Die zwei Seiten des Palmöls
Kein anderer agrarischer Rohstoff wird derartig emotional diskutiert wie Palmöl: den einen Umwelt zerstörender Fluch durch die Abholzung von Regenwäldern und die Zerstörung von natürlichem Lebensraum, den anderen klimafreundlicher Segen durch die Chance zu emissionsarmer Energieproduktion und der Versorgung der Weltbevölkerung. In der hitzigen und oftmals polemischen Diskussion um Palmöl gehen mitunter die Fakten unter. Bestehenden Lösungsansätzen und Möglichkeiten für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Umwelt und Klima bei der Erfüllung der Bedürfnisse einer wachsenden und sich entwickelnden Weltbevölkerung wird kaum Beachtung geschenkt.
Tatsache ist, dass weltweit der Bedarf an Palmöl steigt. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung und der veränderten Ernährungs- und Lebensgewohnheiten wird die Nachfrage nach Ölen und Fetten weiter zunehmen. Die Ölpalme ist weltweit der größte Pflanzenöllieferant. Die bei weitem wichtigsten Anbauländer sind Malaysia und Indonesien, es gibt jedoch eine Reihe von Entwicklungsländern, so z. B. Thailand, Kolumbien und Ecuador sowie einige afrikanische Länder, die zunehmend auf die Palmölproduktion als Wirtschaftszweig und Devisenbringer setzen.
Die weltweite Palmölproduktion hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt: von 20,6 Mio. Tonnen Palmöl und 2,6 Mio. Tonnen Palmkernöl im Jahr 1999 auf rund 45,4 Mio. Tonnen Palmöl und 5,3 Mio. Tonnen Palmkernöl im Jahr 2009. Aus der Nahrungsmittelindustrie stammt dabei die größte Nachfrage nach Palmöl.
Tatsache ist aber auch, dass Palmöl in den letzten Jahren für die Erzeugung von Bioenergie als klimaschonende Alternative zu fossilen Energieträgern eingesetzt wird: 5 bis 10 Prozent der weltweiten Palmölproduktion gehen in die Erzeugung von Bioenergie. Dieser geringe Anteil reichte aus, um Palmöl für gerodete Regenwälder und sterbende Orang-Utans verantwortlich zu machen. Die Bioenergie wurde dabei generell zum Sündenbock und als alleiniger Grund für hohe Agrarpreise, Armut und Hunger verantwortlich gemacht.
Auch wenn mittlerweile nachgewiesen wurde, dass im Wesentlichen andere Faktoren erheblichen Einfluss auf die Nahrungsmittelpreise haben und hohe Weltmarktpreise für agrarische Rohstoffe ebenso einen positiven Anreiz für die Bauern in Entwicklungsländern setzen, hat die Debatte um die energetische Nutzung von agrarischen Rohstoffen und insbesondere von Palmöl insgesamt nicht an Schärfe verloren. Darüber hinaus ist in den letzten Wochen der Einsatz von Palmöl in der Lebensmittelproduktion sowie in anderen Non-Food Produkten verstärkt ins Kreuzfeuer geraten.
Nachhaltigkeit als Voraussetzung für die Ausweitung der Palmölproduktion
Bei der Ausweitung der Palmölproduktion wurden in der Vergangenheit in der Tat Regenwälder gerodet, Torfmoore trocken gelegt und damit u. a. große Mengen von Treibhausgasen freigesetzt. Das kann nicht im Sinne von Klima- und Umweltschutz sein. Die Palmölfrucht besitzt jedoch einen hohen Ölgehalt, und mit jährlich rund 4 Tonnen Öl/ha extrem hohe Hektarerträge. Hier liegt das Potenzial von Palmöl, auf vergleichsweise geringer Landfläche einen hohen Teil des bestehenden Ölbedarfs zu decken.
Damit bietet sich eine Chance, dem steigenden Bedarf an Ölen und Fetten der wachsenden Weltbevölkerung gerecht zu werden, der Flächenkonkurrenz zwischen Lebens- und Futtermitteln sowie Biomasse für die Energieproduktion entgegenwirken und gleichzeitig die Herausforderung für mehr Klima- und Umweltschutz anzunehmen.
Die Voraussetzung dafür ist eine nachhaltige Produktion von Palmöl. Nachhaltigkeit heißt hier, dass beim Anbau von Ölpalmen Umwelt- und Sozialkriterien (wie etwa Arbeitsbedingungen und die Einhaltung von Landnutzungsrechten) berücksichtigt und Regenwaldflächen sowie Torfmoore vor einem unkontrollierten Ausbau von Ölpalmplantagen geschützt werden. Der Fokus für die Ausweitung der Palmölproduktion ist zudem auf Ertragssteigerungen bei bestehenden Plantagen zulegen, um auf die Nachfrage der Weltmärkte reagieren zu können.
Erträge und Produktivität lassen sich auf bereits existierenden Plantagen durch neue Sorten, verbesserte Anbaumethoden, Anbau- und Erntetechniken steigern, ohne dass schützenswerte Flächen bedroht sind. Darüber hinaus können Ölpalmen auch auf degradierten Flächen, also Brach- und Ödland angebaut werden, wenngleich mit geringerem Ertragspotenzial. Hier fungieren Palmölplantagen als zusätzlicher CO2- Speicher.
Mit Zertifizierungssystemen kann nachhaltige Palmölproduktion überprüft und die zertifizierte Ware entsprechend gehandelt werden. Zertifizierungssysteme sind somit zu einem der wichtigsten Instrumente zur Verhinderung von unkontrollierten Abholzungen und Landnutzungsänderungen geworden. Die Zertifizierung von nachhaltigem Palmöl ist zurzeit mit den zwei internationalen Zertifizierungssystemen RSPO (Roundtable on Sustainable Palm Oil) und ISCC (International Sustainability & Carbon Certification) möglich.
Das Bewusstsein für nachhaltiges Palmöl steigt
Im November 2008 wurde die erste Schiffsladung mit nach den Kriterien des RSPO zertifiziertem Palmöl nach Europa geliefert. Lief der Absatz von nachhaltigem Palmöl zunächst nur langsam an, so steigt die Nachfrage seit Anfang 2010. Mit 136.000 Tonnen verkauftem RSPO-Palmöl übertraf die Nachfrage im März 2010 erstmals die monatliche Produktion von 126.000 Tonnen.
Jedoch ist der Einsatz von nachhaltigem Palmöl innerhalb der EU sehr unterschiedlich. Im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn Großbritannien und der Schweiz hat Deutschland Nachholbedarf. Hierzulande haben sich bislang erst wenige Firmen entschieden, konsequent nachhaltiges Palmöl/Palmkernöl einzusetzen. Dabei ist eine hohe Nachfrage nach nachhaltig zertifizierter Ware aus den Industriestaaten ein wichtiges Signal an Produzenten in Drittstaaten, dass sich Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Agrarwirtschaft lohnen.
Flächendeckend nachhaltige Produktion nicht allein über Bioenergie zu erreichen
Bislang fokussiert sich die Gesetzgebung auf den kleinen Bereich Bioenergie. Die EU Richtlinie für Erneuerbare Energien gibt vor, dass Bioenergie künftig nachweislich 35 Prozent weniger CO2-Emissionen im Vergleich zu fossilen Energieträgern ausweisen muss. Für eine nachhaltige Palmölproduktion für Bioenergie muss beispielsweise sichergestellt werden, dass für die Ölpalmplantagen keine schützenswerte Flächen umgebrochen, gerodet oder trocken gelegt werden, die als hohe CO2- Speicher gelten.
Im Bereich Bioenergie wurde somit ein Wandel für einen verstärkten Klima- und Umweltschutz eingeleitet. Allerdings werden insgesamt lediglich 3 Prozent der weltweiten agrarischen Rohstoffe und somit nur 2 bis 3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche für Bioenergie verwendet.
Nachhaltigkeitsanforderungen im Bereich Bioenergie können daher nur ein erster Schritt sein. Im Sinne eines wirkungsvollen Klimaschutzes und im Sinne eines einheitlichen Wettbewerbs müssen weitere Schritte folgend und der Blick auf die gesamte landwirtschaftliche Produktion gerichtet werden.
Eine Ausweitung der Nachhaltigkeitsanforderungen auf alle Verwendungsbereiche wäre ein tatsächlicher Schritt in diese Richtung. Gleichzeitig sänken die Kosten für nachhaltige Ware, da keine zusätzliche, parallele Infrastruktur bei der Produktion, Verarbeitung und Logistik notwendig wäre. Zudem würden Probleme wie indirekte Landnutzungsänderungen gar nicht erst entstehen.
Zertifizierungssysteme wie ISCC sind bereits jetzt auf die Zertifizierung einer Bandbreite von agrarischen Rohstoffen ausgerichtet. Daneben existieren mit dem RSPO und anderen Initiativen Zertifizierungen für einzelne Agrarprodukte.
Die „technischen“ Voraussetzungen für einen flächendeckenden Ansatz bei der Nachhaltigkeit von agrarischen Rohstoffen sind somit gegeben. Nun müssen der politische Wille und die politischen Rahmenbedingungen folgen, um die Umsetzung der klimapolitischen Ziele wirkungsvoll voranzutreiben und gleichzeitig wieder gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Wirtschaftsbeteiligten herzustellen.
Nach welchen Kriterien wird Nachhaltigkeit bei Palmöl zertifiziert?
Zertifizierungen belegen und überprüfen den nachhaltigen Anbau von Ölpalmen und die nachhaltige Produktion von Palmöl/Palmkernöl. Der Roundtable on Sustainable Palm Oil sowie das International Sustainability & Carbon Certification sind zwei internationale Zertifizierungssysteme für Palmöl.
Der Roundtable on Sustainable Palm Oil / RSPO wurde vom WWF gemeinsam mit Unternehmen des Palmölsektors, Lebensmittelkonzernen, Banken sowie Vertretern der Zivilgesellschaft ins Leben gerufen, um eine nachhaltige Landwirtschaft zu unterstützen, die dazu beiträgt, dass weniger Wälder gerodet, vorhandene Biodiversität erhalten bleibt sowie Kleinbauern, Landrechte und Arbeitnehmerrechte respektiert werden. Der RSPO hat derzeit rund 380 ordentliche und 100 assoziierte Mitglieder. Die Kriterien des RSPO beinhalten:
- Die Einhaltung lokaler, nationaler und ratifizierter internationaler Gesetze
- Umweltstandards bei Boden-, Wasser- und Abfall-Management, bei Pestizideinsatz, die Bewahrung natürlicher Ressourcen und Biodiversität, keine Brandrodung
- keine nach November 2005 neu angelegten Plantagen auf Gebieten
- Primärwalds oder Wäldern mit hohem Schutzwert
- Unabhängige Studien zu möglichen negativen Auswirkungen bei der
- Anlage neuer Plantagen
- Beachtung der Rechte der lokalen Bevölkerung
- Sozialstandards bei Arbeitsbedingungen, Gewerkschaftsfreiheit, keine
- Kinderarbeit, keine Diskriminierung
Bislang berücksichtigt der RSPO keine Treibhausgasminderung, wie es die Erneuerbare Energien Richtlinie der EU (RED) und die Nachhaltigkeits-verordnungen zur energetischen Nutzung von Biomasse in Deutschland (Biokraft-NachV und BioSt-NachV) vorschreiben. Ebenso wird die Lieferkette in der Richtlinie und den Verordnungen durch das Massenbilanzsystem geregelt.
Bei RSPO-Palmöl können allerdings auch nur die Nachhaltigkeitszertifikate getrennt nach dem Book and Claim System gehandelt werden. Mit der Kompatibilität des RSPO und den in der EU geltenden Nachhaltigkeits-anforderungen setzt sich eine interne Arbeitsgruppe des RSPO auseinander.
Im Gegensatz zum RSPO ist das Zertifizierungssystem International Sustainability & Carbon Certification / ISCC bereits mit den deutschen Nachhaltigkeitsverordnungen zu Biostrom und Biokraftstoff kompatibel und in Deutschland als Zertifizierungssystem anerkannt. Handel und Industrie können von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) anerkannte und unabhängige Auditoren mit der Zertifizierung von Palmöl nach ISCC beauftragen, um es dann in Deutschland im Bereich Bioenergie (Biokraftstoffe, BHKWs) einsetzen zu können.
Das Zertifizierungssystem ISCC ist grundsätzlich auch für die Zertifizierung von Rohstoffen für andere Verwendungsbereiche als die Bioenergie geeignet, beispielsweise im Nahrungsmittel- und oleochemischem Bereich.
Ziel des Zertifizierungssystems ISCC ist die Etablierung eines international ausgerichteten, praktikablen und transparenten Systems zur Zertifizierung von Biomasse und Bioenergie. ISCC berücksichtigt zusammengefasst folgende Kriterien:
- Schutz von Gebieten mit hohem Naturschutzwert: Biomasse darf nicht
- in artenreichen Gebieten, kohlenstoffreichen Böden oder Torfmooren
- gewonnen werden
- Nachhaltige Bewirtschaftung von Flächen und Treibhausgasreduzierung:
- Schutz von Boden, Wasser und Luft und die Anwendung
- einer guten Agrarpraxis
- Sichere Arbeitsbedingungen müssen eingehalten werden
- Soziale Nachhaltigkeit: Die Erzeugung von Biomasse verstößt nicht gegen
- Menschenrechte, Arbeits- oder Landnutzungsrecht
- Einhaltung regionaler und nationaler Gesetzgebung sowie der maßgeblichen
- internationalen Verträge
- Anwendung guter Managementpraktiken
