Betriebsreportage
04.05.2006

Ein Leben mit Pferden

Ganzheitlicher Ansatz bei der Pferdebetreuung bezieht den Halter ein

Bei der ersten Nadel zuckt Fly noch ein wenig zusammen, nach der zweiten wird er bereits merklich ruhiger und nach der dritten Nadel steht der braune Wallach ausgesprochen entspannt in seinem Paddock. Anschließend tastet Andrea Paas mit festem und geübtem Griff den Rücken des Pferdes ab. „Die Akupunktur hilft, eine akute Augenentzündung zu lindern“, erläutert die Pferde-Physiopraktikerin ihre Arbeit“, den Rücken untersuche ich, um möglichen Muskelverspannungen auf die Spur zu kommen.“ Die Atmosphäre ist angenehm stressfrei.

Andrea Paas` Liebe zu den Pferden hat ihre Wurzeln auf dem Hof der Eltern in Solingen. Aus dem Hobby sollte Beruf werden, aus gesundheitlichen Gründen musste Andrea jedoch die Bereiterlehre abbrechen und absolvierte eine Ausbildung als Arzthelferin und Medizinisch Technische Assistentin. „Durch die Verbindung von Beruf und Reiterei habe ich mich intensiv mit Fragen von Krankheit und Gesundheit auch beim Pferd beschäftigt. Mich interessierten alternative Naturheilverfahren und deren Möglichkeiten, unter Leistungsdruck stehende Sportpferde auf natürliche Weise gesund zu erhalten.“

Andrea erlernte die Pferdeakupunktur, eine Ausbildung zur Pferde-Physioprakterin folgte. Die dauert zweieinhalb Jahre und wird zum Beispiel am Deutschen Institut für Pferdeosteopathie (DIPO) in Dülmen angeboten, das in der Reitlehre und im Turniermanagement des Pferdes einen ganzheitlichen Ansatz praktiziert. Dort lehren Dozenten wie Ingrid Klimke, Dr. Helmut Ende oder Michael Putz.

Mit viel Einfühlungsvermögen
Der landwirtschaftliche Betrieb ihres Lebensgefährten in St. Goar-Werlau ist der ideale Standort für die Arbeit von Andrea. Auf dem eigenen Hof betreut sie neben neun eigenen Reitpferden weitere zehn Pensionspferde. Und regelmäßig besucht sie andere Reiterhöfe oder Pferdehalter in der Region.

„In der Regel finde ich keine akuten Krankheitsfälle vor“, sagt sie. Sie sieht ihre Aufgabe auch nicht darin, den Tierarzt zu ersetzen. „Es ist eher das Empfinden der Pferdehalter, dass ihre Pferde unter ihren Möglichkeiten bleiben, dass der `Takt´ beim Pferd oder zwischen Pferd und Reiter nicht stimmt. Andere dagegen wünschen einfach mehr über ihr Pferd zu erfahren und einen besseren Umgang mit ihm zu erlernen.“

Für Andrea werden solche „soft-skills“ immer wichtiger. Sie sieht in diesen „empfindsamen“ Bereichen steigenden Handlungsbedarf, sowohl bei der Sport- als auch in der Hobby-Reiterei. „Das Sportpferd steht unter einem starken Erfolgsdruck, muss ständig hohe Leistungen bringen; das erfordert ein angepasstes Training, um Fehlbelastungen und psychische Schäden beim Pferd zu vermeiden. Aber auch unsere Freizeitpferde stehen heute viel höher im Blut, sind viel leistungsbereiter – dem muss der Reiter Rechnung tragen.“ Viele Hobbyreiter seien da überfordert und könnten den Ansprüchen ihrer Pferde nicht gerecht werden. „Die physische und psychische Gesundheit der Pferde sowie die Freude am Reiten bleiben dann häufig auf der Strecke.“

Behandeln und Aufklären
Da ist die Physiopraxis ein geeignetes Instrument, um Ungleichgewichte zwischen Wollen und Können wieder in Einklang zu bringen. Zunächst analysiert Andrea Paas das Umfeld des Pferdes: Haltungsbedingungen, „Arbeitseinsatz“, Ausrüstung, äußeres Erscheinungsbild und Verhalten liefern einen ersten Eindruck. Nach einer Gang-Analyse werden alle Muskeln und Gelenke untersucht und Fehlstellungen, Gelenkblockaden, Sehnenschäden oder Muskelanomalien aufgespürt. Bei Verdacht auf mechanische Schäden wird der Tierarzt hinzugezogen, können diese jedoch ausgeschlossen werden, stellt Andrea Baas ein geeignetes Trainingsprogramm auf. „Bereits an dieser Stelle binde ich Besitzer, Reiter oder Trainer mit ein, denn viele Massagegriffe oder Dehnübungen sind auch vom Laien schnell zu erlernen. Das fördert zudem den Kontakt zwischen Pferd und Mensch und verhindert Fehlverhalten für die Zukunft“, sagt die Physioprakterin.

Akkupunktur, Magnetfeldtherapie, Akupressur, Physiotherapie oder der Einsatz homöopathischer Mittel – Andrea schlägt vor, was dem Pferd gut tun wird und muss viel Aufklärungsarbeit leisten: Passen Sättel und Zaumzeuge zum Pferd? Stimmen Haltungsbedingungen und Fütterung? Werden Fehler beim Reiten gemacht? Bei so viel Hinterfragen wird beim Pferdehalter auch schon einmal Skepsis wach. „Eine gesunde Skepsis“, sagt Andrea Paas, die sich gerne auf die Finger schauen lässt. „Wichtig ist mir, einen Denkprozess in Gang zu setzen und zu erreichen, dass am Ende einer Therapie Pferd und Reiter wieder Spaß am gemeinsamen Sport finden.“

Hoher Zusatznutzen
Für Pensionspferdehalter ist das Service-Angebot von Pferde-Physiopraktikern besonders interessant, da sie so ihren Kunden einen echten Zusatznutzen bieten können. Diese Erfahrung macht auch Andrea Baas. „Meine Kunden schätzen es, dass ich als verantwortliche Person im Stall sofort erkenne, wenn Probleme auftreten. Sie übertragen mir auch die Aufgabe, die Einhaltung von Impfprogrammen oder regelmäßige Entwurmungen zu kontrollieren oder im Notfall rechtzeitig einen Tierarzt einzuschalten. Das fördert insgesamt die Ruhe im Stall und die Pferdebesitzer können sich sicher sein, dass ihre Pferde gut aufgehoben sind. Ein funktionierendes, ganzheitliches Gesundheitsmanagement kann für eine Pferdepension ein echter Wettbewerbsvorteil sein.“

Quelle: agrar-press