Milchfieber zählt heute zur bedeutendsten Stoffwechselerkrankung in Milchkuhherden. Fotos: (Mahlkow-Nerge)

Mit Rapsschrot (oben) in der Ration lässt sich eine Milchfiebergefahr besser reduzieren als mit Sojaschrot (unten). Fotos: (Mahlkow-Nerge)


Fachartikel
03.12.2010

Milchfiebervorbeugende Fütterung – mit Raps besser als mit Soja möglich

Die Milchfiebererkrankung ist seit mehr als 200 Jahren bekannt und derzeit die wohl am häufigsten (in manchen Betrieben bis 50 Prozent !) anzutreffende Stoffwechsel­erkrankung in Milch­kuhherden. Dabei ist der Behandlungs­aufwand im Gegensatz zu den Kosten durch mögliche Folgeerkrankungen (z. B. Nach­geburts­verhalten und Gebärmutter­entzündung), eine oft verminderte Milchleistung sowie eine meist verschlechterte Fruchtbarkeit (verlängerte Güst­zeit, höherer Besamungs­aufwand) letztlich noch das geringste Übel.

Milchfiebervorbeugende Fütterung – mit Raps besser als mit Soja möglich Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein  Die Milchfieberhäufigkeit nimmt mit steigender Milchleistung (größerer Calcium Bedarf/-Verlust) und mit dem Alter (aufgrund der reduzierten Anzahl an Hormonrezeptoren auf den Zielzellen benötigen die Mobilisationsprozesse bei älteren Kühen mehr Zeit) der Tiere zu. Die Erkrankung beruht auf einer Störung des Calcium-, Phosphor-, Vitamin D- und Skelettstoff­wechsels, die eine unzureichende Calcium-Verfügbarkeit bewirkt.

Eine Kuh besitzt nur eine kleine frei im Blut verfügbare Calcium-Menge. Diese reicht in der Regel nur für die ersten ein bis zwei Liter Kolostrum. Um also auch für die nachfolgende Milchmenge, die bekanntlich nach der Kalbung schnell ansteigt, genügend Calcium bereit­zustellen, muss die Kuh vor allem ihre eigenen Calcium-Reserven aus den Knochen angreifen – schließlich verfügt sie hier über 7 bis 9 kg Calcium.

Weiterhin muss die Kuh nach der Abkalbung versuchen, die Bildung Calcium-transportierender Proteine im Magendarmtrakt zu stimulieren, um letztlich die Calcium-Resorption zu erhöhen (die Verdaulichkeit des mit dem Futter aufgenom­menen Calciums wird dadurch erhöht). Dieses Training braucht aber Zeit! Ohne Training gibt es einen Engpass - im härtesten Fall für die Kuh ein Festliegen. Und das effektivste und praktikabelste Training heißt: Kaliumgehalt in der Futterration runter, und das möglichst während der gesamten Trocken­stehzeit, besonders aber in der Ration für die Tiere der letzten zwei bis drei Wochen vor der Kalbung.

Allgemein gelten Kaliumgehalte von mehr als 15 g/kg Trockenmasse in der Gesamt­ration als milchfiebergefährdend. Warum das so ist, liegt an der hohen Alkalität, die dieses Kation in dem Tier auslöst. Milchfieber zählt heute zur bedeutendsten Stoffwechselerkrankung in Milchkuhherden. Fotos: (Mahlkow-Nerge)   Wie kann man gegensteuern? Jedes Futtermittel enthält verschiedene Salze, die den Säure-Basen-Haushalt der Tiere beein­flussen. Als Orientierung für den zu erwartenden Effekt dient die Kationen-Anionen-Bilanz (DCAB: diatary anion cation balance). Dabei werden nur die für den Säure-Basen-Haushalt relevanten starken Kat- und Anionen (Kalium und Natrium als Kationen und Chlor und Schwefel als Anionen) berücksichtigt. Allgemein gilt, dass mit größer werdender DCAB, also starkem Kationen­überschuss in einer Ration eine metabolische Alkalose im Tier gefördert und damit die Milchfiebergefahr vergrößert wird. Oder einfach ausgedrückt: Je alkalischer der Stoffwechsel der Kuh vor der Kalbung ist, desto größer ist die Milchfiebergefahr.

Also müssen wir versuchen, Rationen mit einem möglichst nicht sehr großen Kationenüberschuss zusammenzustellen. Das heißt nichts anderes, als dass der Menge an Kationen eine möglichst große Fracht an anionisch und damit im Blut des Tieres azidotisch wirkenden Elementen entgegensteht. Was hat das mit Raps zu tun? Rapsprodukte, allen voran Rapsextraktionsschrot, sind vor allem schwefelreich und weisen demnach einen Anionenüberschuss auf, anders Sojaschrot. 

Würde in einer z.B. maisbetonten Ration mit 6 kg TM Maissilage 3,5 kg TM Grassilage 100 g Stroh 0,5 kg Roggen 0,5 kg melass.Trockenschnitzel 100 g Trockenstehermineral für Transitkühe nur die Menge von 2 kg des Eiweißkonzentrats Sojaextraktionsschrot durch Rapsschrot ersetzt werden, verringert sich der Kationenüberhang um 53 meq/kg TM. Zwar ist damit die DCAB der Ration immer noch im positiven Bereich, aber mit dieser Reduktion sollte bereits auch eine Verringerung der Milchfieber­gefahr einhergehen. Grundsätzlich muss natürlich berücksichtigt werden, dass die Rationsberechnungen zwar auf Analysenwerten (zumindest der Grobfutter) beruhen, mit denen sich eine potentielle Milchfiebergefahr ableiten lässt, aber letztlich nur die Kühe selbst die „Antwort“ auf die Frage nach ihrer tatsächlichen Milchfiebergefahr geben können.

Zur Abklärung dieser Problematik eignen sich Harnuntersuchungen (NSBA, Ca, Cl, K, Na, P) sehr gut. Darüber hinaus kann eine Gefahr davon ausgehen, wenn eine für Transitkühe (14-21) eigens erstellte Ration ebenfalls an Kühe nach der Kalbung gefüttert wird. Häufig sind solche „Transit-Rationen“ für Kühe nach der Kalbung zu energie- und nährstoffarm und verhindern damit eine möglichst schnell ansteigende Futter­aufnahme in der Frühlaktation. Des weiteren ist der Calcium-Gehalt solcher „Transit-Rationen“ für laktierende Kühe in der Regel nicht bedarfs­deckend. Umgekehrt besteht ebenfalls oft eine große Gefahr: Viele Rationen für laktierende Tiere bergen allein schon wegen des hohen Ca-Gehaltes für Transitkühe häufig ein Milchfieber­risiko in sich.

Das gilt besonders für grasreiche Rationen, die zudem aufgrund des meist sehr hohen Kaliumgehaltes bei Transitkühen zu einem alkalotischen Zustand führen und damit eine Milch­fiebergefahr bedeuten.  Mit Rapsschrot (oben) in der Ration lässt sich eine Milchfiebergefahr besser reduzieren als mit Sojaschrot (rechts). Fotos (Mahlkow-Nerge)   Letztlich heißt das – zumindest in Betrieben mit vermehrtem Milchfiebervorkommen - , dass Tiere vor der Kalbung getrennt von Tieren nach der Kalbung gefüttert werden müssen.

Das wiederum bedeutet: keine gemeinsame Haltung/Fütterung in derselben Abkalbebox. Das Wichtigste in Kürze Dass sich Rapsextraktionsschrot sehr gut in Milchkuhrationen einbauen lässt, ist durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bei Milchkühen in allen Leistungsbereichen hinreichend belegt. Darüber hinaus geht aber von Rapsschrot auch noch in gewisser Weise ein „Stück“ Milch­fieber­prophylaxe aus, weshalb sich dieses Eiweiß­futtermittel hervorragend auch zur Rations­gestaltung für Transitkühe eignet.  

Dr. Katrin Mahlkow-Nerge, Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Telefon: 04381●9009-49 Email: kmahlkow(at)lksh.de