Verbrauch und Anteile von Eiweißfuttermitteln in der EU und Deutschland in 2008

Anteil von GVO an der Anbaufläche in 2008

Sojabohnen – Pipeline Events: für eine Vielzahl von Sorten wird in naher Zukunft eine Zulassung in den USA erwartet. Die Genehmigungsverfahren in den EU verzögern sich hingegen. Quelle: ASA grün: Saaten mit neuen Inhaltsstoffen rot: Saaten mit veränderten agronomischen Merkmalen (GVO der 2. Generation)

16.09.09 - Eiweißfuttermittel

Eiweißfuttermittel und die Importabhängigkeit vom Weltmarkt

Von: Dr. Jörg Eggers / Kirstin Karotki

Der Eiweißfuttermittelmarkt ist ein globaler Markt. Wie in der Agrarwirtschaft insgesamt sind Deutschland und die Europäische Union in internationale Warenströme eingebunden und mit ihnen verflochten.

Dabei ist die Abhängigkeit der EU von Eiweißfuttermittel-Importen groß.

Die wichtigsten Eiweißfuttermittel in der EU sowie in Deutschland sind nach wie vor Sojaschrot und Rapsschrot: Insgesamt werden in der EU-27 jährlich ca. 36 Mio. t Sojaschrot und knapp 10 Mio. t Rapsschrot verfüttert. Während die EU bei Rapsschrot nahezu ohne Importe auskommt, muss der größere Teil – Sojabohnen und Sojaschrot – vor allem aus Nord- und Südamerika importiert werden. Der Sojamarkt – Marktstellung der EU als Importeur sinkt Die Warenströme von Sojabohnen und Sojaschrot unterscheiden sich erheblich. Der wesentliche Teil der Sojabohnenimporte stammt aus Brasilien. Die USA und andere Länder nehmen einen geringen Anteil ein. Argentinien beispielsweise spielt als eines der großen Anbauländer von Soja als Exporteur von Sojabohnen praktisch keine Rolle mehr. Dies liegt zum einen an der argentinischen Exportpolitik, zum anderen sind die Verarbeitungskapazitäten im eigenen Land enorm gestiegen: Rund 90 Prozent der Sojabohnen können in Argentinien selbst verarbeitet werden. Dementsprechend hoch ist auch der Exportanteil an fertigem Sojaschrot – bei dem die EU und Deutschland somit keinen Einfluss auf den Verarbeitungsprozess und auf Qualitätsstandards haben. Circa zwei Drittel der europäischen Sojaschrotimporte stammen aus Argentinien und nur ein Drittel aus Brasilien, wo die nationalen Verarbeitungskapazitäten auf unter 50 Prozent geschätzt werden. Betrachtet man die Sojabohnenimporte der letzten zehn Jahre, so hat sich das Bild auf dem Weltmarkt erheblich verändert. Innerhalb des globalen Eiweißfuttermittelmarktes nimmt die Bedeutung der EU als Importeur und damit ihre Marktmacht und Einflussmöglichkeiten stetig ab. Hatte die EU 1998 noch einen Anteil von fast 45 Prozent an den globalen Sojabohnenimporten, ist dieser Anteil bis 2008 auf knapp 20 Prozent gesunken. Dabei hat sich absolute Menge der EU-Importe in Mio. Tonnen jedoch kaum verändert. Grund dafür, dass der Importanteil am Weltmarkt relativ gesehen gesunken ist, ist vor allem das Vordrängen Chinas auf die Weltmärkte für Eiweißfuttermittel. Zwischen 1998 und 2008 hat China die Sojabohnenimporte mehr als verzehnfacht: von 3 Mio. auf 37 Mio. t pro Jahr.

GVO-Pflanzen sind weltweit marktdominierend

Trotz des heimischen Rapsschrotes als hochwertiges Eiweißfuttermittel müssen 78 Prozent der in der EU verfütterten Eiweißfuttermittel importiert werden. Dabei besteht eine erhebliche Abhängigkeit vom Weltmarkt. Erschwert werden die Marktströme Richtung Europa u. a. durch unterschiedliche Regelungen der Zulassungsverfahren von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) der in EU und in Nordamerika. Unabhängig von der gegenwärtigen GVO-Politik in Deutschland und in der EU hat sich der Anbau von GVO-Pflanzen weltweit in den letzten fünf Jahren je nach Kulturart verdoppelt bis verdreifacht. Bei Sojabohnen ist in diesem Zeitraum eine Verdoppelung der Anbaufläche festzustellen. Der prozentuale Anteil an GVO-Sojabohnen liegt in den USA beispielsweise bei 91 Prozent, in Kanada bei 90 Prozent und in Argentinien sogar bei 98 Prozent. Diese Zahlen unterstreichen, dass es zunehmend schwieriger wird, nicht-GVO-Sojaware in die Europäische Union zu importieren.

Versorgungsengpässe in der EU mit Eiweißfuttermitteln aufgrund der Null-Toleranz?

Die in der letzten Zeit in der Fachpresse skizzierten drohenden Versorgungsengpässe mit Eiweißfuttermitteln in der EU sind allerdings nicht Folge eines hohen Anteils von GVO-Pflanzen im Allgemeinen. Die Gefahr liegt vielmehr darin, dass für eine Reihe von Sorten, die in den USA genehmigt und zum Anbau zugelassen sind, in der Europäischen Union noch keine Zulassung besteht. Für solche Sorten gilt in der EU eine sogenannte Null-Toleranz. D. h. bereits minimale Spuren einer solchen GVO-Sorte in einem Frachtschiff haben zur Konsequenz, dass die gesamte Ware nicht mehr handelsfähig ist. Das gilt auch für solche Sorten, die bereits von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority – EFSA) als unbedenklich eingestuft wurden, die aber noch den formalen politischen Genehmigungsprozess durchlaufen müssen. Dieser zieht sich oftmals einige Jahre hin.

Ein solches Risiko können Importeure nicht eingehen, denn die Garantie einer absoluten Null-Toleranz ist sowohl bei der Ur-Produktion als auch bei den Transportketten technisch nahezu ausgeschlossen. Bereits bei dem landwirtschaftlichen Anbau und der Ernte beginnt das Problem von unbeabsichtigten Spuren von GVO-Pflanzen. Beispielsweise beim Einsatz von Erntemaschinen, die trotz Säuberung einige Körner von zuvor geernteten GVO-Pflanzen enthalten können, die dann Spuren in der Ernte von GVO-freien bzw. bereits in der EU zugelassenen Sorten hinterlassen. Auf der Ebene des Handels sowie der Nahrungs- und Futtermittelproduzenten kann das Vorkommen von minimalen Spuren anderer und hier besonders von GVO-Sorten ebenfalls nicht ausgeschlossen werden. Somit können aufgrund der Praxis bei der landwirtschaftlichen Urproduktion sowie der komplexen Logistik Spuren von in der EU noch nicht genehmigten GVO bei allen Commodities, die aus Nordamerika in die EU importiert werden, auftreten. D. h. auch bei Reis, Weizen, Gerste, Sorghum. Dabei handelt es sich um Spuren, die so gering sind, dass sie nicht quantifiziert werden können – die jedoch dennoch unter die EU Null-Toleranz fallen.

Die betroffenen Branchen setzen sich deshalb dafür ein, einen Schwellenwert für solche GVO-Sorten einzuführen, die in anderen Ländern bereits geprüft und zugelassen wurden. Durch eine Politik der Null-Toleranz und politisch motivierter verzögerter Zulassungsverfahren besteht immer wieder das Risiko, dass die Versorgung mit Eiweißfuttermitteln in der EU gefährdet ist. Während Sojaschrot in der Rinderfütterung theoretisch weitestgehend durch Rapsschrot ersetzt werden könnte, ist eine Substitution in der Geflügel- und Schweinehaltung nur in sehr geringem Ausmaß möglich. Damit wäre der Veredlungsstandort Deutschland in Europa gefährdet und eine Verlagerung der Schweine- und Geflügelproduktion in außereuropäische Standorte zu befürchten. Gleichzeitig ist auch fraglich, ob mengenmäßig der Bedarf im Rinderbereich durch Rapsschrot gedeckt werden könnte. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass dieses zugegebenermaßen „Worst-Case-Szenario“ den Landwirten in der EU erspart bleibt und die Politik zu einer baldigen und dauerhaften Lösung kommt.

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