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Grundlagen-Rinder
11.05.2011

Biestmilch aus der Mikrowelle

Die Bedeutung einer frühzeitigen Biestmilchgabe für die Überlebensfähigkeit und Gesundheit neugeborener Kälber ist inzwischen unbestritten und in der landwirtschaftlichen Praxis allgemein bekannt. Da Kälber in den ersten drei Lebenswochen nur wenig eigene Antikörper bilden, sind sie auf die Aufnahme von Immunglobuline aus dem Kolostrum angewiesen.

Bekannt ist, dass die Resorption mit jeder Lebensstunde nachlässt und 24 Stunden nach der Geburt fast nicht mehr stattfindet. Daher die Empfehlung, den Kälbern in den ersten 12 Lebensstunden so früh und so viel Biestmilch wie möglich zu verabreichen.

„So früh wie möglich“ bedeutet, dass die erste Tränke unmittelbar nach der Geburt, auf jeden Fall jedoch innerhalb der ersten vier Lebensstunden erfolgen sollte. Am besten ist frisches Kolostrum von einer gerade abgekalbten Kuh, da unmittelbar nach der Geburt der Antikörpergehalt der Milch am höchsten ist und durch somatische Zellen (weiße Blutkörperchen) in frischer Milch ebenfalls Krankheitserreger abgewehrt werden können. Diese Milch steht aber nicht immer zur Verfügung, zum Beispiel, wenn die Kuh bereits vor der Geburt eine Mastitis entwickelt hat oder weil die Geburt nachts stattfindet und das Handmelken von zwei Litern Kolostrum speziell bei Färsen nicht unbedingt unproblematisch ist. Außerdem haben Kühe in den ersten drei Laktationen häufig geringe Antikörpergehalte in der Milch, besonders wenn sie mit hohen Leistungen in die Laktation einsteigen. Für all diese Fälle wird in der Praxis eine gefrorene Biestmilchreserve angelegt, die im Bedarfsfall aufgetaut und vertränkt werden kann. Durch den Gefrierprozess werden zwar die somatischen Zellen zerstört, die Antikörper überleben den Prozess jedoch ganz gut.

Am schonendsten wird die Biestmilchreserve bei Zimmertemperatur aufgetaut. Ein Liter Kolostrum braucht jedoch etliche Stunden für diesen Prozess, so dass das Verfahren für eine schnelle Kolostrumversorgung nicht geeignet ist. Empfohlene Maßnahme ist das Auftauen im Wasserbad bei 40° bis 45° C, aber auch dieser Prozess dauert je nach Dicke des Klumpens mehr als eine Stunde und ist daher – speziell nachts – zum Teil zu aufwändig. Außerdem steht nicht immer und überall entsprechend temperiertes Wasser zur Verfügung. Inzwischen sind jedoch Mikrowellenherde, mit denen im Haushalt routinemäßig Speisen aufgetaut und erhitzt werden, so preiswert geworden, dass sie in jedem Stall stehen könnten und es fragt sich, ob eine Mikrowellenbestrahlung nicht das geeignete Auftauverfahren ist. Vorausgesetzt, es ist schneller und praktischer als das Auftauen im  Wasserbad und die Kolostrumqualität ist nach dem Erwärmen nicht schlechter als bei der herkömmlichen Methode.

Um das zu prüfen, wurden auf einer Milchviehanlage in Thüringen 58 Kälber der Rasse Holstein Frisian am ersten Lebenstag mit einer zuvor eingefrorenen Kolostrumreserve versorgt, die entweder bei 46°C im Wasserbad (n=29) oder bei 250 Watt im Mikrowellenherd (n=29) aufgetaut und erwärmt wurde. Anschließend wurde überprüft, ob es zwischen den Gruppen Unterschiede in der Resorption der Antikörper, in der Gewichtsentwicklung oder dem Gesundheitsstatus gab. Die Resorption wurde sechs Stunden nach der letzten Kolostrumgabe gemessen, Gewichtsentwicklung und Gesundheitsstatus (Kotkonsistenz, Atemzüge pro Minute, medikamentelle Behandlungen)  wurden 14 Tage lang beobachtet.

Im Einzelnen wurden die Kälber unmittelbar nach der Geburt gewogen und dann zu jeweils zwei gleichgeschlechtlichen Tieren in Außeniglus aufgestallt. Innerhalb der ersten zwei Lebensstunden wurde den Kälbern zwei Liter Biestmilch angeboten, gefolgt von zwei weiteren Tränken, jeweils im Abstand von sechs Stunden. Damit erhielten die Kälber innerhalb der ersten 12 bis 14 Lebensstunden sechs Liter Kolostrum. Um sicher zu stellen, dass die Kälber der Wasserbad- und der Mikrowellengruppe die gleiche Menge an Antikörpern erhielten, wurde vor Beginn des Versuchs Kolostrum älterer Kühe in Halbliterportionen in Gefrierbeuteln bei -18°C eingefroren. Für die Tränke wurden nach dem Auftauen jeweils vier Halbliterportionen gemischt, und zwar so, dass jeweils ein Kalb aus der Wasserbad- und ein Kalb aus der Mikrowellengruppe Poolkolostrum von den gleichen Kühen erhielt. Nach dem ersten Lebenstag wurden die Kälber mit einem handelsüblichen Milchaustauscher getränkt. Die Beurteilung der Atemfrequenz und die Kotbonitur erfolgten jeweils täglich zur gleichen Zeit. Am Ende der zweiwöchigen Versuchsdauer wurden die Kälber erneut gewogen.

Der Auftauvorgang für die Halbliterportionen dauerte in einem großen Wasserbad bei 46 °C inklusive der Erwärmung auf 37 °C eine Stunde, bei Mikrowellenbestrahlung ca. 15 Minuten. In zwei Mikrowellenherden wurden parallel jeweils zwei 0,5 Liter Beutel 10 Minuten bei 250 Watt bestrahlt, dann zur besseren Auflösung durchgeknetet, und anschließend nochmals 5 bis 6 Minuten bei der gleichen Wattzahl erwärmt. Mit Hilfe eines digitalen Thermometers wurde die Bestrahlung abgebrochen, wenn das Kolostrum 37 °C erreicht hatte.

Das Kolostrum der Kühe, das für diesen Versuch verwendet wurde, hatte mit durchschnittlich 138 g Immunglobulin G (Ig G) pro Liter einen sehr hohen Antikörpergehalt. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass ein Ig Gehalt von 50 g/l für eine gute Versorgung der Kälber ausreicht. Durch den Erwärmungsprozess wurde der Immunglobulingehalt jedoch bei beiden Verfahren deutlich reduziert, wobei sich zwischen den Verfahren keine Unterschiede zeigten (Tab. 1; Abb. 1). Insgesamt haben die Kälber unter Berücksichtigung der nicht aufgenommenen Tränkemengen in beiden Gruppen innerhalb der ersten 14 Lebensstunden im Durchschnitt 378 g Ig G aufgenommen. Zwischen den Gruppen gab es diesbezüglich keinen Unterschied. Ebenso zeigten sich keine Unterschiede in der Resorptionsrate der Antikörper, deren Gehalt sechs Stunden nach der letzen Tränke bei beiden Gruppen im Mittel 30 g pro Liter Blutserum betrug (Tab. 2). Dieser Wert ist als sehr gut zu bezeichnen; nach früheren Untersuchungen gilt ein Serum Ig G Gehalt 24 Stunden nach der Geburt von 16 g/l als ausreichend.

Auch bezüglich der Gewichtsentwicklung war kein Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen. Die Kälber wogen bei der Geburt im Durchschnitt 35,2 kg und am Ende der ersten zwei Lebenswochen 44,2 kg. Damit lagen die Tageszunahmen bei 646 g (Abb. 2). Die Atemfrequenz betrug in der ersten Lebenswoche 70 Züge, in der zweiten Woche 56 Züge pro Minute. Damit unterschieden sich die Atemfrequenzen zwar signifikant zwischen den Wochen, zwischen den Gruppen waren aber keine Unterschiede. Gleiches gilt für Kotbonitur und Anzahl der medikamentellen Behandlungen. Fünfzehn der 58 Kälber mussten innerhalb der ersten zwei Lebenswochen aufgrund von Durchfallerkrankungen behandelt werden.

Die Ergebnisse dieses in der Praxis durchgeführten Versuchs belegen, dass Kolostrum aus der Biestmilchreserve genauso gut im Mikrowellenherd (250 Watt) wie im Wasserbad aufgetaut werden kann. Allerdings wird auch deutlich, dass in beiden Verfahren der Gehalt an bindungsfähigen Antikörpern abnimmt, so dass frisches Kolostrum von guter Qualität für die Erstversorgung von Kälbern auf jeden Fall vorzuziehen ist. Die Kolostrumreserve kann jedoch auch gut nach dem ersten Lebenstag eingesetzt werden. Zwar werden die Immunglobuline dann nicht mehr ins Blut aufgenommen, jedoch gelangen sie zunächst noch unverändert in den Darm und können dort länger gegen über das Maul aufgenommene Durchfallerreger wirken. Daher wird empfohlen, bei Durchfallproblemen im Bestand den Kälbern in den ersten 14 Lebenstagen jeweils einen Viertel Liter Erstkolostrum in die Tränke zu geben.

Management der Biestmilchreserve
Für das Anlegen der Biestmilchreserve sollte Kolostrum aus dem ersten Gemelk von Kühen ab der vierten Laktation verwendet werden. Bei jüngeren Kühen ist das Risiko einer zu geringen Antikörperkonzentration groß.

Praktischerweise sollte das Kolostrum in kleinen Gefäßen eingefroren werden, da die Auftauzeit direkt von der gefrorenen Menge abhängt. Am besten werden Viertelliter- oder Halbliterportionen eingefrorenen, je nachdem ob für die Erstversorgung oder für Durchfallkälber gedacht. Da Plastikbeutel mit gefrorenem Kolostrum leicht beschädigt werden können, müssen sie zum Auftauen mit einer zweiten Tüte überzogen oder in eine Auffangschale gelegt werden.

Der zeitliche Aufwand für das Auftauen und Erwärmen der gefrorenen Biestmilch wird durch die Mikrowellenbestrahlung deutlich reduziert, in dem hier beschriebenen Versuch um 75 %. Eine Erwärmung bis auf 37°C ist nicht nötig, wenn die Biestmilch angesäuert wird. Dies geht am preiswertesten mit Ameisensäure, die direkt in die Tränke gegeben wird (4 ml 85% Ameisensäure, besser 40 ml 1:10 mit Wasser verdünnte Säure. Konzentrierte Ameisensäure ist sehr aggressiv.) Der Säurezusatz verringert außerdem das Durchfallrisiko, da insbesondere Ameisensäure gegen viele Bakterien (z.B. E. coli) wirkt. Die Antikörper werden aus einer angesäuerten Tränke sogar noch besser resorbiert als aus einer süßen. Damit das Kasein der Milch nicht ausflockt, sollte die Tränketemperatur dann bei 20 °C liegen – ab ca. 15 °C wird sie von den Kälbern nicht mehr gerne aufgenommen. Der Einsatz eines Nuckeleimers verbessert die Akzeptanz.

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