
"Ein Witterungsschutz muss den Tieren auf der Weide bereit gestellt werden."

"Ziegen sind Kletterkünstler, zur artgerechten Haltung sollte ihnen eine Möglichkeit dazu angeboten werden"

"Die Lämmer werden ca. 4 Monate an der Mutter aufgezogen"
- Externe Links:
- Hoffrisch
- Ziegenhaltung an der Fachhochschule Nürtingen
Mit Ziegen in der Landschaftspflege arbeiten!
"Die Ziege ist eine Heckenschere, das Schaf ein Rasenmäher" Interview mit Roland Sauter zum Forschungsprojekt "Ziegen in der Landschaftspflege" der Fachhochschule Nürtingen.
Das Projekt wurde 1992 unter Leitung von Herr Prof. Dr. von Korn und Herrn Sauter mit 20 Ziegen der Rassen Burenziegen und Edelziegen auf dem Versuchsbetrieb Jungborn der Fachhochschule Nürtingen begonnen.
Mittlerweile ist der Bestand bis zum Jahr 2002 auf 70 Mutterziegen der Rasse Burenziege angestiegen.
Veredlungsproduktion:
Warum sind gerade die Ziegen zum Einsatz in der Landschaftspflege so interessant?
Herr Sauter:
In den letzten 20 Jahren fiel immer mehr Fläche aus der landwirtschaftlichen Produktion heraus. Gleichzeitig ist die Wanderschäferei, mit der bisher Landschaftspflege betrieben wurde, rückläufig. Werden die Flächen nicht mehr genutzt, dann kommt es zu einer starken Verbuschung. Ein Beispiel sind die Wachholderheiden auf der Schwäbischen Alb.
Der Einsatz der Ziegen ist besonders interessant, da die Ziege ein Mischfresser ist, d.h. sie frisst sowohl Gräser als auch Laub- und Strauchwerk.
Eine zusätzliche Maschinenpflege wird überflüssig, da die Ziegen die jungen Triebe der Büsche und Sträucher ständig abfressen.
Veredlungsproduktion:
Sie setzen Burenziegen in der Landschaftspflege ein, was zeichnet gerade diese Rasse für den Einsatz aus?
Herr Sauter:
Die Burenziege ist eine großrahmige Fleischrasse aus dem südafrikanischen Raum, sie ist weltweit die einzigste konsequent auf Fleischleistung gezüchtete Ziegenrasse.
Im Rahmen der extensiven Weidehaltung leistet die Rasse wertvolle Dienste in der Landschaftspflege und liefert gleichzeitig hochwertiges Ziegenkitzfleisch (gebräuchlich ist auch Begriff Ziegenlammfleisch).
Auf dem Versuchsbetrieb lammen - wie meist auch in Praxis- die Ziegen einmal jährlich ab. Zwar können mit der weitestgehend asaisonalen Burenziege auch 3 Ablammungen in zwei Jahren erzielt werden, jedoch wird dabei die Kondition der Mutterziegen recht stark beansprucht. Außerdem verschieben sich dann die Leistungsphasen auf immer andere Jahreszeiten, so dass eine Anpassung der Fütterungs- und Haltungsansprüche an die Landschaftspflegebedingungen nur schwierig zu realisieren ist. Dabei ist zu bedenken, dass hochtragende und lämmerführende Mutterziege für den Landschaftspflegeeinsatz ungeeignet sind.
Veredlungsproduktion:
Wann sind ihre Ziegen im Landschaftspflegeeinsatz und worauf muss bei der Haltung der Ziegen auf den Weiden geachtet werden?
Herr Sauter:
Sie sind von Mitte Mai bis Anfang November im Landschaftspflegeeinsatz.
In diesem Jahr wurde mit einer Gruppe von 20 niedertragenden Ziegen eine mehr oder weniger stark verbuschte Fläche von ca. 4 ha beweidet, 2 ha davon wurden 2 x beweidet. Der Verbiss- bzw. Pflegeeffekt ist umso größer, je häufiger die Ziegen innerhalb eines Jahres und in den aufeinanderfolgenden Jahren die Flächen beweiden und je höher der Weidebesatz ist. Natürlich hängt die Pflegewirkung auch wesentlich von der Vegetation ab. Während Laubbäume, Nadelgehölze sowie Dornengewächse im allgemeinen gut durch die Ziege zurückgedrängt werden können, zeigt sich vor allem die Schlehe als äußerst widerstands- und regenerationsfähig. Folglich wird hier eine mehrmalige Beweidung empfohlen.
Aufgrund der stärkeren Witterungsempfindlichkeit der Ziege, besonders gegenüber anhaltendem Niederschlag, sollte in jedem Fall ein Witterungsschutz auf den Pflegeweiden geboten werden.
Veredlungsproduktion:
Ihre Ziegen sind von Mai bis November im Einsatz, wo werden die Ziegen im Winter gehalten?
Herr Sauter:
Für die Ziegen steht über den Winter ein Stall zur Verfügung, dort lammen sie auch ab.
Beim Stallbau wurde auf ein tiergerechtes Haltungssystem großen Wert gelegt.
Der Stall entspricht einem Außenklimastall mit Tiefstreu. Die Ziegen haben ständigen Zugang zu einem befestigten Auslauf. Klettermöglichkeiten und ein großes Platzangebot komplettieren den Stall.
Veredlungsproduktion:
Wie sieht die Fütterung der Ziegen im Winter aus?
Herr Sauter:
Die Ziegen erhalten im Winter Heu zur freien Aufnahme. Das Kraftfutter erhalten die hochtragenden Ziegen ab dem 4 - 5 Trächtigkeitsmonat, die Ration sollte auf zwei Liter Milch ausgerichtet werden.
Die laktierenden Ziegen erhalten in den ersten vier Wochen die gleiche Futtermenge wie die hochtragenden Ziegen, danach wird die Futtermenge reduziert.
Das Kraftfutter wird gequetscht zweimal täglich von Hand vorgelegt.
Die Lämmer sollten möglichst frühzeitig mit der Futteraufnahme beginnen. Ab der vierten Lebenswoche werden größere Mengen Futter aufgenommen, sodass die Lämmer von der Muttermilch immer unabhängiger werden.
Fütterungsantibiotika und Leistungsförderer sind grundsätzlich ausgeschlossen
Veredlungsproduktion:
Wie läuft die Vermarktung des Ziegenfleisches?
Herr Sauter:
Für Ziegenfleisch gibt es derzeit noch keine Vermarktungswege über den Handel, deshalb werden Fleisch und Wurstwaren direkt ab Hof vermarktet.
Die Lämmer werden ca. 4 Monate an der Mutter aufgezogen. Mit einem Lebendgewicht von 25 - 30 kg werden sie geschlachtet (die Ausschlachtungsrate liegt bei etwas mehr als 50%). Die Lämmer werden in einer Metzgerei geschlachtet und ab Hof verkauft. Die Nachfrage nach Ziegenlammfleisch ist deutlich steigend. Die Hauptvermarktungszeit liegt um Ostern und Pfingsten und ggf. auch um Weihnachten.
Landwirtschaftliche Direktvermarkter aus dem Großraum Esslingen haben sich zusammengeschlossen und ein Infoportal unter dem Namen "www.Hoffrisch.de" entwickelt. Der Versuchsbetrieb Jungborn hat sich dieser Vermarktungsinitiative angeschlossen.
Durch das gemeinsame Internet-Portal werden die Kunden auf die Betriebe der Region geführt und über Angebot, Qualität und fachliche Aspekte sowie Dienstleistungen informiert.
Veredlungsproduktion:
Vielen Dank für das Gespräch!