Foto: DLG


Veranstaltungen
14.01.2011

DLG-Wintertagung: Die vielfältigen Herausforderungen offensiv annehmen

Agrarwelt im Umbruch - Weichen national und global stellen - Ziele und Leitbilder der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik auf den Prüfstand stellen - "Wissen und Gewissen" die Leitmotive bei der Werbung um öffentliche Akzeptanz.

„Umbrüche, ob durch neue Rahmenbedingungen, neue Technologien oder durch Veränderungen in den Märkten verursacht, stellen stets gravierende Herausforderungen für die Landwirtschaft dar.“ Dies erklärte der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) Carl-Albrecht Bartmer am 13. Januar 2011 auf der DLG-Wintertagung in München. Es gelte, diese Herausforderungen offensiv anzunehmen. Hierfür sieht der DLG-Präsident die Agrarbranche gut gerüstet. „Unsere Branche wird nicht das Glück in einer idealisierten Vergangenheit suchen. Sie wird aufbauend auf der Tradition einer aufgeklärten Gesellschaft mit Vernunft Zukunft gestalten, in einer global vernetzten Welt, für die nationale, auch europäische Dimensionen des Denkens zu klein bemessen wären“, betonte Bartmer. Knappe Ressourcen produktiver und schonender zu nutzen, ein so verstandener technischer Fortschritt schaffe in den Augen des DLG-Präsidenten Freiräume für die Ernährung und zugleich für die wichtigen Schutzgüter, die belebte Welt und die geschätzten Kulturlandschaften in vitalen ländlichen Räumen. Fortschritt zu verwirklichen setze allerdings gesellschaftliche Bereitschaft zum Wandel voraus. „Wir werden für das Fortschreiten, für den Wandel auch um öffentliche Akzeptanz werben müssen. Das gilt für alle Formen moderner Technologien, auch und besonders im Umgang mit der natürlichen Landschaft oder mit Tieren in unseren Ställen“, sagte der DLG-Präsident. „Auch und gerade in Zeiten, in denen das Vertrauen in die Branche durch so fatales Handeln Einzelner, wie unter dem Stichwort Dioxin, leidet.

Für Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, ist die Wirtschafts- und Finanzkrise weitgehend überwunden. Jetzt gelte es, die Weichen national und global zu stellen. Denn die entscheidenden Fehler werden nach Professor Hüther nicht in der Krise gemacht, „sondern dann, wenn es einem gut geht“. Dabei zeige sich, dass die erlebte Krise sowohl die wirtschaftspolitischen Systeme wie auch die Trends im Strukturwandel einem Test auf Robustheit unterzogen hat. Für ihn liege die grundlegende Gefahr darin, dass die Zeit nach der Krise angesichts hoher Wachstumsraten, geringer Inflation und niedriger Zinsen wiederum eine trügerische Sicherheit suggeriert. Tatsächlich führe der multiple Robustheitstest dazu, dass einige der vor der Krise treibenden Faktoren an Kraft verlieren: Dies gelte für Einseitigkeiten und Übertreibungen sowohl in der Wirtschaftsstruktur als auch in der Wirtschaftspolitik. Nach Hüther wird es insbesondere darum gehen, das Prinzip offener Märkte zu stärken, um die als Ausgleichsmechanismus notwendige Mobilität von Kapital und Arbeit nicht zu behindern. Für die Währungspolitik werde zu prüfen sein, ob nicht in einem globalen Wechselkurssystem (analog des EWS) ein Einstieg in eine Welt stabilerer Bedingungen gefunden werden könne. Klimaschutz und Ressourcenverfügbarkeit müssen nach Hüthers Meinung zwingend in internationalen Strukturen erfolgreich behandelt werden. „Schließlich muss es gelingen, die Lektionen der Krise für die Notstandsfähigkeit moderner Staaten in eine Politik für die neue Normalität zu überführen“, betonte Professor Hüther. Beispiele dafür sieht er in der Schuldenbremse und in dem Verständnis, im normalen Konjunkturzyklus keine Konjunkturpolitik mehr zu betreiben.

Für Professor Dr. Folkhard Isermeyer, Präsident des Johann Heinrich von Thünen-Instituts (vTi) in Braunschweig, gehören die Ziele und Leitbilder der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik auf den Prüfstand. „Die Formulierung politischer Ziele und Leitbilder, hierzu zählt auch das Europäische Agrarmodell, steht zwar zu Recht am Beginn einer Reformdebatte, doch werden die hier niedergelegten Vokabeln, wie zum Beispiel nachhaltig und innovativ, dann im weiteren Verlauf nur genutzt, um den schmückenden Hintergrund für das eigentliche politische Geschäft abzugeben“, beklagte der Wissenschaftler. Und bei diesem Geschäft gehe es dann im Wesentlichen darum, im Wettstreit der Interessengruppen und ausgehend vom Status Quo über Macht und Einfluss sowie über den Zugang zu öffentlichen Geldern zu streiten. Hierbei kommt nach Professor Isermeyer zweierlei zu kurz, nämlich die politische Auseinandersetzung über sachliche Zielkonflikte und die professionelle Ausarbeitung einer stringenten Interventionslogik, die darauf ausgerichtet ist, die formulierten gesellschaftlichen Ziele mit minimalem Ressourceneinsatz zu erreichen. Deutliche Kritik übte Isermeyer am Europäischen Agrarmodell, das bei den letzten EU-Agrarreformen häufig als Leitbild zitiert wurde. „Das Leitbild besagt, dass die europäische Landwirtschaft über das Ziel der Nahrungs­mittelproduktion hinaus auch weiter gefasste gesellschaftliche Ziele verfolgen und dabei multifunktional, nachhaltig, wettbewerbsfähig und flächendeckend ausgerichtet sein soll.“ Diese Ziele sind nach Meinung des Braunschweiger Wissenschaftlers so vage formuliert, dass sie einerseits selbst bei einem politischen Extremszenario „Abschaffung der GAP“ immer noch weitgehend erfüllt würden, während andererseits aber selbst bei einer Verdopplung des Mitteleinsatzes für die GAP (bei Beibehaltung der derzeitigen Instrumente) die Wunschvorstellungen, die viele Europäer bezüglich bestimmter Funktionen der Landwirtschaft hegen (z. B. Tierschutz, Landschaftsbild, Biodiversität), immer noch nicht erfüllt wären.

Mit Blick auf die zukünftigen Herausforderungen sieht der österreichische Landwirt Maximilian Graf Hardegg das Unternehmertum in der Landwirtschaft als essenziell an. „Landwirte können allerdings nur Unternehmer sein, wenn sie Freiheiten haben und eigenverantwortlich arbeiten können.“ Für Graf Hardegg steht fest, „dass mehr Entscheidungsfreiheit auch mehr Motivation bedeutet. Und je mehr Motivation vorhanden ist, umso besser ist die Leistung.“ Seiner Meinung nach wird das unternehmerische Handeln zu sehr durch die Politik bestimmt und behindert. „Politik und Unternehmertum stehen in einem natürlichen Widerspruch“, betonte Graf Hardegg, „und zwar unter anderem dann, wenn die Politik der Wählermaximierung folgt anstatt der sachpolitischen Vernunft.“ Die Landwirtschaft sieht der österreichische Unternehmer für die Zukunft gut aufgestellt. Sie würde sich in der Gesellschaft hoher Beliebtheit erfreuen. „Dies sollte uns Landwirte ermuntern, noch stärker wahrhaftig und realitätsnah zu kommunizieren und Klischees nicht zu bedienen“, hob Graf Hardegg, der die Gesellschaft als stärksten Verbündeten für landwirtschaftliche Unternehmer beim Meistern der Zukunft sieht, hervor. Für die Landwirte müssten bei allem Tun und Handeln die Leitmotive „Wissen und Gewissen“ obenan stehen. Die würde der Verbraucher honorieren.