Tabelle 1: Zusammensetzung der Rationen in den Versuchen und ausgewählte Gehaltswerte der TMR

Tabelle 2: Ergebnisse aus den Fütterungsversuchen


20.11.2009

Kraftfutteranteil in Rationen für Hochleistungskühe reduzieren?

Viel zu niedrige Milchpreise belasten schon seit Monaten die Milchviehhalter. Landwirte suchen nach Möglichkeiten, die Kosten weiter zu senken und die Liquidität der Betriebe zu sichern.

Oft wird dabei in der Reduzierung des Kraftfuttereinsatzes ein kurzfristig zu erschließendes Einsparungspotenzial gesehen. Dies ist sicher auch vorhanden und unbedingt zu nutzen, wenn leistungsschwächere Kühe überversorgt oder Tiere mit hoher Milchleistung nicht mehr wiederkäuergerecht gefüttert werden. In beiden Fällen wirken sich geringere Kraftfuttergaben ernährungsphysiologisch und kostenseitig positiv aus. Nicht so eindeutig ist die Situation bei der Absenkung des Kraftfutteranteils in energiereichen, aber ausreichend strukturwirksamen Rationen für Hochleistungskühe. Ein dann eintretender Milchleistungsverlust ist wahrscheinlich. Für die Beurteilung der veränderten Fütterungsstrategie wäre dieser Produktionsrückgang aber zu quantifizieren und im Verhältnis zu den realisierten Futterkosteneinsparungen
zu bewerten. Ebenso ist es wichtig, abschätzen zu können, ob eine geplante Absenkung des Versorgungsniveaus zur Beeinträchtigung der Tiergesundheit oder der Fruchtbarkeit führen.

Versuche mit reduziertem Kraftfutteranteil
Am Zentrum für Tierhaltung und Technik in Iden (Sachsen-Anhalt) wurde diesen Fragen in zwei Einzeltierfütterungsversuche mit Hochleistungskühen nachgegangen. Im Versuch 1 erhielten 35 Mehrkalbskühe vom Tag der Kalbung
bis zum 200. Laktationstag eine kraftfutterreichere Standardration (Tabelle 1). Die gleiche Anzahl an Tieren wurde mit einer TMR versorgt, in deren Trockenmasse der Anteil an Getreide und Sojaextraktionsschrot um insgesamt zehn Prozent geringer war. Beide Rationen enthielten pansenstabiles Fett und
Glycerin. Der Versuch 2 mit 60 anderen Kühen erstreckte sich von der Kalbung bis zum 100. Laktationstag. Die Rationszusammensetzungen ähnelten grundsätzlich denen im ersten Versuch, allerdings jeweils ohne den Zusatz
von Glycerin und Futterfett. Auch für die Berechnung der Rationen mit mehr Kraftfutter war in beiden Versuchen die Sicherung ausreichender Strukturwirksamkeit des Futters das wichtigste Ziel.

Folgen für Leistung und Gesundheit
Mit der Kraftfutterreduzierung kam es zu Futterkosteneinsparungen von etwa einen Cent je kg Trockenmasse der TMR. Dabei sind Preise von 11 € je dt für Futtergetreide sowie von 35 € für Sojaextraktionsschrot in die Berechnung eingesetzt. Die angenommenen Produktionskosten für Mais- und Grasbzw.
Luzernesilage liegen bei sehr günstigen 3,50 € und 4,50 € je dt. Da die Kühe von dem Futter mit geringerem Konzentratanteil auch weniger fraßen, wurden am Ende 30 bis 40 Cent je Tier und Tag eingespart. Für die Versorgungslage der leistungsstarken Kühe sind die geringeren Futteraufnahmen (Tabelle 2) als Nachteil zu bewerten. Gegenüber der Standardgruppe wurden deutlich reduzierte Energie- und nXP-Aufnahmen registriert, die im Versuch 1 einer Milcherzeugung von 4,5 kg Milch pro Tag entsprachen.
Tatsächlich ging die Milchleistung dann aber „nur“ um 2,5 kg zurück. Dass bedeutet, dass die negative Energiebilanz für diese Tiere stärker ausgeprägt war und sie folglich mehr „aus der Substanz melken“ mussten. Damit erhöhte sich das Risiko des Auftretens von Stoffwechselstörungen. Das bestätigen die
gemessenen Ketonkörpergehalte im Blut der Kühe. In der 2. und 5.  Laktationswoche lagen die Mittelwerte für diese Fütterungsgruppen
deutlich über 1.000 mol -Hydroxybutyrat (BHOB) je Liter Blut. Das Überschreiten dieser Grenze deutet auf Ketoseerkrankungen hin.
In der Gruppe mit kraftfutterintensiverer Versorgung waren diese Werte in geringerem Umfang und nicht so lange im Laktationsverlauf erhöht.
Im Versuch 2 ergaben sich aus der Fütterung mit reduziertem Kraftfutter- bzw. Energiegehalt in der TMR andere Reaktionen der Kühe. Aus den wiederum geringeren Futteraufnahmen errechnete sich ein wahrscheinlicher Rückgang der täglichen Milchleistung von 3,5 kg. Tatsächlich fehlten dann sogar 5 kg je Kuh und Tag. Daraus resultiert sogar eine günstigere rechnerische Energiebilanz
für diese Kühe. Nicht unbedingt zu erwarten waren deshalb die trotzdem schlechteren Stoffwechselwerte. Allerdings waren die Differenzen im Ketonkörpergehalt des Blutes zwischen den Gruppen in diesem Versuch
auch weniger stark ausgeprägt als in der ersten Untersuchung.

Wiederkäuergerechte Versorgung
Als ausreichend kann die Faserversorgung der Varianten in beiden Versuchen eingeordnet werden. Auch die Kühe der Kraftfuttervarianten fraßen schon während der ersten beiden Laktationsmonate im Mittel mehr als 2,5 kg strukturwirksame Rohfaser am Tag. Damit überschritten sie den angestrebten
Zielwert. Geringere Rohfasergehalte der grobfutterärmeren Standardrationen
konnten durch die höheren Futteraufnahmen weitestgehend kompensiert werden.
Auf eine wiederkäuergerechte Versorgung in allen Gruppen ließen auch die Ergebnisse regelmäßig vorgenommener Auszählungen der Wiederkautätigkeit der Tiere, die Beurteilungen von Kotkonsistenzen sowie die Untersuchungen relevanter Stoffwechselparameter schließen.
Ganz entscheidend für die Bewertung der geprüften Fütterungsstrategien ist natürlich das kalkulierte ökonomische Ergebnis.
Den schon benannten Futterkosteneinsparungen standen Milchgeldverluste durch Leistungsminderung und geringere Eiweißgehalte gegenüber. Auch bei dem unterstellten niedrigen Milchpreis von 22 Cent (Eiweißkorrektur 4,5 Cent) lagen diese bei 60 Cent je Kuh und Tag im Versuch 1 und sogar bei 1,10 € im Versuch 2. In der Gesamtbilanz von Einsparungen und Verlusten standen in den beiden Versuchen Einbußen von 20 bzw. 70 Cent je Kuh und Tag. Dabei handelt es sich ausschließlich um den Abgleich von Futterkosten und Milchgeld.
Nicht berücksichtigt wurde, dass die beschriebenen höheren Stoffwechselbelastungen nach knapperer Energieversorgung auf eine schlechtere Tiergesundheit hinweisen, die sich zusätzlich nachteilig auf die
Wirtschaftlichkeit auswirkt. Gleiches gilt für die ungünstigeren Fruchtbarkeitsergebnisse der Kühe, die weniger Kraftfutter erhielten. Von denen wurden 86 % (Versuch 1) bzw. 87 % (Versuch 2) tragend, in den Vergleichsvarianten waren es 97 bzw. 100 %.

Fazit
Die dargestellten Ergebnisse zeigen, dass es unter den Rahmenbedingungen
des Versuchs nicht sinnvoll war, den Kraftfutteranteil der Rationen deutlich zu senken, um so Kosten zu sparen. Die Leistung, die Stoffwechselgesundheit
und die Fruchtbarkeit der Tiere wurden negativ beeinflusst.
Die daraus resultierenden wirtschaftlichen Einbußen waren größer als die
realisierten Futterkosteneinsparungen.
Solange es die Liquidität der Betriebe zulässt, muss soviel Kraftfutter
eingesetzt werden, wie es der Bedarf der Tiere erfordert.
Einen Ausweg aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Milcherzeuger
kann es nur mit angemessenen Milchpreisen geben. Beste Grobfutterqualitäten
sind natürlich immer die Voraussetzung für die bedarfsgerechte Versorgung von Hochleistungskühen sowie für die Optimierung von Kraftfuttereinsatz und Futterkosten.
Mängel in der Grobfutterqualität lassen sich nicht durch überhöhte Kraftfuttergaben ausgleichen.
Zu beachten sind bei den dargestellten Untersuchungen sicher auch die
hohen Rapsextraktionsschrotanteile in den Rationen des Versuchs 1.

In dem kam in beiden Varianten bei sehr hohem Leistungsniveau mehr
als zwei Drittel des Extraktionsschrotes als Rapsschrot zum Einsatz. Dies
stellt bei den gegenwärtigen Preisen für diese Proteinkonzentrate ein erhebliches Einsparungspotenzial im Bereich der Futterkosten dar.