. Brusthautveränderungen traten in den Versuchs- und Kontrollställen gleichermaßen auf. Ebenso hängt das Vorkommen von Fußballenentzündungen offenbar nicht mit der Stallstrukturierung zusammen. Das häufige Auftreten kann vielmehr durch mangelnde Einstreuqualität und Einstreupflege bedingt sein.
Die Keimbelastung der Oberflächen bzw. der Einstreu der Strukturelemente ist mit dem Keimbesatz der Bodeneinstreu vergleichbar. Die A-Reuter lieferten die niedrigsten Keimzahlen, da sie wenig mit Kot verschmutzt waren. Die obere Sitzstange, auf der sich die Tiere vornehmlich zum Ruhen aufhielten, war in der Regel frei von Kot.

Heukörbe konnten nicht voll überzeugen
Die Heukorbnutzung war stark vom jeweiligen Mastdurchgang abhängig und nahm mit zunehmendem Alter ab. Der Grund für die unterschiedlich intensive Nutzung blieb unklar. Hier gilt zu prüfen, ob das preiswertere Stroh eine Alternative zum Heu darstellen kann. In jedem Fall stellen die Strohballen aber eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zu Heukörben dar. Vorversuche mit ballgefüllten Körben zeigen, dass die Animation zur Beschäftigung nicht zufriedenstellend und nicht nachhaltig ist.

Finanzierung und wissenschaftliche Betreuung
Das mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) finanzierte Modellvorhaben wurde vom Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL) organisiert und durchgeführt. Inhaltlich und methodisch war die KTBL-Arbeitsgruppe "Tiergerechte Mastputenhaltung mit Beschäftigungs- und Strukturelementen" verantwortlich. Die Betreuung der Betriebe vor Ort oblag wissenschaftlichen Einrichtungen: Unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Werner Bessei hat das Institut für Tierhaltung und Tierzüchtung der Universität Hohenheim die Untersuchungen im konventionellen Bereich durchgeführt. Der ökologische Praxisbetrieb wurden von Herrn Prof. Dr. Jörg Hartung und dem Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover betreut.

Quelle: Pressemitteilung KTBL