Fachartikel
29.10.2010

Körperkonditionsbeurteilung (BCS - Body condition scoring) – ein bedeutungsvolles Kontrollinstrument im Kampf gegen Ketose

Mit steigenden Leistungen der Kühe nehmen auch die Anforderungen an das gesamte Herden­management, eingeschlossen das Fütterungs­management zu, um die Gesundheit, Leistungs­fähigkeit und Fruchtbarkeit der Hoch­leistungskühe zu sichern. In diesem Zusammenhang kommt der Stabilisierung des Energiestoffwechsels der Tiere in der Frühlaktation eine große Bedeutung zu, da sich die Kuh hier lange Zeit in einem Energiedefizit befindet.

Das bedeutet, dass Milchkühe in den ersten Laktationswochen mehr Energie verbrauchen als sie mit dem Futter aufnehmen können. Im Durchschnitt erzeugen Milchkühe mit einer Leistung von ~ 9.000 - 10.000 kg zwischen 500 und 700, manche sogar bis zu 1000 kg Milch ausschließlich aus dem Abbau von Körperfett. Das Körperfett ist der wichtigste Energiespeicher zur Kompensation dieses Energiedefizits. Die meisten Kühe verbrauchen während dieses Zeitraums der negativen Energiebilanz ca. 25-50 kg Körperfett.

Im Durchschnitt erreichten sowohl die Färsen, als auch die Kühe zwischen der 13. und 14. Woche nach der Kalbung – also am Ende des ersten Laktations­drittels – eine ausgeglichene Energie­bilanz. Dabei fällt auf, dass Mehr­kalbskühe besonders innerhalb der ersten 9 Laktations­wochen deutlich mehr Milch aus dem Abbau ihrer körpereigenen Fettreserven gaben und damit wesentlich stärker ihre Körperkondition und folglich ihre Lebendmasse reduzierten als Färsen.

Ab dem 100. Laktationstag, schwerpunktmäßig im letzten Laktationsdrittel müssen diese ver­brauchten Energiereserven wieder aufgefüllt werden, um zum Beginn der nächsten Laktation wieder in vollem Umfang zur Verfügung zu stehen. Dieser Wechsel von Mobilisation und Deposition von Körperfett stellt einen immer wiederkehrenden Zyklus dar.

Hauptaufgabe der Körperkonditionsbewertung

Der Umfang des Auf- und Abbaus von Körperreserven beeinflusst die Futteraufnahme, die Milchleistung, die Gesundheit sowie die Fruchtbarkeit der Kuh in der Frühlaktation und ist durch Haltung und Fütterung im Laktationsverlauf steuerbar. Dieses Anliegen - Einschätzung und Steuerung des Körperfettgehaltes im Laktations­verlauf - ist Sinn der Körperkonditionsbeurteilung.

Die Beurteilung der Körperkondition (BCS - body condition scoring) lässt sehr gute Rückschlüsse über den Fütterungs-, Ernährungs- und Gesund­heits­zustand der Tiere zu. Bei dieser Bewertung, die sehr leicht und schnell anzuwenden ist, wird die Rückenfettdicke als ein direktes Maß für den Körperfettgehalt geschätzt. So lässt sich einerseits die Intensität des Fettabbaus und damit das Ausmaß der negativen Energiebilanz und andererseits die Zunahme der Rückenfettdicke und folglich das Ausmaß einer positiven Energiebilanz bestimmen.

Dabei ist v. a. während der ersten Laktations­wochen die Änderung der Rückenfettdicke am bedeutsamsten, da sie anzeigt, mit welcher Geschwindigkeit die Tiere in die negative Energiebilanz und hier zum Tiefpunkt (NADIR) geraten. Eine weitere wichtige Information liefert auch der Zeitpunkt des Wechsels von der negativen zur positiven Energiebilanz. Und nicht zuletzt ist die Einschätzung der Körperkondition der Tiere gerade für das Management der Trockensteher bedeutungsvoll, lässt sie doch Rückschlüsse auf die Energie- und damit Futteraufnahme in der Trockenstehperiode zu.

 

Vorgehen bei der Körperkonditionsbeurteilung

Die Fettauflage markanter Körperstellen wird visuell und durch Abtasten beurteilt. Diese Körperstellen sind:

  • die Dorn- und Querfortsätze der Lendenwirbelsäule,
  • die Hüft- und Sitzbeinhöcker,
  • der Bereich dazwischen sowie die Schwanzfaltengegend.

Die jeweils vergebenen Einzelnoten - von 1 bis 5 - werden anschließend zu einer Gesamtnote (Note 1-5, mit Viertelnoten) zusammengefasst. Dabei sind die Noten wie folgt charakterisiert:

Da die Entwicklung der Körperkondition einer Optimalfunktion folgt, ist eine monatliche (praktikabler aber eher eine zwei­monatige) Beurteilung vorteilhaft. Somit bekommt man einen Überblick über den Umfang und die Geschwindigkeit des Körperfettab- und –aufbaus der einzelnen Tiere. Der günstigste Zeit­punkt hierfür ist nach der Milchkontrolle.

Innerhalb der ersten 100 Laktationstage bauen die Tiere Körperfettreserven ab. Dabei entscheidet vor allem die Geschwindigkeit des Abbaus über die Stoffwechselgesundheit und Leistungsfähigkeit der Tiere. So soll die Reduzierung der Körper­kondition innerhalb der ersten vier Laktationswochen möglichst weniger als 0,5 Noten betragen. Ein stärkeres Absinken und eine Reduzierung der Körperkondition innerhalb des ersten Laktations­drittels um mehr als 1 Note lässt eine mangelhafte Energieaufnahme der Tiere vermuten. Dann sollte besonders das Trockenstehermanagement, die Abkalbezeit und die Fütterung zu Laktationsbeginn überprüft werden, aber ebenso die Ration der Tiere in der letzten Laktationsphase und nicht zuletzt die Klauengesundheit.

Spätestens ab dem 150. Laktationstag müssen die Tiere wieder mit der Körperkonditionszunahme beginnen. Während dieser zweiten Laktations­hälfte sind die Tiere nicht nur nach ihrer Milch­leistung, sondern ganz gezielt auch nach der Körper­kondition zu füttern. Denn die Haupt­aufgabe der Körperkonditionsbewertung besteht darin, die Milchkühe in einer möglichst optimalen Verfassung (Körperkondition) abkalben zu lassen und Über- als auch Unterkonditionierungen zu vermeiden.

 

Was sagt uns die Körperkondition der Tiere?

Unterkonditionierte Tiere haben deutliche Nachteile in Bezug auf Milchleistung, Abwehrkraft und Fruchtbarkeit, da besonders bei hoher Leistungsveranlagung die Bedeutung von Körper­fettreserven als Energiepuffer in der Frühlaktation wächst. Bei fehlenden Körper­reserven besteht eine Konkurrenz zwischen der Milchleistung und dem Ansatz. Nur bei genügenden Fettreserven kann das genetische Milchleistungspotential im ersten Laktationsdrittel ausgeschöpft werden.

Fruchtbarkeitsprobleme unterkonditionierter Kühe und Färsen zeigen sich meistens in Eier­stockzysten, inaktiven Eierstöcken, mangelnden Brunstanzeichen und eine schlechte Gelbkörper­qualität. Tritt dieses Problem bei einem Großteil der Herde auf, sind die Fütterung (energetisch und eiweißseitig nicht ausgeglichen, keine bedarfs­gerechte Energieversorgung), die Futterqualität (Nährstoff- und Energiegehalt sowie hygienischer Status, Gärqualität), die Futter­vorlage (zu knapp) und nicht zuletzt auch die Wasser­versorgung (nicht ausreichend Tränken, unzureichender Tränkendurchsatz, verschmutztes Wasser) zu überprüfen.

Das Problem überkonditionierter Tiere wiegt jedoch in vielen Betrieben noch schwerer. Solche Kühe und Färsen reagieren häufig bereits vor und besonders nach der Kalbung mit einer deutlich verminderten Futteraufnahme und neigen eher zu subklinischen oder klinischen Ketosen, Labmagen­verlagerung- und Milchfieberer­krank­ungen. Es steigt die Anfälligkeit gegenüber Euter- und Klauenentzündungen. Weiterhin neigen überkonditionierte Kühe eher zu Schwer­geburten und einer gestörten Rückbildung der Gebärmutter als Tiere mit einer normalen Körper­kondition. Untersuchungen der Lehr- und Versuchsanstalt Sachsen-Anhalt, Iden, ergaben, dass Färsen, die zu fett zur Kalbung kamen, einen um 17 % höheren Besamungsaufwand je Trächtig­keit und eine um 21 Tage verlängerte Zwischentragezeit aufwiesen als normal konditionierte Färsen.

Des Weiteren  versuchen solche Tiere innerhalb kurzer Zeit ihre umfangreichen Fettreserven zu mobilisieren, was zu einer starken Leberbelastung führt. Die hauptsächlichsten Gründe für eine verstärkte Überkonditionierung sind:

  • nicht ausgeglichene Fütterung,
  • zu hohe Energieversorgung und/oder Eiweiß­unterversorgung, besonders im letzten Laktationsdrittel, falsches Trockensteher­management.

Während der Trockenstehphase dürfen die Tiere grundsätzlich nicht abnehmen. Geringfügige Körperkonditionszunahmen bei optimal kondi­tionierten Kühen und Färsen können sich hin­gegen positiv auf die Stoffwechselgesundheit und die Milchleistung in der nachfolgenden Laktation auswirken, weil diese von hohen Futteraufnahmen zeugen (RICHARDT, 2007).

Vorgehensweise

Um die Körperkondition richtig beurteilen zu können, muss das Tier auf ebenem Boden stehen. Günstig ist es, die Kühe hierfür am Fress­gitter zu arretieren. Die Beurteilung erfolgt von hinten rechts, da auf der linken Seite ein unterschiedlich gefüllter Pansen das Ergebnis verfälschen kann. Dass ausreichend Licht vorhanden ist, versteht sich von selbst.

Für eine sichere Beurteilung ist neben der visuellen Bewertung auch ein Ertasten (möglichst mit gleicher Hand) der einzelnen Körperstellen ratsam. Das kann besonders im Winter bedeutungsvoll sein, wenn die Tiere z. B. in Offen­ställen über ein längeres Haarkleid verfügen.

Umsetzung der Ergebnisse in das Fütterungsmanagement

Die eigentliche Körperkonditionsbeurteilung erfolgt unabhängig vom Alter (Jung- oder Altkuh), Laktationsstadium (Zeitraum des Energiedefizits oder des Körperfettansatzes), von der Milch­leistung oder sonstiger Informationen (z. B. Trächtigkeitsstatus, Erkrankungen) über das Tier. Die Auswertung der BCS-Noten ist hingegen nur in Kombination mit diesen Daten möglich.

Die monatlichen Listen aus der Milchkontrolle eignen sich gut für das Dokumentieren der BCS-Noten, da der Landwirt hier alle wichtigen Informa­tionen bereits auf einen Blick hat.

Die BCS-Noten können dann in das bereits vorhandene Herdenmanagementprogramm über­tragen und ausgewertet werden. Steht ein solches nicht zur Verfügung, werden diese BCS-Noten per Hand (z. B. kostenloser BCS-Block der Firma Boehringer) oder mittels eines einfachen Rechen­programms (z. B. Excel; zu beziehen über die Autorin) in die Referenzkurve eingetragen.

Die gezielte Steuerung der Körperkondition von Einzeltieren unterscheidet sich grundlegend zwischen den Fütterungssystemen Totale-Mischration (TMR) und Grundration bzw. Teil-Mischration mit tierindividueller Kraftfuttergabe.

Während bei der TMR – vorausgesetzt, es wird mit mindestens 2 Fütterungsgruppen gearbeitet -  ausnahmslos über einen Gruppenwechsel des Tieres das Auf- oder Abfleischen beeinflusst werden kann, erfolgt bei herdenbezogener Grundfuttervorlage mit einzeltierbezogener Leistungsfuttergabe die Umsetzung und Einbeziehung der Körperkonditionsbewertung in das Fütterungsmanagement über Zu- und Abschläge der Leistungsfuttergabe am Automaten. Allgemein sollten die Körper­konditionen der Einzeltiere beim gleichen Laktationsstadium nicht sehr streuen.

Fütterung mit TMR

Ein Umgruppieren in die jeweils niedrigere Fütterungsgruppe ist zweckmäßig, wenn die Milchleistung des Tieres den Anforderungen der Fütterungsgruppe entspricht, die BCS-Note aber deutlich (0,5 Noten und mehr) oberhalb der angestrebten liegt und die Laktationsdauer ein weiteres Verfetten befürchten lässt.

Entgegengesetzt ist keine Umgruppierung in die niedrigere Fütterungsgruppe vorzunehmen, wenn zwar die Milch­leistung unter den Anforderungen der Fütterungsgruppe liegt, das Tier aber unter­konditioniert ist und die Zeitspanne bis zum Trockenstellen nur noch kurz ist. Beträgt hingegen die Zeit bis zur Trockenstehphase noch 150 oder gar 200 Tage, dann würde eine Umstellung aus futterökonomischer Sicht erfolgen, da das Tier noch genügend Zeit hat, Körper­fettreserven anzulegen. Ein umstellungs­bedingter gering­fügiger Rück­gang der Milchleistung wird in Kauf genommen, da die Laktation fort­geschritten ist und ein Verfetten unbedingt vermieden werden muss.

Färsen, deren Milchleistung unter den Anforder­ungen der jeweiligen Fütterungs­gruppe liegt, die aber deutlich zu mager sind und deren Wachstum noch nicht abgeschlossen ist, haben ebenfalls einen über der Milchleistung hinaus­gehenden Energiebedarf, dem Rechnung zu tragen ist.

Grundfuttervorlage bzw. Teil-Mischration plus einzeltierbezogene Leistungs­futter­gabe über die Abruffütterung. Entsprechend der Abweichung der Körperkondition vom Optimum erfolgt für das Einzeltier ein Zu- oder Abschlag bei der Leistungsfuttergabe am Kraft­futterautomaten.

Tiere, deren Körperkondition unterhalb der geforderten liegt, erhalten eine Energiezulage über ihrem tatsächlichen Bedarf für Erhaltung und Milchbildung. Spätestens ab Beginn des dritten Laktationsdrittels sollte mit der Fütterungs­korrektur begonnen werden, um die Tiere bis zum Trockenstellen in die gewünschte Körperkondition zu bekommen. Dabei müssen für das Aufholen einer halben Note etwa 1,7 kg Leistungsfutter über den Bedarf der aktuellen Milchleistung gegeben werden. Die weitere Körperkonditionsentwicklung ist dabei unbedingt weiterhin im Auge zu behalten. Bei Kühen, deren BCS-Note oberhalb des Optimalbereiches liegt und die im weiteren Laktationsverlauf verfetten würden, wird die Energiezufuhr gedrosselt.

Diese Tiere erhalten weniger Energie als für ihre tatsächliche Milchleistung notwendig wäre, wobei aber eine behutsame Abfütterung um täglich 0,15 kg notwendig ist bis zu einer Menge von 1,5 kg Leistungsfutter unterhalb des tatsächlichen Bedarfes für die erreichte Milchleistung. Auch hier ist der Erfolg dieser Maßnahme im vierwöchigen Abstand zu beurteilen.

Schlussfolgerungen

Mit der Körperkonditionsbewertung steht bei regelmäßiger und gewissenhafter Anwendung ein einfaches, preiswertes und gutes Hilfs­mittel zur Beurteilung des Fütterungs-, Ernährungs- und Gesundheitszustandes der Tiere zur Verfügung.